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Vergangen und doch nicht vergangen … – Gedanken zum Herbst 1989

1. Oktober 2014

Oktober 1989. Wir sitzen am Mittagstisch. Die Stimmung ist gespannt. Am 4. Oktober ist der errechnete Geburtstermin unseres ersten Kindes. Nach zehn Wochen Krankenhaus als Theologiestudentin auf der Station des Parteisekretärs sollten wir eigentlich froh und glücklich sein. Denn das Kind lebt ja noch und es ist, jedenfalls nach dem, was man zu diesem Zeitpunkt sagen kann, gesund. Und es ist auch nicht das Kind, das zu Streit führt. Nein, es ist die kleine oder große Politik. So genau wissen wir das noch nicht. Will doch mein Mann in die Stadt zu den Demonstrationen und ich soll zu Hause bleiben. Ich soll also hier sitzen und warten und nicht wissen, was passiert. Wie soll ich das ertragen? Das kann ich nicht.

Schließlich gehen wir doch gemeinsam los, gehen zur Nikolaikirche, werden von der BePo, der Bereitschaftspolizei am Durchgehen gehindert (in breitem Sächsisch: Des is ne Mooßnohme, wir sin Ihnen geine Reschenschafd schuldisch), warten mit Hunderten anderen vor der Nikolaikirche. Und die Stimmung ist – gespannt und wunderbar zugleich. Solidarität und Aufbruch. Eine Zeit beginnt, über die eine Freundin wenige Wochen später zu mir sagt: Bettine, das Leben fetzt. Das, was bisher festgefügt und sicher schien, wandelt sich von Grund auf.

Ein Jahr später, im Herbst 1990, hat sich die Stimmung mindestens dreimal gewandelt. Von der erneuerten DDR zum Wunsch nach Geld, von den erbitterten Kämpfen des ersten Wahlkampfes zur Ernüchterung der Einheitsverhandlungen. Und nun die Ernsthaftigkeit 3. Oktober 1990. Heiterkeit erlebe ich an diesem Tag in Leipzig kaum. Als ich nachmittags mit meinem Sohn, nunmehr fast 1 Jahr alt, durch Leipzig spaziere, kommen mir viele Familien entgegen. Das Wetter ist schön. Man hätte bester Laune sein können, feiern, lachen. Und an anderen Orten war die Stimmung sicher auch so. Aber in Leipzigs Parks geht es eher ernst zu. Und auch mir ist nicht heiter zu Mute. Ich hätte mir einen anderen, gleichberechtigteren Weg in die neue Verbindung gewünscht.

Dass dieser Ernst der Situation angemessen war, haben die kommenden Jahre gezeigt. Sicher, es gab in der Rückschau kaum eine Alternative zu diesem Weg. Und doch: Es war ein notwendiger Weg und für viele schwer. Ich habe in den folgenden Jahren Gewinner dieses Weges erlebt und mich mit ihnen gefreut. Ich habe aber auch als Pfarrerin immer wieder Menschen beerdigt, von denen die Angehörigen sagten: Er ist an der Wende zerbrochen. Und dies betraf gerade nicht Menschen, die politisch auf der nunmehr falschen Seite gestanden hatten. Von ihnen redet heute kaum einer.

Sicher ist: Mein Leben wäre vollkommen anderes verlaufen, hätte es keine deutsche Einheit gegeben. Ob jemals eines meiner Bücher erschienen wäre, ist mehr als fraglich. Ob die Partei- und Staatsführung, vertreten durch ihre Ortsspezialisten, meine Schreiberei auf lange Sicht geduldetet hätten? Eher unwahrscheinlich. Ich würde meine Cousinen nicht kennen und von lieben und wertvollen Freunden nicht einmal ahnen, dass sie existieren. Ich bin für vieles dankbar. Ich sehne mich nicht zurück.

Und doch bleibt ein schaler Geschmack dabei. Wirklich gut ist das Leben noch immer nicht geworden. Zu oft gehen in den Freudenbekundungen die unter, die auf der Strecke geblieben sind oder bleiben. Zu sagen, das Leben hat sich damals zum Besseren gewendet, ist noch immer zu wenig. Das Bessere immer wieder neu zu gestalten ist eine bleibende Aufgabe.

(c) Bettine Reichelt

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