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Im „Gasthof zur Eisenbahn“. Zum 100. Todestag von Max Reger

11. Mai 2016

„Wohnhaft in der Eisenbahn“ hieß vor einigen Jahren eine Ausstellung des Max-Reger-Instituts. Die eigene Wohnung nannte Reger „Hotel zum tückischen Kontrapunkt“. Man beschimpfte ihn 1897 als „Socialdemokraten unter den Komponisten“. Mit diesen wenigen Worten sind  schon die Größe und Ambivalenz Max Regers umrissen: Er schuf rastlos, lebte unmäßig, war großspurig und hochgradig empfindlich und arbeitete für sein Ideal der Musik bis zur Selbstaufgabe.

Den Weg in die Musik emkämpfte sich Reger: Er ging, nicht gerade zur Freude seiner Eltern, zum Studium nach Sondershausen, jenseits der „Weißwurstgrenze“ und in evangelische Gefilde. Eigentlich hätte er Lehrer werden sollen, einen soliden Beruf ergreifen.

Schnell zeigte sich, dass Reger unbestreitbar hochbegabt war, ja seinen Studienkollegen überlegen. Aber für seine Musiksprache fand er wenig Verständnis. Sie wurde als revolutionär empfunden. Die wiederholten Rückschläge trafen Reger schwer. Er suchte mehr und mehr Trost im Alkohol. Ein Übriges tat der Militärdienst. Gesundheitlich schwer angeschlagen und hoch verschuldet verließ er das Militär.

Die folgenden Monate gehören wohl zu den dramatischsten in Regers Leben: Er versank in Alkoholabhängigkeit, die Schulden stiegen, seine Werke wurden nicht gedruckt, die Versuche, eine Stellung anzunehmen, schlugen fehl. Seine Schwester Emma versuchte 1898 zweimal den Bruder nach Hause zu bringen. Als Reger schließlich im Juni zu Hause ankam, schien er mit 25 Jahren am Ende zu sein. „Max hält sich recht brav“ war der lapidare Kommentar der Mutter, der ahnen lässt, was sie erwartet hatte.

Da aber geschieht ein kleines Wunder: Reger begann kurz nach seiner Ankunft wieder zu komponieren. Seine Selbstdisziplin wurde ihm zum Rettungsanker. Der Katholik Reger verarbeitete die Krise in dem Orgelwerk zum Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“, dem evangelischsten aller evangelischen Choräle. Unterstützt durch den brillanten Organisten Karl Straube, der Regers erstes großes Orgelwerk aus der Taufe gehoben hatte, gelang Reger der Neuanfang. Er wurde bekannter und konnte seine Schulden abtragen.

Im Oktober 1902 heiratete er die geschiedene Evangelische Elsa von Bagenski. Für die katholischen Eltern und vor allem seine Schwester eine unfassbare Entscheidung.

Der Weg des Künstlers in die Welt des Ruhms blieb dornig. Reger gelang 1904 der Durchbruch, er kämpfte wiederholt gegen bisweilen bösartige Anfeindungen, reagierte hochgradig empfindlich auf Zurückweisung, war aber anderen gegenüber nicht zimperlich. Seine Briefe sind durchzogen von Scherzen – bis zu Geschmacklosigkeit, aber auch von Lob bis zur Anbiederung.

In München, später in Leipzig (1907 1911) und Meiningen (1911 1914) wiederholen sich gleichsam die Abläufe. Ein Beginn voller Hoffnung, dem eine Flucht aus den Verhältnissen folgt: Karl Straube wurde Thomaskantor, Arthur Nikisch, seit 1895 Dirigent des Gewandhausorchesters, führte mehrfach Regers Werke auf, Regers Hauptverlag wurde der Leipziger Verlag Lauterbach & Kuhn. Die Chance für einen Neuanfang. Als Heinrich Zöllner aus dem Amt des Universitätsmusikdirektors ausschied, bemühte sich Reger um eine Anstellung in Leipzig. Die Berufung als Universitätsmusikdirektor und als Lehrer an das Konservatorium stieß auf Widerstand, da Reger katholisch war und nicht verpflichtet werden konnte, evangelische Gottesdienste zu gestalten. Die Kommission beschloss, die Entscheidung 14 Tage zu bedenken. Reger schrieb daraufhin an Straube (16.02.07): „… Wenn die Herren bei der Universität erst in 14 Tagen entscheiden können – nun dann sollen sie sich jemand anderen suchen! Ich hab’ es satt!“. In der Zwischenzeit bemühte sich Adolf Wach, ein Mitglied der Gewandhausdirektion und Förderer der Regerschen Musik, beim Sächsischen Kultusminister um Regers Berufung. Der Besänftigte telegrafierte am 19.2.1907 an Wach: „infolge aus Leipzig eingetroffener nachricht bin sehr gerne bereit die stellung an der universität anzunehmen …“ Ende März zog das Ehepaar Reger nach Leipzig.

Bald wuchsen auch in Leipzig, wie zuvor in München und später auch in Meiningen, die Schwierigkeiten: 1907 eskalierte der Streit mit Lauterbach & Kuhn, sodass sich Reger mit den ehemaligen Freunden nur noch per Rechtsanwalt verständigte. Die Proben mit dem Paulinerverein konnten Regers Wünschen nach Qualität nicht standhalten. Er legte diesen Posten bald nieder. Am 31.10.1908 trat er vom Amt des Universitätsmusikdirektors zurück. Die Leipziger Presse begann seine Konzerte und die Kompositionen kritischer zu beurteilen. Reger wich den Konflikten auf immer neue Konzertreisen aus und verbrachte die Abende in allzu fröhlicher Runde. Gegen vermeintliche und wirkliche Feinde zog er in Briefen und Artikeln zu Felde. Ein über mehrere Artikel öffentlich geführter Streit mit seinem ehemaligen Lehrer Riemann führte von der Entfremdung zum offenen Bruch. 1911 verließ Reger Leipzig – blieb aber der Stadt als Lehrer treu.

Seine großen Erfolge, vor allem in intellektuellen Kreisen, erfüllten ihm offensichtlich nicht die tiefe Sehnsucht seiner Seele. Als er am 11. Mai 1916 in Leipzig starb, war er ein gefeierter Künstler und dennoch nie wirklich glücklich. Vielleicht hat darum seine Musik, die immer auch Ausdruck seines seelischen Ringens war, nichts von ihrer Kraft verloren und blieb zugleich bis heute umstritten.

Bettine Reichelt

(Artikel erschienen in der Mai-Ausgabe der Kippe 2016

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