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An Armin T. Wegener. Offener Brief

24. Januar 2014

Lieber Armin,

es war deine Art, offene Briefe zu schreiben, und du hast dich damit ohne Furcht an jeden gewandt. Heute schreibt man kaum noch Briefe, ich meine richtige Briefe. Aber öffentlich sind manche der wenigen Briefe dann doch noch – oder wieder.

Armin T. Wegner, Sanitäter

Armin T. Wegner, Sanitäter

In Deutschland gehört dazu weit weniger Mut als zu deiner Zeit. Dein Leben war unmittelbar bedroht. Für deine jüdische Frau und ihre Söhne gab es damals in Deutschland keinen Platz. Eure Ehe, eure Liebe zerbrach an den äußeren Bedingungen.

Und du? Du stelltest Fragen. Und du hast gewarnt. Und du hast gelitten.

Aber wie hat es sein können, dass Millionen deine Warnungen – und die einiger anderer – in den Wind schlugen und die Katastrophe nicht sahen, die ihnen drohte? Sind wir heute fähiger, etwas zu sehen?

Vielleicht konnten sie nicht sehen, was du sahst, nicht ahnen, was du ahntest, weil sie nicht gesehen hatten, was du beobachten musstest, als du als junger Sanitäter 1915 Woche um Woche mit dem deutschen Heer parallel zu den jammervollen Trecks der Armenier durch das Gebiet der heutigen Türkei gezogen bist und nur verzweifelt zusehen konntest, wie Menschen starben, ermordet wurden, verhungerten. Und es war unmöglich zu retten.

Armin T. Wegner, Zeuge des Völkermords an den Armeniern

Armin T. Wegner, Zeuge des Völkermords an den Armeniern

Was hielt dich am Leben? Deine Briefe und die Kamera. So wurdest du zum stillen Zeugen, zum stillen Ankläger. Später erschienen deine Briefe als ein Briefroman. Aber wer und wie viele haben dir geglaubt – oder es für wesentlich gehalten? Deine öffentlichen Briefe gingen unter im Chaos der Nachkriegszeit des Ersten Weltkrieges. Es ging für so viele ums nackte Überleben. Wie sollte man da noch an andere denken? Deine Brief an den amerikanischen Präsidenten – ungehört. Dein Brief an Hitler, im Frühjahr 1933: ein verzweifelter Aufschrei. Ungehört auch er. Eingang bestätigt. Aber keine Zeitung bringt ihn, kein Rundfunksender lässt ihn verlesen.

Lola Landau und Armin T. Wegner

Lola Landau und Armin T. Wegner

Und du? Denunziert und verhaftet, nach Wochen im KZ dann irgendwann das Exil in Italien. Und später: Noch einmal ein Lichtblick der Liebe. Aber deine Worte blieben weiter ungehört: „Mir geht es gut. Meinem Werk geht es schlecht.“ Ein Vergessener. Beinahe ein Namenloser, wie viele der Opfer, für die du mit deinem ganzen Leben auf- und eingestanden bist.

Was uns heute fehlt? Gerade deine klaren Worte, trotz allem. Wir verlieren uns im Geplapper. Und Menschen sterben an staatlicher Willkür, an Ignoranz. Geld hat einen Wert bekommen, den es nicht hat. Dem puren Besitz wird von vielen alles untergeordnet, alles. Ob da ein Mensch daran stirbt, was geht es mich an? Bin ich betroffen? Eine Gier hat die ganze Gesellschaft erfasst. Und kaum einer stellt Fragen, so wie du.

Und es fehlt uns wohl auch der Mut dazu. Denn wer will schon, wie du es gewagt hast, ungehört reden? Wer will mahnen und dafür die Konsequenzen tragen? Die hörbaren Mahner leben heute zumeist in anderen Ländern – und leiden. Und die Worte, die wir dazu finden, kommen mir hohl und unglaubwürdig vor, angesichts der vergleichsweise guten Lage.

Hilflosigkeit geht um. Was soll man schon sagen? Was soll man tun? Was würdest du raten?

Einer, der zu deiner Zeit lebte, schrieb in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, nach der Erfahrung des Krieges und der Katastrophe der Shoa in etwa so: „Wir leben davon, dass dem Menschen noch etwas heilig ist. … Einem Menschen, dem nichts mehr heilig ist, dem kann man auch nicht mehr trauen“ (Claus Westermann). Dem würdest du dich anschließen, glaube ich.

Aber: Manchmal habe ich den Eindruck, dass uns gleichzeitig zu viel und zu wenig heilig ist. Und ein wirklich angemessener Diskurs findet nicht statt.

Das Land, in dem du gereist, die Menschen, für die du mit deinem Leben und deinem Schreiben aufgestanden bist, sind heute wieder neu bedroht. Aleppo geht im Bombenhagel unter. Der Libanon steht vor der Zerreißprobe. Und der Frieden ist längst kein Thema mehr – oder doch höchstens ein Thema für die, die ohne Macht und Einfluss schlicht nur überleben wollen. Flucht und Vertreibung sind wieder auf der Tagesordnung.

Was also ist heute noch heilig? Wovor haben wir den tiefsten Respekt? Ist der Mensch, der uns anvertraute, der Nachbar noch Mitmensch – oder schon ein Sicherheitsrisiko? Gibt es noch eine Ehrfurcht vor dem Leben an sich? Gab es sie je? Ist sie einforderbar? Oder muss sie das sein? Wie weit kann man gehen – in einem Land, das zu den größten Waffenexporteuren der Welt zählt?

Du hast gefragt. Dein Fragen verhallte. Aber heute, vielleicht, wenn wir wieder fragten, wenn wir es aushielten nur zu fragen, ohne Recht behalten zu müssen? Sag, haben wir heute eine Chance?

B.

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4 Kommentare leave one →
  1. 25. Januar 2014 13:35

    Liebe Bettine,
    das ist wieder einmal ein guter, wahrer, berührender Beitrag von Dir. Du bringst das auf den Punkt, zeigst wie aktuell das „alte“ ist. Ob es ankommt, gehört wird heute? In der Informationsflut von heute? Wohl heute nicht wie damals nicht. Lass Dich trotzdem nicht davon abhalten, es zu sagen, daran zu erinnern.
    Danke für diesen Beitrag.

    • 25. Januar 2014 13:50

      Ich zweifle auch daran, dass man heute gehört wird. Aber ich halte es ebenso wichtig wie damals, Position zu beziehen.
      Es tut gut, wenn das ab und an wahrgenommen wird. Darum danke ich dir sehr herzlich für deinen Kommentar!

      • 25. Januar 2014 14:49

        Ich lese alle deine Beiträge und finde sie immer sehr gut, Auch wenn ich nicht immer einen Kommentar dazu schreibe.
        Du bist eine Meisterin des Worts. Mir fällt das schwerer. Ich drücke mich lieber in Bildern aus.

      • 26. Januar 2014 09:00

        Was soll ich sagen, lieber Erwin? Ich bin gerührt! Wie du weißt, schätze ich deine Bilder sehr. Und ich hoffe, es ergibt sich mal wieder eine so schöne Gelegenheit und wir können Wort und Bild in einem Buch zusammenbringen wie beim letzten Labyrinthbüchlein.
        Lieben Dank für den Kommentar!

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