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Wendebiografien: Christel Hartinger

3. Oktober 2015

Hartinger_2014_09_01

„Ich hatte gar keine Chance, nicht links zu werden.“ Wie oft habe ich diesen Satz von Christel Hartinger gehört. Jahrgang 1941, ein Kriegskind, verbunden mit Saale und Ilm, eine sensible Frau, die aus ihren Erfahrungen heraus lebt. „Erfahrungswahrheit“ war für sie als Jugendliche das Erleben des Kriegsendes, der sich wandelnden Verhältnisse und vor allem die Besichtigung des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald. Ein Schock. Und das „Nie-Wieder“, das man in der DDR unweigerlich zu hören bekam, wurde auch zum Bekenntnis Christel Hartingers. Sie hat sich, so sagt sie selbst über sich, mit dem jungen Staat voll identifiziert, gerade auch mit dieser antifaschistischen Grundhaltung: Die Grundstruktur war gut, die Umsetzung schwierig. Und der Bau der Mauer war für sie zwar ein Einschnitt, aber eben auch eine Chance, die dem Projekt Sozialismus in der DDR eine Chance gab. Frieden und Wohlstand für alle, eine andere, eine neue, eine bessere Gesellschaftsordnung, die dem Frieden eine Chance gibt – das war und ist bis heute ihr Bekenntnis.

Ihre große Liebe galt und gilt der Kunst – speziell der Literatur und das wurde ihr Leben: Promotion über Brecht und danach leidenschaftliche Hochschullehrerin, eine Werk gemeinsam mit ihrem Mann Walfried Hartinger, zentrale Figuren in der Leipziger Literaturszene und darüber hinaus.

Gab es in diesen Jahren zwischen 1960 und 1980 nicht auch Fragen? Doch die gab es. Aber der Grundtenor war doch: Das Projekt Sozialismus ist kompliziert, aber möglich. Christel Hartinger hat an diesen Staat geglaubt und hat darauf vertraut, dass es besser werden kann. Man mag das aus heutiger Sicht kritisieren. Aber es war eine Lebenswirklichkeit. Und es gab immer die Entschuldigung, dass dies ja erst der Anfang sei, dass es besser werden wird, dass dieses Projekt schon seinen Weg findet. Innere Reformen waren die Hoffnung.

Auch im Herbst 1989 hoffte Christel Hartinger noch darauf. Sie nahm an den Demonstrationen nicht teil. Die Organisation der Leipziger Poetikvorlesungen aber, die zehn namhaften Autoren wie Christoph Hein und Volker Braun ein Podium boten, wurde zur „Stunde der Autoren“ (Christel Hartinger, Antonia Opitz, Roland Opitz (Hg.), Diese Stunde gehört den Autoren – Leipziger Poetik-Vorlesungen im Herbst 89, Leipziger Universitätsverlag).

Und die Worte Volker Brauns sind vielleicht für die kommenden Jahre im Leben von Christel Hartinger: „Auf den Hacken / Dreht sich die Geschichte um; / Für einen Moment / Entschlossen“ (Anspruch auf Austrag der Widersprüche, 1988). In einem Interview mit der Zeit sagte sie, sie sei unerwartet glücklich gewesen in dieser Zeit. Aber dass sie nicht in die Welt hinaus durfte, das habe sie vorher gehorsamst verdrängt.

Und nun brach das Verdrängte mit voller Wucht über sie herein: 1991 die Entlassung aus der Universität, überleben in ABM-Stellen. Und die Kriege der Welt hören nicht auf. Der Schmerz über das gescheiterte Projekt Sozialismus setzte und setzt ihr zu. Auch die Art und Weise wie mit ihr und ihrem Mann in dieser Zeit verfahren wurde, beide vor allem eines: leidenschaftliche Literaturwissenschaftler.

Aber gerade die Kunst, die Literatur und der unermüdliche Einsatz für den Frieden der Welt werden für sie zu einem neuen Weg. Trotz ihrer schweren Erkrankung, durch die sie ab 1994 erwerbsunfähig war. Ein schmerzvoller Weg, an dem andere zugrunde gegangen wären.

Nicht so Christel Hartinger. Sie bleibt Linke, bleibt Genossin und öffnet sich dem, was vorher undenkbar gewesen wäre: dem Gespräch mit der Kirche und der Teilnahme an Friedensgebeten.

Diese Doppelung ihrer Engagements für die Literatur, vor allem für das Schaffen von Frauen, und dem Weltfrieden führte auch uns zusammen. Sie wurde mir zu einer wesentlichen Begleiterin auf dem Weg in die Literatur. Der Reger-Roman ohne ihren Rat? Undenkbar! Mein eigner Weg in die Lyrik ohne ihre Kritik? Das möchte ich mir auch nicht vorstellen. Ab dem Jahr 2001 gestalteten wir jedes Jahr gemeinsam ein Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche. Eine Atheistin, Genossin und eine Pfarrerin vor dem Altar – und das Verbindende ist stärker als das Trennende. Auch das ist „Erfahrungswahrheit“, die ohne den Herbst 1989, ja, auch ohne die mehr als schmerzhaften Brüche nicht denkbar wäre.

So hat sie auch diesen Umbruch überlebt, wie den ersten 1945. Nicht mit fliegenden Fahnen und nicht ungeschlagen, aber dennoch ungebrochen. Immer einmal wieder sagt Christel zu mir: „Weißt du, ich würde gern einmal in 100 Jahren mit einem Fernrohr auf die Erde schauen, woher auch immer – du weißt ja, ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod –, ja – und sehen, wie dann der Stand ist.“

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