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Leipziger Wohnlandschaften

17. April 2015

Pixels on Screen Fabian Haas fotografiert auch Stadtlandschaften

Pixels on Screen Fabian Haas fotografiert auch Stadtlandschaften:Rabenkrähen in Leipzig 2014

1989, Leipzig, Connewitz, wir sind auf Wohnungssuche. Wir möchten eine eigene Wohnung, unabhängig von einem Wohnberechtigungsschein. Die Suche gestaltet sich abenteuerlich. Von einer Schwarzwohnung in die nächste zu ziehen ist ein Abenteuer. In einem Haus weiß man nicht recht, ob die Treppe die Benutzun übersteht. Hauslicht gibt es nicht. Die Toilette für alle Mietparteien (insgesamt drei) ist ganz unten im Haus. In einem anderen Haus freut man sich sehr, dass wir vielleicht einziehen wollen, aber wir erhalten den Hinweis: wenn es regnet, nehmt den Regenschirm im Haus. Es regnet herein. Ein Vermieter nimmt uns schließlich in einen bestehenden Mietvertrag auf. Die Wohnung steht seit etwa einem Jahr leer. Sie hat sogar ein Bad. Aber: Bitte füllt die Wanne nicht ganz. Die Decke in der ersten Etage ist durchgebrochen, als der Mieter gerade badete. Fünf Jahre später ist das Haus renoviert. Wir können uns die Wohnung noch leisten, weil wir einen alten Mietvertrag haben. Der Garten ist bereinigt, die Romantik verflogen. Es war um vieles schöner geworden. Und doch …

Heute, 15 Jahre nach der Wende, sind Häuser, die wilde, ungepflegte Gärten haben, in denen Kohlen geschleppt werden und die Toilette auf der halben Treppe ist, kaum noch zu finden. Die Stadtteile haben sich gemausert. Plagwitz, noch 1989 verfallender Industriestandort mit Wohnraumanbindung, ist fast vollständig renoviert. Leipzig hat gewonnen.

Und doch: Keine Entwicklung ohne Wermutstropfen. Plagwitz war ein Geheimtipp für junge Künstler, für Experimentierende. Noch haben viele von ihnen ihre Läden an der Karl-Heine-Straße. Noch sieht man die Träume, die sie in diesem Stadtteil verwirklichen wollten. Aber es ist bereits ein neuer Trend sichtbar. Menschen, die ambitionierte Projekte entwickeln und gestalten, sind oft die ersten, die einem Stadtteil ein neues Flair geben. Aber sie sind häufig nicht in erster Linie am Gewinn orientiert. Wenn die Häuser renoviert sind, die Stimmung sich ändert, der Ruf des Stadtteils neue Mieter anzieht, wird der Ort für Investoren interessant. Und es geht ums Geld verdienen – und höchstens in zweiter Linie um die Gestaltung eines Inhalts. Dann steigen die Mieten. Und die Mieter wechseln.

In Plagwitz lässt sich dieser Wandel im Augenblick gut beobachten. In Lindenau findet man, rund um die Georg-Schwarz-Straße noch zahlreiche Projekte, die ein anderes Leben in der Stadt gestalten wollen. Man fragt sich: Wie lange noch?

Was für die Stadtteile gilt, prägt auch den Ruf der Stadt insgesamt: Leipzig ist für viele attraktiv. Zuzüge aus allen Teilen Deutschlands verändern und bereichern die Stadt. Aber zugleich wächst damit das Interesse der Investoren, denen es weniger um ein buntes Leipzig, als vielmehr um einen guten Verdienst geht. An Mietpreissteigerungen beteiligen sich nicht nur Privatbesitzer, sondern auch Wohnunggenossenschaften, wie man aus Gesprächen mit Mietern erfahren kann. Dafür mag es gute Gründe geben. Für den Mieter ist es unter Umständen eine dramatische Entwicklung.

Kann es denn, frage ich mich, eine so positive Entwicklung, einen Gewinn an Wohnqualität, wirklich nur um den Preis der – vor allem finanziellen – Ausgrenzung von Menschen geben, die gerade diese Entwicklung gefördert haben? Gäbe es für uns als Bewohner dieser Stadt nicht auch einen anderen Weg?

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