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Endlich Ferien, oder?

5. Juli 2010


Seit Tagen spürt man es in der Stadt: Der Sommer ist angekommen, nicht nur in den Temperaturen, nein auch in der Stimmung. Die Anzahl der Autos hat deutlich nachgelassen, Schauspiel und Oper sind in der Sommerpause. Selbst die Festhetze, die die Stadt im Juni durchflutete, flaut ab. Sommer, träge, stille Zeit. Die Kinder jubeln: Endlich Ferien! Ich kann mich noch gut an meine eigenen Sommerferien erinnern. Was für ein Gefühl: acht lange Wochen nichts müssen – einmal abgesehen von dem unvermeidlichen mütterlichen Zettel, der sich jeden Morgen neben meinem Teller fand. Acht lange Wochen! Mittlerweile sind es für die Kinder nur noch sechs. Aber immerhin! Sechs Wochen Freiheit von Terminen und Verpflichtungen! Urlaub.

Doch wenn ich an der Straßenbahnhaltestelle stehe, bohrt sich eine aufreizendes Schild förmlich in meinen Nacken: Ferienkurse. Soundsoviel Stunden für wenig Geld. Bildung, auch in den Ferien. Damit die Kinder das lernen, was ihnen im Schuljahr entgangen ist. Lernen? In den Ferien? Ich gehörte sicher nicht zu den faulen Schülern, aber auch ich hätte damals dieses Ansinnen weit von mir gewiesen. Ferien sind Ferien. Und Schule ist Schule. Doch kann man sich das noch leisten in einer Zeit, die sich Informationszeitalter nennt? Ist Muße, Freizeit, faktisch nichts tun nicht etwas, das zu all dem gehört, was „früher“ war? Selbst Kindergartenkinder haben heute schon Termine. Und wenn Kinder sagen, sie gehen spielen, schauen viele Erwachsene streng: Sie gehen ja lediglich spielen! In dieser Zeit könnten sie genauso gut etwas Ordentliches tun, etwas Richtiges, etwas Effektives.

Wirklich? Der französische Gelehrte Georges-Louis Leclerc de Buffon (1707–1788) soll die Haarnadeln der Damen gesammelt und über seine Schulter geworfen haben. War das sinnvoll? Effektiv? Oder doch nur ein Spaß? Aus den Kreuzungspunkten mit den Bodenfugen und der Länge der Nadeln entwickelte er eine Formel, mit der man die Zahl pi berechnen konnte.Wie viele mathematische Berechnungen sind heute ohne diese Zahl nicht denkbar!

Was würden die meisten von uns sagen, wenn Kinder so handelten? Vermutlich: die haben wohl zu viel Zeit, die sollten etwas Sinnvolles tun! … Oder? Aber was wäre die Wissenschaft heute ohne Gelehrte wie Buffon, die aus der Beobachtung wegsweisende Schritte ziehen?

„Zeit für Stille, Atemholen und nicht hetzen“ singe ich manchmal. Ich hoffe, dass dieser Sommer etwas von der Muße hat, die weiterhilft, denen die von Terminen gehetzt sind ebenso wie denen, die von Angst und Sorge oder der Leere ihres Lebens getrieben werden. Es sind endlich Ferien!

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4 Kommentare leave one →
  1. 5. Juli 2010 19:09

    Auch ich erinnere mich immer wieder gern an die 8 Wochen Sommerferien, die in meinem inneren Zeitmaß immer noch bestehen. Dir weiterhin einen schönen Sommer!

    • 5. Juli 2010 19:28

      Ehrlich gesagt vermisse ich die acht Wochen freie Zeit. Ich finde, dass der Sommer einfach ausgeglichener und ruhiger war. Ich kann auch nicht so recht nachvollziehen, was dieses Ferienschieben bringen soll. Länder wie Bulgarien – oder auch Frankreich – haben mit längeren Sommerferien auch keine Schwierigkeiten. Aber leider, leider werden sie mir den Wunsch wohl nicht erfüllen und die acht Wochen Sommerferien wieder einführen. Fürchte ich jedenfalls … 😉

  2. 6. Juli 2010 18:57

    Vielleicht sollten wir eine Unterschriftensammlung starten. Ich wäre auch sehr dafür! Und noch eine kleine Zusatzbotschaft an gewisse Behörden: Bitte niemals mehr die Prüfungen in den August legen, da liege ich nämlich lieber am See!

    • 14. Juli 2010 07:41

      Ja, das ist eine gute Idee! Vielleicht gründen wir einen Verein? Was meint ihr???

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