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Advent, Weihnachten und die Wirklichkeit

29. November 2014

Tannenduft und Tannengrün, Zimtgeschmack und Glühwein in kalter Nacht. Schnee in den Bergen und eine kleine Prise in der Stadt. Ein leuchtender Baum und glänzende Kinderaugen. Weihnachten steht vor der Tür. Weihnachten und eine Erinnerung. Erinnerung an das war – oder doch hätte sein sollen, wenn es gut gewesen wäre. Erinnerung an etwas, das nie so war. Eine Sehnsucht nach, dem, was ich mir, was sich andere mit allen Fasern wünschen: eine heile Familie, eine heile, unverletzte Welt, wahrgenommen werden, ernst genommen: Du bist und das ist gut so. Sehnsucht am Ende des Jahres.

Die Wirklichkeit spricht eine andere Sprache. Und weil sie das tut, blenden viele sie gern aus – oder manipulieren, jeder ein bisschen: Ich schaffe mir selbst eine Wirklichkeit, in der ich überleben kann. Solange ich das nur mich, mein privates Leben betrifft und solange es nur Nuancen zum Realen handelt, ist der Schaden überschaubar. Kaum einer wird es als Problem empfinden. Es sind die kleinen Selbstlügen, die wir uns gegenseitig, mal mehr, mal weniger gern vergeben. Wahrnehmung ist eben subjektiv.

Wenn aber das Thema auf die Wirklichkeit trifft und einer das Thema über das Geschehene stellt, wird es gefährlich. Manchmal für den Menschen selbst – und immer auch für die, die betroffen sind und für das Thema in Anspruch genommen, benutzt oder missbraucht werden. Gerade im Bereich des Journalismus. Auch da gibt es Abstufungen. Zwischen einem Bericht an der Grenze des Geschehenen und bewusster Manipulation. Kleiner und großer Missbrauch der Öffentlichkeit. Allerdings ist die Grenze nicht nur im Blick auf Weihnachten mittlerweile zu oft weit über das erträgliche Maß überschritten. Von gepimpften Profilen bis zu einer glaubhaft geschaffenen, aber doch erlogenen und verlogenen Darstellung der Wirklichkeit. Einer gibt die Wahrheit vor, die anderen haben kaum eine Chance zu überprüfen, ob es wahr ist. Legitim ist dies nicht. Nicht im Kleinen und nicht im Großen.

Nicht einmal zu Weihnachten. „Es gibt kein wahres Leben im falschen“. Nicht einmal bei der von der Sehnsucht bestimmten Darstellung eines romantischen, guten, heilen Festes. Die Selbstlüge wird mich einholen – und nicht nur mich, sondern auch alle, die ich dafür missbrauche. Ehrlichkeit, auch mir selbst gegenüber, ist gefragt. Wahrhaftigkeit, die ich von anderen erwarte, steht auch ihnen zu.

Vielleicht rettet eine solche Ehrlichkeit nicht die Welt. Zu viel Unheiles, zu viel Schmerz, zu viel Verletzung wird bleiben. Aber möglicherweise rettet es einen Abend, der in der so verlogenen Athmosphäre nur zum Ausgangspunkt neuer Verletzungen werden kann. Was also könnte uns das Fest sagen, über sich selbst, zwischen Tannenduft und Zimtgeschmack? „Sieh mich so“, sagt es, „sich mich so, wie ich bin. Ein Abend unter vielen. Ein Abend, an dem du deine Sehnsucht mehr als an anderen Tagen spüren wirst. Nicht mehr und nicht weniger.“ Vielleicht wird aus dieser Wahrhaftigkeit eine andere bodenständige Festlichkeit erwachsen. Nicht ganz so Feierlaunig-Beseligend, dafür aber eine die trägt.

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