Skip to content

Leben mit zwei Kulturen in Leipzig

3. September 2014

Wo fängt man an? Am Anfang, sagt schon Sherlock Holmes. Aber was ist der Anfang? Ich gehe zurück – und wandere den Weg ab:

Als ich 1986 nach Leipzig kam, kannte ich kein einziges Paar, das seine Wurzeln in verschiedenen Kulturen hatte. Es gab im Wohnheim Begegnungen, vor allem mit syrischen Studenten, die für uns aus dem “Westen” kamen. Aber Ehepaare? Es gab sie, aber ich kannte niemanden.

Das ist heute anders. Die Welt ist kleiner geworden, man begegnet sich, lernt sich kennen. Gareth Knapmann, Leiter des Ubiquitätstheaters, erzählt: Als er nach Leipzig zog, war er der einzige Engländer, der in seiner Straße wohnte. Heute kennt er viele Engländer, die in Leipzig heimisch sind. Auch Studenten kommen aus aller Welt nach Leipzig. Und Ärzte, Krankenschwestern, IT-Spezialisten, Autoren … Leipzig ist bunter geworden. Es ist normal, dass dann auch tiefe Beziehungen entstehen.

Wie die zwischen Fanny und Yasinne. Yasinne stammt aus Casablanca (Marokko) und lebt seit 1997 in Leipzig. Damit kennt er Leipzig länger als Fanny. Für beide eine witzige Erfahrung.

Fanny-Yassine_IMG_4215

Wenn man ihn danach fragt, wie sich Leipzig verändert hat, dann nennt er als erstes den Bau des Tunnels. An keiner anderen Stelle sei ihm die Schizophrenie der Politik deutlicher geworden als an dieser. Was zunächst als zu teuer und zu risikoreich galt, wurde politisch umgedeutet und auf einmal war alles möglich.

Aber auch der Umgang mit den Häusern habe sich verändert. In den leeren und teils noch in altem Zustand befindlichen Häusern hätte man noch 1997 die DDR hautnah erleben können – und vor allem Bücher finden. Heute, nachdem die Investoren Leipzig für sich entdeckt haben, sei das anders. Die Häuser sind, wenn sie schon leerstehen, auch wirklich leer.

Aber hat sich seine Stimmung hier in der Stadt nicht auch verändert?, frage ich. Das Auswandern, zunächst nach Nordhausen, dann der Beginn des Studiums in Leipzig, sei ein spannendes Entdecken gewesen – und ein Kulturschock. Heute ist ihm die Stadt längst vertraut. Die Aufregung der ersten Jahre ist verflogen. Der eigene Blick hat sich verändert. Heute lebt er so lange in Leipzig wie er in Casablanca gelebt hat und alles ist ihm ähnlich vertraut. Die Menschen haben sich für ihn eher nicht verändert. Es gab Provokationen in Norhausen, es gibt Provokationen heute. Die Frage ist, ob man es wahrnimmt und ob man sich auf diese Ebene einlassen will. Möglicherweise hat der andere ja auch nur einen schlechten Tag?

Vielleicht ist der wichtigste Wandel für ihn, dass er mit der Auswanderung nach Deutschland begann, sich nicht nur als Marokkaner, sondern als Weltbürger zu erleben. Das schließt die Offenheit für eine andere Kultur und Auseinandersetzung damit mit ein. Und vielleicht ist das Erleben als Weltbürger ein wesentlicher Punkt, der Fanny und Yasinne zusammengeführt hat.

Fanny erzählt, dass sich ihre Sicht auf das Miteinanderleben in der einen Welt während ihres Freiwilligendienstes in Polen grundsätzlich geändert hat. Plötzlich war sie eine von vielen anderen, viele Kulturen, Prägungen, Nationalitäten. Und sie begann sich als Weltbürgerin zu fühlen. Im gemeinsamen Leben mit Yasinne bedeutet das: sich täglich mit der eigenen und der unbekannteren Kultur auseinander zu setzen. Sich kennenlernen, verstehen lernen, wahrnehmen, wie der andere geprägt ist – und daneben und darüber hinaus einen gemeinsamen Weg finden. Einen Weg zwischen dem christlich geprägten Europa und den muslimischen Wurzeln Marokkos.

Für Fanny war es deshalb wichtig, mit Yasinne nach Marokko zu reisen, seine Familie zu erleben. Yasinne empfand das nicht als notwendig.

Für Fanny war der Besuch in Marokko zunächst ihr Kulturschock. Sie erlebte eine offene Familie, Toleranz, aber auch so viele ungesagte Kleinigkeiten, die alle anderen wussten, die man beachten muss, um nicht ungewollt anzuecken.

Vor einem Jahr wurde ihre Tochter geboren. Mit der Geburt von Maya hat sich das Verhältnis zur Familie in Marokko gewandelt. Nun ist sie nicht mehr “nur” die Freundin. Sie sind eine Familie und haben im Familienverband in Marokko eine andere Stellung.

Überhaupt, die Familie und die beiden Familien: Fanny und Yasinne empfinden dies als das, was die Kulturen zugleich am meisten verbindet und am stärksten trennt. In beiden Kulturen spielt die Familie eine wichtige Rolle. Aber die andere Form der Familienstruktur ist für sie eine Herausforderung. In Marokko spielen der Familienverband und das (männliche) Familienoberhaupt eine große Rolle. Es gibt keine Entscheidungen, die ohne den Rat der älteren Generation getroffen wird. In Deutschland muss man eigene Entscheidungen treffen, Fragen wird nicht erwartet – und man ist dementsprechend für die eigene Entscheidung selbst veranwortlich. Yasinnes Schwester darf sich in Marokko sich mit Freundinnen und Freunden treffen. Das ist dort eine Besonderheit. Frauen bleiben unter Frauen und treten eher nicht in der Öffentlichkeit auf. Für Fanny fremd und ein Lernprozess.

Diese Prägung wirkt sich auch in Leipzig aus: Yasinne und Fanny kennen marokkanische Studenten. Marokkaner sind für sie in der Stadt immer wieder wahrnehmbar. Marokkanische Frauen? Eher nicht. Es gibt sie, sagen die beiden, aber sie bleiben unsichtbar.

Die Begegnungen mit der Familie, die in Marokko für Yasinne und Fanny wichtig und normal sind, sind im Gegenbesuch in Deutschland eher schwierig zu organisieren. Plötzlich wird der andere Pass, der sonst nur ein Papier ist, zur Barriere. Die Festung Europa erschwert das gemeinsame Leben als Familie, die Begegnung im Familienverband, die für Marokko so typisch ist.

Und doch: Für Fanny und Yasinne ist das Leben in zwei Kulturen normal. Das Fragen und Auseinandersetzen, das Suchen nach gemeinsamen Lösungen zwischen unterschiedlichen Prägungen und Zugehörigkeiten. Es ist immer wieder ein Weg der Öffnung in eine neue Welt.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: