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Freizeit – Zeit für freie Zeit?

16. Juli 2015

2015-05-15 17.30.50Was ist eigentlich Freizeit? Auf den ersten Blick scheint klar, was wir darunter verstehen: Zeit, in der es keine Termine gibt, die nicht verplant ist, in der es keine Lasten gibt. Nur Freiheit und die Möglichkeit, nach dem eigenen Rhythmus zu leben.

Schaut man das Wort genauer an, so ist gar nicht mehr so klar, was es eigentlich meint. Schon die alten Griechen kannten freie Zeit im Sinne der Muse. Aber sie war denen vorbehalten, die es sich leisten konnten. Sklaven wurden im Jahr 60 Tage zugestanden, die sie bei Spielen wie den Olympischen Spielen verbrachten. In diesem Sinne hatten sie ihre „freie Zeit“ im Interesse des Staates zu verbringen.

Auch im Mittelalter gab es die Vorstellung einer Zeit, in der man tut, was man eben will, im Grunde gar nicht. Frey-Zeit beschrieb damals einen Zeitraum, in der Marktreisende unbedroht unterwegs sein konnten, eine Friedenszeit.

Erst der Pädagoge Friedrich Fröbel entwickelte im 19. Jahrhundert eine Vorstellung von Freizeit, die der unseren nahe kommt. Er führt für seine Zöglinge eine Zeit ein, in der sie ihren individuellen Bedürfnissen nachgehen konnten. Keiner wäre damals auf den Gedanken gekommen, dass diese Zeit einfach ungefüllt ist. Es gab nur keine Vorgaben von außen dafür.

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Für Ruhe und Entspannung im Arbeitsprozess sorgten bis Anfang des 19. Jahrhunderts Sonne und Jahreszeiten. In der Nacht, ohne ausreichendes Licht, beleuchtet vom Feuer im Herd oder dem Licht einer Öllampe, konnte man nicht mehr in gleicher Weise arbeiten wie am Tag. Der Winter dämpfte die Aktivitäten insgesamt. Diese Trennung endete mit der Entwicklung des künstlichen Lichts. Plötzlich war es möglich, auch nachts zu arbeiten. Ende des 19. Jahrhunderts waren Arbeitstage bis zu 16 Stunden keine Seltenheit. Die Maschinen waren immer bereit zum Schaffen. Die Kraft des Menschen blieb begrenzt. Freizeit wurde das, was übrigblieb, wenn die Arbeit getan war. Für Marx war die Sicherung eines solchen Freiraums eine Frage der Emanzipation und der Menschlichkeit.

Heute kehrt sich die Entwicklung an vielen Stellen beinahe um. Wer hat ausreichend Freizeit? Was heißt das überhaupt: ausreichend Zeit? Jeder Tag bringt 24 ungefüllte Stunden mit sich.

Diejenigen, die über als frei und ungebunden empfundene Zeit verfügen, sind gefordert, diese Zeit auch zu füllen. Doch womit? Geschichten erzählen am Feuer? Auch für Freizeit, die doch unbelastet und ungebunden sein sollte, gilt mittlerweile die Forderung: Mach was draus!

Und was tun die Deutschen, wenn Sie frei haben? Untersuchungen sagen: Sie schauen fern und nutzen das Internet. Weit abgeschlagen sind die Themen „den eigenen Gedanken nachgehen“, „wichtige Themen diskutieren“ oder „Sport“.

Was ist Freizeit? Vielleicht ist diese Frage nicht mehr zeitgemäß und lässt sich nur schwer allgemein beantworten. Viel eher stellt sich die Frage: Was ist Freizeit für mich?

BR

Veröffentlicht in der Sommerausgabe der „Kippe“ 2015

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2 Kommentare leave one →
  1. 16. November 2016 11:16

    Ich sehe, dass immer mehr Menschen nicht wollen, ihre Freizeit zu verschwenden. Sie verbringen viel Zeit in der Luft oder nehmen an einer anderen Form der Unternehmung teil. In meiner Sicht (ich verfolge die room escape in Wien http://www.openthedoor.at) bin ich froh, dass die Menschen eine andere Spielart wählen als ein Computerspiel.

  2. 4. Oktober 2017 12:07

    Ich kann das gut verstehen. Immer wenn ich frei habe, fällt mir die decke auf den Kopf…ich brauche jedenfalls einmal am Tag etwas zu tun und wenn es nur gemeinsame Gesellschaftsspiele sind….Wir waren letzten Sonntag zB. Im Escape Room… Das hat auch gereicht und war spaßig

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