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Katholikentag 2016 in Leipzig: Mitten im Alltag der Mensch

23. Mai 2016

Er ist umstritten, er ist teuer und er findet statt – mitten im Osten, mitten im Jahrhunderte lang evangelisch geprägten Gebiet, mitten in einer Großstadt, in der kaum 20 % sich den christlichen Kirchen zugehörig fühlen. Der Katholikentag in Leipzig ist ein Wagnis.

Ein Wagnis allerdings mit großen Chancen: Es werden Menschen in die Stadt reisen, die sich vielleicht noch nie in die neuen Bundesländer aufgemacht haben. Die Anmeldezahlen sind gut. Auch wenn Sachsen bundesweit in letzter Zeit eher ambivalent wahrgenommen wurde. Viele interessieren sich doch für diese Stadt im Osten, von der sie mindestens schon gehört haben. Und sie interessieren sich für ein vielfältiges und buntes, auch ökumenisches Programm, in dem Themen aufgenommen werden, die für den Leipziger Alltag nicht alltäglich sind. Streitbare Themen, sicher. Aber gerade darum ist es wichtig, darüber zu reden, Lösungen zu debattieren, Ideen zu entwickeln. In einer Zeit, in der vielen Träume und Utopien schwer werden, in der ein zu großer Teil der Bevölkerung sich mit Ängsten belastet sieht und sich nicht ausreichend wahrgenommen fühlt, ist es wichtig, solche Themen aufzugreifen und einmal jenseits der vorgefassten Meinung anderes zu sehen, zu diskutieren, sich abzugrenzen und vielleicht sogar zu entdecken: Das sind auch nur Menschen, die Katholischen – und dann wohl auch die Evangelischen, lebensfroh, bunt, exzentrisch und manchmal so stinknormal, dass sie einem auf der Straße gar nicht auffallen.

An vielen Ecken der Stadt kann man die Werbeplakate sehen: Seht, der Mensch … Ein höchst ambivalenter Satz, ein Auszug aus der Leidensgeschichte Christi. Und man weiß nicht recht: Mein Pilatus das zynisch, bewundernd oder will er den Juden seiner Zeit einen Spiegel vorhalten? Seht: das ist der Mensch, leidend und doch würdevoll? Oder: Seht, so seid ihr, jämmerlich, leidend, ein besiegtes Volk? Muss man sich im schönsten Monat des Jahres denn ausgerechnet wieder mit dem Leiden auseinandersetzen? Mit Schuld? Oder gar mit diesem schrecklichen Thema, dass die Kirchen ja immer mit sich herumtragen, dem Thema Sünde? Ist dazu nicht längst alles gesagt worden? Gäbe es nicht anderes, Wichtigeres? Die Frage der Flüchtlinge zum Beispiel. Oder die Frage nach dem Sozialen? Organspende und Erziehung? Muss es ausgerechnet eine solche Stelle aus der Bibel sein? Andererseits: Geht es dabei nicht in jedem Falle um Menschen, die gesehen werden – oder oft eben auch nicht?

Manchmal haben solche spröden Geschichten, die den Zugang erschweren, über die man erst einmal nachdenken muss, einen eigenartigen Effekt: Man lernt etwas über sich, das man an dieser Stelle nicht erwartet hat – und schon gar nicht hören wollte. Im günstigsten Fall können die Begegnungen in Leipzig im Mai 2016 die Wirkung einer solchen Geschichte haben: Nicht unbedingt gewollt, aber dann doch zugelassen – und plötzlich entdeckt: Wir haben uns etwas zu sagen. Was ist noch offen. Aber es könnte eine Bereicherung sein.

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