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Denk mal anders: 1813, im Herbst. Text zu einer Grafik von Franziska Ernert

22. Oktober 2013

1813_City-Card_ Ernert_web_ Kopie

 Das Volk

war zahlreich zum Kämpfen gekommen. Hunderttausende. Leipzig im Krieg des Volkes. Welches Volk? Da waren viele Völker versammelt, in der Stadt und rund um die Stadt. Aus aller Herren Länder Europas. Die Herren hatten sie gerufen, ihnen befohlen zu kommen. Da war das Volk quer durch Europa gezogen. Männer – und in ihrem Schlepptau ein paar Frauen für diesen und jenen Dienst. Alle hatten Angst und wussten: Viele werden sterben, vielleicht sogar die meisten. Was also tun in diesen Tagen, vor der Schlacht, dem großen Schlachten? Ein paar ergaben sich ihrer Angst und kehrten sie um. Das waren vielleicht die Gefährlichsten. Die verkehrte Angst: Wut, Hass, laute erbärmliche Fröhlichkeit.

Und da waren die Völker –

die, die die Schlacht nur aus der Ferne sahen. Die, die davongekommen waren, die die Augen verschlossen und die, die nichts wussten und wissen mussten. Später erst machte das Unglaubliche die Runde, entstanden Geschichten, Romane. Und einige schrieben auf, was sie gesehen hatten, was sie selbst kaum noch glauben konnten und was sie verbergen mussten unter großen Worten. Frauen und Männer aus der Herren Länder. Weinende vielleicht. Mütter, Schwestern, Geliebte, Ehefrauen und Töchter – und auch Väter, Brüder, Söhne. Zurückgebliebene.

Und die Bevölkerung

hineingeraten in die große Politik. Da gab es nur ein Ziel: Überleben. Die Dörfer brannten tagelang. An einigen Orten wechselten die Besatzer beinahe im Stundentakt. Und am Ende blieb der Hunger, blieb das zerstörte Land. Der Tod ging noch lange um. Die Herren gingen an andere Orte. Der Herren Land war zerstört. Da war nicht mehr viel zu holen. Wer also konnte jetzt die Hände noch regen?

Die Frauen

waren noch da. Nicht alle. Nur die, die das Sterben überlebten, das Morden, die Gefahren der Kriegslager. Trotz aller Angst, trotz Krankheit und der Missgunst, die umging: neu beginnen, neu beginnen …

(c) Bettine Reichelt, Grafik: Franziska Ernert

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