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Achtsamkeit sei Widerstand

15. Juli 2019

Ich kann es nicht mehr hören! Selbst wenn man in einem Lesecafé sitzt und eigentlich, sinnfrei und ganz selbstvergessen, lesen und genießen will, verfolgt es einen. Am Nebentisch. Zwei junge Frauen, fast noch Mädchen. Und offensichtlich haben beide bereits Therapie-Erfahrung. Und raisonieren lautstark und sehr wissend über das große Thema Achtsamkeit.

Postkarte von Poesie und Fotografie, Text: Bettine Reichelt, Foto Fabian Haas

Ich kann dieses Wort derzeit wirklich kaum noch ertragen. Nicht des Inhalts wegen. Der wäre schon wichtig. Aber derzeit geht es beim Thema Achtsamkeit nur noch sehr selten um den großen, spirituell anspruchsvollen und nur langsam zu erschließenden Inhalt. In den meisten Fällen geht es um Selbstbespiegelung und um Selbstoptimierung. Das geistliche Leben, immer bedroht für andere Zwecke genutzt zu werden, dient mittlerweile, getrennt von seinen stillen, tiefen Wurzeln, als Schnellbesohler für erschöpfte Seelen.

Ein tanzendes Kreuz von Erwin Reißmann

Das ist nicht nur weit entfernt vom eigentlichen Ursprung, es ist auch gefährlich. Denn in der Achtsamkeit komme ich in jedem Fall in Kontakt mit meiner eigenen Tiefe, mit meinen Abgründen und dem Faszinosum, das im Menschen ruht.

Dies anzunehmen und auszuhalten erfordert nicht nur eine lange Zeit der Übung, sondern auch ein hohes Maß an Demut vor dem, was mir immer unverfügbar und unkontrollierbar bleibt.

Achtsamkeit ist eben kein Weg, der zur optimierten Funktion des Menschen führt, sondern im Sinne der Mystik ein Weg des Widerstandes, des Widerstandes gegen Nutzbarkeitswahn und die Hybris des Menschen. Wer diesen Weg ernsthaft gehen will, kann nicht beim Bodyscan stehen bleiben – und nicht beim Schwadronieren über das Sein im Moment.

Es ist ein radikaler Weg. Und dies ganz im ursprünglichen Wortsinn: Achsamkeit in jeder Form der Mystik, ob bei Ignatius, Eckhart oder Tauler, bei Rumi oder Buddha, setzt an meiner eigenen Wurzel an. Daran zu nippen, als könne man den Becher selbst wählen und kontrollieren, ist ein gefährliches Spiel. Sehr schnell kann die heilsame Dosis in Gift umschlagen.

Derzeit kann man das gut in Bereichen wie der sog. transzendentalen Meditation beobachten: Wer sich dem unkritisch anschließt und ausliefert, landet häufig am Ende in einer geschlossenen Psychiatrie. Die sinnvolle und heilsame Grenze zur Welt, zu sich selbst und zum anderen ohne Demut herabzusetzen führt zu einer Entgrenzung, die lebensunfähig werden lässt. Oder man landet in einem entgrenzten Egoismus. Es ist erstaunlich, singt Hermann van Veen, dass sich die, „die sich nach innen so sehr verfeinern, nach außen so oft versteinern“. Dann leidet man zwar nicht mehr selbst – aber eben die anderen. Auch dies kann man derzeit an vielen Stellen beobachten

Es gibt in diesem Bereich selbstverständlich solide Anbieter, gut ausgebildete Begleiter, die den Weg selbst erfahren haben. Aber der Markt, der sich an derzeit auftut, ist unüberschaubar und gefährlich. Meinen Schülern sage ich : Nutzt euren Verstand. Dafür habt ihr ihn nämlich. Schaut genau hin, wer euch was verticken will: Hat er Humor? Kann er Fehler eingestehen und über sich selbst lachen? Darf ich meine Zweifel und Fragen auf meine Weise beantworten – oder gibt es nur die eine, unfehlbare Antwort auf der Seite des Begleiters? Werden die Hintergründe und Herkünfte der eigenen Position offengelegt? Beliebt ist derzeit die Masche „Geheimwissen, für das die Welt erst jetzt reif ist“. Schwachsinn. Dieses Wissen ist kein Bunkerbewohner und will es auch gar nicht sein.

Fingerlabyrinth an einer armenischen Kirche, 4. Jahrhundert in der heutigen Türkei (Foto: privat Fam. Spangenberg)

Wirklich achtsam zu sein heißt auch, sich einer banalisierten Form der Achtsamkeit nicht zu beugen. Widerstand. Freundlich zu bleiben, aber ebenso kritisch. Es ist ein Weg mit und zum Ursprung des Seins und hat darin seine Größe, die Demut und Geduld braucht und aufbaut. Ein einfacher Weg ist es nicht. Aber einer der, wie Rabindranath Tagore schreibt, dorthin führt, „wo die Freude zu Tisch sitzt“. Der Weg endet nicht. Und selbstoptimiert bin ich zu keiner Zeit, sondern in ganz anderer Weise belastbar und erfahren. Aber dies ist etwas, das mir im Gehen des Weges geschenkt werden kann. Nehmen kann ich es mir nicht. Es bleibt Geschenk.

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