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Neuer Tag und neues Jahr

29. Dezember 2013

Am 1. Januar ist es wieder soweit: Das neue Jahr öffnet seine Türen. Man möchte meinen, man gewöhnt sich mit der Zeit daran. Man weiß doch, dass spätestens zwei, drei Wochen später alles wieder beim Alten ist, irgendwie und mehr oder weniger. Man schreibt eine neue Zahl, alles geht seinen gewohnten Gang. Hat sich überhaupt etwas gewandelt? Außer der Zahl?

Das neue Jahr öffnet seine Türen ‑ und wirkt frisch geputzt und sauber, so unbelastet von all dem, was war. Und doch hat es ein altes Herz. Es trägt in sich, was den Menschen geprägt hat ‑ im Guten wie im Problematischen. Mein Jahr trägt in sich, was mich geprägt hat. Und das alles wird es nie ganz verlieren. Manchmal bedauert man das. Wie vieles würde man gern anders sehen oder überhaupt ungeschehen machen. Manchmal wenigstens.

Beim genaueren Hinsehen weiß man oft gar nicht recht: Was davon sollte man auswählen? Was dürfte bleiben? Wenn es denn möglich wäre! Was sollte gestrichen werden? Wäre ich dann noch ich? Ist das alte Herz, das mein Jahr in sich tragen wird, nicht auch ein Segen für mich? Weil es mich genau zu dem Menschen macht, der ich nun einmal bin?

Das alte Herz hält mein Jahr in dem, was mich geprägt hat. Aber es ist ein neues Jahr. Mit all dem, was mich ausmacht, kann ich in ein Neues aufbrechen und bin nicht gezwungen, die alten Fehler zu wiederholen. Man darf natürlich. Aber man muss nicht. „Man soll keine Dummheit zweimal begehen“, heißt es im Sprichwort, „Die Auswahl ist doch groß genug.“

So gehen wir also in ein neues Jahr. Es wird ein anderes Jahr, ein neues. Es wird anderes und Überraschendes mit sich bringen. Und sicher wird es sehr viel anders, als ich jetzt meine, dass es werden sollte. Besser und schlechter in einem. Wandel, Veränderung, es wird besser, manchmal, es wird schlechter sein, manchmal.

Ganz offensichtlich war es für Menschen früherer Jahrhunderte genau so schwer wie für uns heute, sich darauf einzulassen, dass das Leben Wandlungen unterworfen ist. Das ist das Normale. Es ist oft unübersichtlich, schwierig, chaotisch, aber zugleich auch hoffnungsvoll und witzig und überraschend schön. Sie haben für den Wandel Rituale entwickelt, um mitten im Wandel eine Art Kontinuität zu wahren: die Geister vertreiben mit Licht und Lärm, Gutes fixieren in guten Vorsätzen, die Zukunft in den Blick nehmen, wenigstens mit vagen Versuchen. All das dient vor allem einem: Halt zu haben einer Zeit, die nicht mir gehört, in die ich aber hineingeboren bin und die ich gestalte und gestalten will. Auch mein neues Jahr hat ein altes Herz, ein Herz aus allem, was mich prägt. Es zwingt mich nicht in alte Bahnen. Aber auf dieser Grundlage baue ich am Neuen. Möge es in allem trotz allem gut sein.

Bettine Reichelt

Auch im Januar 2014 wieder: Die Leipziger Straßenzeitung „Kippe“ kaufen. Das Redaktionsteam und alle Verkäufer freuen sich auf zahlreiche interessierte Leser.

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