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Leid und Freud der Dialekte

8. Juni 2016

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Ich bekenne, ich bin Vogtländerin, genau genommen: Exilvogtländer. Und nur ein Vogtländer weiß, was das wirklich heißt. Ich habe also Migrationshintergrund – wenn auch nur reichlich 100 Kilometer. Das allerdings kann entscheidend sein. Ein Beispiel: Sie erzählen einen Witz, aber niemand lacht. Das ist dann nicht mehr witzig. Vor allem wenn man begreift, dass es einfach nur am Sprachverständnis lag: Wer weiß schon, was eine gebehte Bemm ist? Und von Zwienle spricht in Leipzig keiner. Und der Satz „Der is fei lang orch geschiggd“ löst keine Bewunderung aus – nur Befremden. Ein vogtländischer Mitmigrant hat sogar einmal eine Ohrfeige erhalten, für einen bewundernden Ausruf: Du saau. So kann es einem ergehen, wenn man gerade einmal 100 km weiterzieht.

Hinzu kommt, dass das Erzgebirgische ja noch geachtet wird, ja geradezu den Ruf einer Sprache besitzt, aber nach der Niederlage der Vogtländer im Siebenjährigen Vogtländischen Krieg – wann war das gleich? So nach 1400? … Sie verstehen sicher, dass das Leiden der Exilvogtländer in der neuen Heimat zunächst einmal beträchlich ist.

Und dabei spricht man nur einen Dialekt. Eine Sprachform, die selbst bei anders gebrauchten Worten im Kern nichts anderes meint als das, was man Hochdeutsch ebenfalls sagen könnte: geröstetes Brot (gebehte Bemm), der ist aber sehr geschickt (der is fei lang orch geschiggd). Man kann sich verstehen lernen. Es dauert manchmal eine Zeit. Aber am Ende ist der Wortschatz auf beiden Seiten gewachsen. Und die Exilanten fühlen sich zuhause in der neuen Heimat. Auch wenn der Vogtländer Vogtländer bleibt, der Thüringer Thüringer, der Schwabe Schwabe. Zuhause ist man nun eben in Sachsen. Der Dialekt verrät es. Bedeutsamer ist es nicht.

In einer Welt, in der die Reisemöglichkeiten, anders als noch von 100 Jahren, beinahe unbegrenzt sind, finden Menschen an anderen, weit entfernten Orten eine neue Heimat. Solange die Kriege und Hunger das Leben bedrohen, können viele gar nicht anders, als ins Exil zu gehen. Die meisten erst einmal innerhalb des Landes, viele dann in den Nachbarländern, einige wenige schaffen den Weg bis ins friedliche Europa.

Die Menschen kommen aus einer anderen Kultur. Ihr Lebensdialekt ist ein anderer. Aber sie sind Menschen. Ihre Grundbedürfnisse sind nicht anders, als die der Menschen hierzulande: Essen, Trinken, Schlafen, lieben und geliebt werden, geachtet sein. Was der einzelne jeweils darunter versteht, darüber muss man reden. Uunser Lebensdialekt wird sich durch andere verändern – und bereichern. Das kann irritierend sein. Und es kann sein, dass man sich mal eine Ohrfeige einfängt – unverdient. Am Ende aber sollte die Erfahrung einer dialogfähigen Welt stehen: Wir sind Menschen, die auf dieser einen Erde leben. Jeder für sich und in seiner Begrenzung – in Weite und Freiheit aber im Miteinander.

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3 Kommentare leave one →
  1. 8. Juni 2016 13:29

    Und jetzt den vogtländischen Witz bitte!

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