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Über die Notwendigkeit des Tabu

8. Januar 2015

Es gab Jahrhunderte, da war alles in irgendeiner Art und Weise nah am Tabu. Die Ehe, Sexualität ohnehin, das Leben eines Menschen, sein Besitz, was man essen und trinken durfte, mit wem man am Tisch sitzen durfte – oder auch nicht. In allen Bereichen gab es Heiligkeiten. An unterschiedlichen Orten der Welt waren sie verschieden. Und doch gab es einen gewissen Grundkonsens: die Achtung vor der Erfahrung der Älteren, der Respekt des Fremden und des Gastes, die Achtung des Besitzes, die Achtung des Lebens an sich.

Unumstritten waren Tabus nie. Immer wieder wurden sie gebrochen und durchbrochen. An ihnen wurde gelitten. Und sie wurden bekämpft. Und doch bestanden sie fort.

Die Frage nach der Heiligkeit war eine normale Frage. Sie gehörte zu jedem Leben dazu. Heute scheint man sich dafür beinahe schämen zu müssen. Dass mir etwas heilig ist, das sollte ich bitte nicht zu laut sagen. Denn wenn mir etwas heilig ist, was einem anderen nicht heilig ist, muss ich damit rechnen, dass es verhöhnt und mit Füßen getreten wird. Und ich muss es aushalten, dafür verspottet zu werden. Das wird einfach von mir erwartet.

Die Gegenreaktion, die man jetzt, mindestens seit 2011 unschwer weltweit beobachten kann: Das normale Ringen um das, was Menschen heilig sein sollte, verzerrt sich zu einer Überhöhung: die Frage nach Achtung der Freiheit des Mitmenschen, nach der Achtung vor dem Leben – grundsätzlich und nicht nur, weil ich gerade in der richtigen Region geboren wurde, nach der Würde des Menschen … MEINE Freiheit gilt, deine ist nichts wert. MEIN Glaube, MEIN Unglaube gilt. Solltest du anderer Meinung sein, musst du mit entsprechender Gegenreaktion rechnen. Und das darf man.

Claus Westermann schrieb in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, auch in Antwort auf die Katastrophe der Shoa und der Weltkriege: „Wem nichts mehr heilig ist, dem kann man auch nicht mehr trauen.“ Und ebenso gilt für mich: Wem nur noch eine Anschauung, eine Position, eine Art und Weise das Leben zu leben heilig ist, dem kann man ebenso wenig trauen.

Die Angriffe auf das Leben von Menschen, aus welchen Gründen auch immer, sind auf das schärfste abzulehnen und zu verurteilen. Und zugleich ist es wieder neu notwendig, dass ich auch mit in und unter dieser Verurteilung mich selbst frage: Wovor in meinem Leben habe ich tiefsten Respekt? Und ich darf erwarten, dass meine Position ebenso in Würde geachtet wird, wie ich von mir erwarte, dass ich andere Positionen respektiere.

Es ist zu einfach zu sagen: „Deine Gefühl und dein Respekt vor dem Heiligen wurde verletzt? Selber schuld! Was bist du auch so blöd, dass dir noch irgendetwas in deinem Leben heilig ist.“ Die Fähigkeit, vor uns und vor anderen Respekt zu haben, ihn als Gegenüber und als einen Menschen mit einer eigenen Würde wahrzunehmen und anzunehmen, ist uns so notwendig wie das Atmen. Es scheint an der Zeit zu sein, dies wieder neu zu lernen – bevor wir daran ersticken.

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3 Kommentare leave one →
  1. 2. Februar 2015 19:40

    Hallo zusammen,

    das ist ein sehr differenziertes Statement, was gerade auch in Hinblick auf den Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo an Relevanz gewinnt.

    Ich finde es sehr schwer, hier eine Balance zu finden zwischen dem (hart erkämpften) Recht auf Freiheit bzw. Freiheit zur Meinungsäußerung und dem Recht des Anderen auf Respekt und Achtung seiner Würde – auch gerade was Tabus angeht, die bei uns in Deutschland keine Tabus mehr sind, in anderen Ländern oder Religionen aber schon.

    Mir haben sich in dem Zusammenhang mehr Fragen gestellt als ich Antworten erhalten habe, weil es eine schwere Gradwanderung ist: wann ist beispielsweise eine Karikatur als humorvolle Satire anzusehen, und wann übertritt man die Grenze und es ist mehr Hohn als Humor? (Ich habe mir hier https://viabilia.de/ich-bin-charlie-oder-nicht-667.htm darüber Gedanken gemacht, aber bin zu keinem wirklichen Ergebnis gekommen, wobei Gewaltanwendung als Antwort selbstverständlich jegliche Grenzen überschreitet).

    Diese Gradwanderung finde ich gerade im Umgang mit der Pressefreiheit sehr, sehr schwierig.

    Liebe Grüße
    von Betina

    • 2. Februar 2015 19:53

      Herzlichen Dank für deine ausführliche Antwort, liebe Betina! Ja, dieses Gespräch finde ich auch extrem schwierig. Und es wird vermutlich gar keine absolute Antwort geben, aber vielleicht und hoffentlich Teilantworten. Erschreckend finde ich an dem, was derzeit passiert auch, wie weit wir als Gesellschaften auseinander driften. Die Spannung scheinbar mit Gewalt zu lösen, scheint immer attraktiver. Aber ich glaube nicht, dass eine solche Version der Lösung zu einer Entspannung führt. Insofern finde ich das Gespräch und den Austausch, auch hier im Netz, besonders wichtig.

  2. 2. Februar 2015 20:22

    Liebe Bettine,

    ja, das stimmt genau … die Antwort in Form von Gewalt ist gar keine Lösung, weil es – wie im aktuellen Fall – das genaue Gegenteil erreicht hat: die Menschen gehen auf die Straße für die Presse- und Meinungsfreiheit, und die Fronten zwischen den Religionen verhärten sich. Außerdem werden statt 10.000 nun 1.000.000 Stück dieser Zeitschriftenexemplare verkauft, auch dem Letzten sind jetzt die Karikaturen bekannt. Letztendlich findet kaum jemand ein Wort des Verständnisses für gegenseitige Achtung und Respekt (ich meine damit auch Achtung vor den Tabus, von denen Du in Deinem Artikel sprichst).

    Möglicherweise hilft da nur ein Kopfschütteln und eine gehörige Portion Humor, wenn etwas aus der eigenen Sicht schlichtweg als geschmacklos empfunden wird – dann geht das Thema von alleine unter.

    Durch das „digitale Zusammenwachsen“ in Form des Internets wird diese Frage auch dringlicher, weil wir ja viel voneinander mitbekommen (Gutes wie weniger Gutes) …

    Herzliche Grüße
    von Betina

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