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Zum 100. Todestag Max Regers: Ein feste Burg ist unser Gott. op 27

18. Mai 2016

Auszug aus Bettine Reichelt: Max Reger. Ein biographischer Roman, Kap 4:

Und wenn die Welt voll Teufel wär

Und wollt uns gar verschlingen

So fürchten wir uns nicht so sehr

Es soll uns doch gelingen

Choralzeile aus der Orgelfantasie op.27

Seit Tagen wälzt Max das Gesangbuch. Er sieht sich Texte an, lauscht auf den Widerhall in sich. Aber keiner der Choräle trifft seine Stimmung so sehr wie der von Luther: Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen, er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen. Dass er sich ausgerechnet dem protestantischen aller protestantischen Choräle so nahe fühlt, wird Emi wohl etwas brüskieren. Egal, er fühlt so sehr mit dem großen Reformator, seinem Kampf, seinem Sieg: Auch meine Not war groß, riesengroß   wenn auch nicht ohne eigenes Verschulden. Meine Verzweiflung hat mich fast in den Wahnsinn getrieben. Und mit der Macht eines Künstlers war es eben nicht getan. Wie schnell, wie unglaublich schnell war ich verloren, obwohl ich nach der schweren Krise, nach der Wiedergeburt damals, mich auf einem Felsen wähnte, von dem mich niemand fällen sollte. Aber meine Lebensverhältnisse brachten den Absturz zustande: Tillys Ablehnung, die Verweigerung der Kollegen, natürlich auch Riemanns Ferne und seine Unversöhnlichkeit, das Jahr unter musikalisch Unverständigen und dann dieses große und schwere Wort Schulden. Dieses hat mich gefällt wie eine Eiche, an die die Axt gelegt wird. Vielleicht war auch dies und jenes von ganz innen her beteiligt. Alles, was sich den Worten entzieht. Und ist es nicht am Ende doch auch Gnade, dass ich jetzt hier sitzen kann, in der Sonne, in Erwartung eines guten und reichhaltigen Essens, in Vorfreude auf die Gespräche mit Lindner am Abend? Gnade von Gott her? Ja, das ist es. Und wenn die ganze Welt von Teufeln wimmeln würde, unter dieser neuen Gnade kann mir gar nichts mehr geschehen. Das Wort, den Ton sie sollen lassen stahn, was auch immer mir widerfahren wird. Vor diesem Gott, der ihn heraus gerissen hat, ein bisschen auch gegen seinen eigenen Willen, vor diesem Gott fällt alles dahin, wird die Welt klein, zart, zerbrechlich. So riesig muss sich die Musik da aufbäumen, dass man sich wie eine Ameise vorkommt: Klein, unbedeutend, zerbrechlich, ausgeliefert. Und dennoch bleibt uns das Reich. Dennoch! Was auch immer geschehen ist, geschieht, geschehen wird, das bleibt bestehen. Beim Lesen der Verse, die Max längst kennt, läuft ihm die vergangene Zeit wie ein Film innerlich vorbei. Es ist gar nicht anders denkbar, er muss alle vier Strophen des Liedes auskomponieren. Er will das Leben gestalten, das er geführt hat und das neue, das jetzt auf ihn wartet. Der Choral ist eine Trutzburg. Er ist seine Trutzburg. Mag die Mutter ihm das Geld in die Hand zählen, damit er ja nicht zuviel bei sich trägt, mögen die Eltern für ständige Aufpasser sorgen, wenn er sich durch die Welt bewegt, mag der Vater auch jeden Glauben in seinen Sohn verloren haben: dennoch liegt in ihm Musik, dennoch wird er schaffen! Eines Tages wird er sich erheben, wie Phönix aus der Asche und sie werden staunen und endlich anerkennen, dass er, ihr Sohn, ein begabter und befähigter Musiker ist. Dann müssen sie sich einfach den Realitäten geschlagen geben. Sie müssen!

Max nimmt den schwarzen Federhalter und beginnt in unglaublichem Tempo Ton auf Ton auf das Papier zu bannen. Die Zeilen füllen sich in kürzester Frist. In seinem Kopf hat er das meiste vorgebildet, jetzt muss er lediglich notieren.

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