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Neues Jahr

31. Dezember 2014

Wunder-Seite001

Karte von Poesie & Fotografie, Foto: Fabian Haas

Das ist so, dass man das zurücklassen muss, was war, um auf das zuzugehen zu können, was sein wird. Das ist halt einfach so. Das sagen einem die Leute. Das ist mir gesagt worden. Es hat etwas Resignierendes an sich. Musst du halt so machen, geht ja nicht anders.

Dabei beginnt doch ein Neues. Ein neues Jahr, Tage voller Möglichkeiten und Chancen. Es ist nicht nur das resignative Zurücklassen und Älterwerden. Es ist auch ein Freiwerden.

Hermann Hesse erzählt davon in seinem Gedicht „Stufen“: „Nimm Abschied und gesunde.“ Er erzählt von einem ganz anderen Form des Abschiednehmens. Nicht von Pauken und Trompeten und Feuerwerk, wie in der Sylvesternacht. Aber auch nicht von einem resignativen „Es muss eben sein“. Er beschreibt einen beinahe heiteren, fast tänzerischen Weg durch das Leben: Der Mensch wird gerufen, in ein Neues gerufen. Das Leben selbst ruft. Und dann kommt es darauf an, sich nicht an dem festzuklammern, was gerade ist, sich nicht wie in einer Burg einzurichten und den Ruf als einen feindlichen Angriff abzuwehren. Dann, so sagt er, kommt es darauf an, wie durch Räume zu schreiten. Und wenn ich dann durch eine Tür gehe, wenn sie zu meinem Weg jetzt, hier und heute dazugehört, dann ist es gut zu gehen und den Raum hinter mir zu lassen, den neuen zu betreten und zu entdecken, was gerade dieser Raum jetzt für mich bereit hält. Das Leben will uns nicht ängsten und einengen, sagt er.

Loslassen, um Neues beginnen zu können, gehört zur Weisheit aller Kulturen. Nur einfach scheint es nie gewesen zu sein. Alle Kulturen haben dafür auch Übungsfelder entwickelt. An vielen Stellen werden diese Übungen wieder neu entdeckt.

Manche Zeiten verlässt man gern, möchte sie vergessen. Aber an dieser Stelle raten die Alten zur Vorsicht: nicht verdrängen, sondern annehmen und dann das Leben sein lassen, wie es war. Nur dann kann man weitergehen. Mit den Erfahrungen, die einen federleicht im Herzen in den neuen Raum begleiten. „Die Vergangenheit schlägt in mir wie ein zweites Herz“, hat mal einer gesagt.

Sie sollten mich geleiten, die Erfahrungen, aber nicht versklaven. Wer klammert, erstarrt. Davon erzählen die Märchen. Leben ist gehen, annehmen, aufnehmen, riskieren, fallen, wieder aufstehen.

Ja, jeder lässt zurück. Und einfach ist es nicht. Aber zugleich ist es eine Form von Freiheit. Das, was gestern war, passte gestern zu mir und geht mit. Heute bin ich ein klein wenig anders und werde morgen wieder ein klein wenig anderes sein – im günstigsten Fall ohne zu erstarren und ohne mich selbst zu verlieren und ohne zu resignieren.

„Nimm Abschied und gesunde“, der Text von Hermann Hesse ist auch eine Einladung in das neue Jahr hinein, denn, so sagt er: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“

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