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Organspende – Nachdenken über ein Grenzland

7. Februar 2015

2015-02-03 11.05.31

Sie schauen mich ernst von Plakaten an und halten mir einen Zettel entgegen. Prominente zumeist. Und ich soll ihnen zustimmen, ich soll auch sagen: Ich spende meine Organe, gegebenenfalls. Ich rette Leben, wird gesagt, aber um den Preis meines eigenen. Das, so werde ich dann aufgeklärt, wäre ja nicht so problematisch, denn, so ich zum Spender auserkoren würde, würde ich eh sterben – oder sei nach der Definition Hirntod eigentlich schon tot. Da wäre es doch eigentlich gewissermaßen schade, wenn man meine sterblichen Überreste nur noch in die Erde legt, damit sie zerfallen. Und – sofern ich an einen Himmel glaube – da brauche ich den Rest ja dann auch nicht mehr. Die Kirchen sprechen gar von der Möglichkeit der Nächstenliebe. Damit wäre dann noch eine moralische Kategorie eingeführt, die die Entscheidung für den Glaubenden nicht eben leichter macht. Auch wenn es nur ein „Kann“ ist. Aber jemand anderes kann weiterleben.

Ist das so? Bin ich tot, wenn mein Hirn versagt? Wie weit muss die Zerstörung vorangeschritten sein, bis sie irreversibel ist? Wer kann das zweifelsfrei festellen? Und lebt der andere wirklich weiter, wenn er mein Organ bekommt? Wie sicher ist das? Und ist diese Spende dann wirklich eine Heilung der Erkrankung? Oder braucht der, der ein Organ bekommt, nicht früher oder später doch ein weiteres Organ. Lebt er also nur dann weiter, wenn nun ein nächster stirbt? Auch aus der Sicht dessen, der ein Organ empfangen könnte, stellen sich Fragen: Will ich überhaupt mit dem Organ eines Verstorbenen weiterleben? Wann und unter welchen Bedingungen sind Spenden einen Lebenden möglich und sinnvoll?

Viele der Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Das Thema Organspende ist kompliziert. Es geht um zwei Menschen in schweren, in vielen Fällen ausweglosen Situationen. Und beide haben ein Recht auf die ihnen eigene Würde.

Ein Recht auf Leben oder Überleben aber haben sie nicht. Wer sollte ihnen das geben? Sie leben. Aber wer sollte entscheiden, wer überleben darf? Der Arzt? Die Angehörigen? Die Begleiter? Am Ende des Lebens stellen sich seit den 60er Jahren ähnliche Fragen wie am Beginn des Lebens. Wann ist die Grenze erreicht? Und wie gehe ich damit um? Das Transplantationsgesetz (TPG) sieht deshalb vor, dass möglichst jeder für sich selbst die Entscheidung pro oder contra Organspende trifft. Und es ist gut, diese Entscheidung für sich selbst zu treffen. Aber es ist auch möglich, sich nicht zu entscheiden. Dann müssen im Falle eines Falles, Angehörige die Entscheidung treffen. Schwer ist es in jedem Fall. Soweit die Theorie. Problematisch wird es aber sofort in §1 (1) des TGP: Es ist erklärtes Ziel des Gesetzes „die Bereitschaft zur Organspende in Deutschland zu fördern“.

Dass es überhaupt zu einer solchen Festlegung kommt, ist Folge der erweiterten medizinischen Möglichkeiten. Noch bis in die 40er Jahre hinein war ein Mensch tot, wenn er nicht mehr atmete, das Herz nicht mehr schlug und er begann kalt zu werden. Mit den Möglichkeiten der Intensivmedizin war in den folgenden Jahren möglich, einen Menschen am Leben zu erhalten, auch wenn das Herz nicht mehr – oder vorübergehend nicht schlug oder wenn er aufgehört hatte zu atmen. Maschinen übernahmen die Funktionen. Der Mensch lebte weiter. Ziel war eigentlich eine Überbrückung. Aber manchmal wurde deutlich, dass dieser Mensch durch die Maschinen am Sterben gehindert wurde. Wann war der Mensch tot? Man musste dafür eine neue rechtliche Kategorie finden, damit die Maschinen abgestellt werden durften. Diese Hilfskonstruktion wird als Hirntod bezeichnet. Sie geht von der Theorie aus, dass das Hirn zentral den Menschen zur Person macht. Diese Annahme ist mittlerweile durchaus umstritten. Seit 1997 ist die Feststellung des Hirntodes medizinisch und rechtlich in Deutschland zwingende Voraussetzung für die Entnahme von Organen. Nach der Entscheidung für die Organentnahme ändert sich der Status des Betroffenen. Die Medikation ändert sich. Die Vorbereitung der Exkavation (Operation zur Entnahme der Organe aus dem Körper) wird eingeleitet. Die meisten Organe können nur verpflanzt werden, wenn sie bis zur Entnahme durchblutet bleiben.

Nur die Hilfskonstruktion des Hirntodes macht es möglich, überhaupt über Organspende nachzudenken. Solange der schwerst Verletzte oder schwerst Erkrankte als Sterbender gilt, hat er eine eigene Würde als Person. Und diese Würde ist entsprechend Grundgesetz bekanntermaßen unantastbar. Wenn aber der Hirntod festgelegt wurde, gilt der Mensch als tot – obwohl er weiter vitale Funktionen hat. Die spektakulärsten Berichte bezieht sich wohl immer wieder auf Schwangere, die unter intensivmedizischer Versorgung eine Schwangerschaft austragen, obwohl sie als hirntod galten. Unsere Annahme des Todes bezieht sich offensichtlich auf die Frage: Wann ist diese Person in ihrer Einheit von Körper und Geist nicht mehr zu erleben.

In anderen Kulturen wird für den Prozess ein weit längerer Zeitraum angenommen, als im abendländischen Raum. Sterben, so wird immer deutlicher, ist ein Prozess, über den wir sehr wenig wissen. Er beginnt im Grunde genommen mit dem Absterben der ersten Zellen im Körper und somit schon vor der eigentlichen Geburt. Im Extremfall wurde ein Zeitraum von 14 Jahren zwischen Hirntod und Herzstillstand beobachtet. Welchem Recht unterliegt ein Mensch, der so langsam stirbt? Diese Frage zu beantworten ist wichtig und zugleich hochproblematisch.

In die rechtliche und die biologische Fragestellung mischen sich immer wieder ethische Anfragen: Darf ein Mensch für einen anderen verfügbar gemacht werden? Wem gehöre ich? Wem gehört mein Körper? Hat die Gesellschaft ein Anrecht auf mich – jedenfalls dann, wenn ich nicht mehr im gewünschte Sinn funktioniere? Noch ist es deutsches Recht, dass Patienten ausschließlich zu ihrem eigenen Wohl und niemals zum Wohl dritter behandelt werden dürfen. Solange also ein Mensch als Patient gilt, muss er als solcher zu seinem eigenen Wohl behandelt werden. Menschliches Leid darf in diesem Sinne nicht gegeneinander gewertet und ausgespielt werden. Diese Würde des sterbenden Spenders hat oft keinen Raum in der Debatte. Zu einseitig geht es um die möglich Rettung des anderen Lebens.

Die Frage nach dem, wie wir uns wirklich der Vergänglichkeit stellen, wird häufig gar nicht gestellt. Jeder Mensch stirbt. Erkrankung, Leiden und Tod sind ein Teil des Lebens. Und im Blick auf den Tod sogar der einzige, der für alle Menschen sicher ist! Der Tod bleibt, wie es die mittelalterliche Mystik sagte, der letzte große Feind. Er bleibt es, auch wenn wir ihm zu entkommen suchen. Dass jeder Mensch davor auch Angst hat, ist nur natürlich. Und dass jeder Mensch, auch der Sterbende, lieber gesund und fröhlich leben möchte, gilt ebenso. Aber ich entkommen der Auseinandersetzung mit dem je eigenen Tod nicht.

Und ebenso kommt die Frage nach dem Gefälle zwischen arm und reich zu kurz in der Debatte. Die Frage des Hirntodes stellt sich ausschließlich unter intensivmedizinischen Bedingungen. Leben und Überleben mit dem Organ eines anderen ist ebenso nur möglich, wenn dauerhaft das je Immunsystem des Empfängers gedämpft wird, damit das Organ nicht wieder abgestoßen wird. Ein Mensch in den Slums von Kalkutta wird also eher nicht in den Genuss dieser Form der Lebensverlängerung kommen. Die hohen Kosten können überhaupt nur von begüterten Ländern oder Einzelpersonen getragen werden. Auch wenn die Kliniken hohen Summen in Rechnung stellen, sind sie nicht die eigentlich Verdienenden. Sie haben ebenso hohe Ausgaben gegenzurechnen. Das meiste Geld werden letztlich die Pharmakonzerne verdienen, auch wenn sie ebenso hohe Kosten Für Forschung und Entwicklung in Rechnung stellen Sie produzieren die Medikamente, die ein Mensch, der ein Organ empfangen hat, lebenslang einnehmen muss. Aus der Hilfe wird ein Geschäft.

In Deutschland gilt die Zustimmungslösung. Ich stimme auf dem Organspendeausweis zu, dass nach meinem Tod (so die Formulierung auf dem Ausweis!) Organe / Gewebe entnommen werden darf. Damit enthält der Organspendeausweis eine fragliche Vermischung von verschiedenen Gesetzen: Mit Organen darf in Deutschland nicht gehandelt werden. Gewebe aber unterliegt dem Arzneimittelgesetz. Sie dürfen weiterverarbeitet und gehandelt werden.

Fazit: Um für mich selbst und meine Angehörigen eine gute und tragfähige Entscheidung zu treffen brauchen wir alle von kommerziellen Gedanken freie Aufklärung. In der Debatte ist die Interessenlage sehr unklar.

Hilfreich für eine persönliche Entscheidung können Antworten auf Grundfragen des Lebens sein. Dazu gehören:

Wie will ich sterben? Das heißt auch: Welches Gut steht für mich höher? Will ich für mich einen eigenen, ungestörten Sterbeprozess? Oder ist für mich die Verlängerung eines anderen Lebens entscheidend?

Will ich, dass für mich die Möglichkeiten der Apparatemedizin genutzt werden? Wann? Warum? An welcher Stelle wäre für mich die Grenze?

Wer soll über die Todesgrenze in meinem Leben entscheiden?

Wer soll mich begleiten?

Was ist Leben, vor allem erfülltes Leben für mich?

Welchen Wert hat Leiden?

Diese Fragen kann man nur für sich selbst entscheiden. Unterschiedliche Antworten wertend gegeneinander zu stellen dient dem Gespräch untereinander nicht.

Gut ist es aber, mir prinzipiell darüber klarzuwerden, dass es eine Form von unvermeidbarem Leiden im Leben gibt, dass ich dies nur mit größtem Respekt annehmen und begleiten kann und dass ich selbst irgendwann dieses Leben loslassen muss, wie sehr ich es auch liebe oder hasse.

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4 Kommentare leave one →
  1. 8. Februar 2015 07:38

    Anmerkung: Ein Pool, aus dem mehr herausgenommen als hinein gegeben wird kann auf Dauer nicht funktionieren. Egoismus versus Altruismus. Die Wahrscheinlichkeit, selbst einmal eine Organtransplantation zu benötigen ist höher als die Wahrscheinlichkeit über den Weg einer z. B. spontanen Hirnblutung oder schweren Schädel-Hirnverletzung selbst zum Organspender zu werden.

  2. 8. Februar 2015 12:11

    Das ist wahr. Aber geht es wirklich um Egoismus gegen Altruismus? Das verkürzt meiner Meinung nach die Fragestellung.

    • 8. Februar 2015 12:58

      Die Gründe sind vielfältig: Egoismus, Ignoranz, Unwissenheit, Vorurteile, Bequemlichkeit, Desinteresse, fehlende Empathie u.v.a.m.

      • 8. Februar 2015 14:26

        Für eine Entscheidung für oder gegen die Organspende?

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