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1813. Erinnerungen

2. Oktober 2013

Es scheint als grüben sich die Katastrophen mehr und tiefer ins Gedächtnis ein als alles andere. Vielleicht weil sie eine Art Geburt waren, ein Hindurchgehen durch das Ende und Erleben eines neuen Anfangs? So jedenfalls beginnt der Liebertwolkwitzer Pfarrer Theodor Voigt seinen Bericht über die Ereignisse während der Völkerschlacht 1813: mit dem Verweis auf Feuersbrünste und Katastrophen. Sie stehen in ihren Auswirkungen der Völkerschlacht in nichts nach – und doch … Gerade diese Katastrophe, die doch heute, im Jahr 2013, 200 Jahre zurückliegt, hat sich in die Erinnerung eingebrannt.

Völkerschlacht Titelseite

Über 500.000 Soldaten aus ca. 20 Nationen in einem nur wenige Tage dauernden Kampf dicht an dicht um eine Stadt herum. Wechselnde Machtverhältnisse, wechselnde Stellungen, wechselnde Kampffelder. Und dazwischen die Menschen, die an all dem nicht beteiligt sind. Hineingeworfen. Ihr Ziel ist einzig das Überleben und vielleicht, vielleicht, wenn irgend möglich etwas von dem zu retten, was sie geerntet, geschaffen, aufgebaut haben.

Dass Krieg herrscht, war seit Jahren nicht zu übersehen. Einquartierungen gab es seit Beginn der Napoleonischen Kriege in und um Leipzig immer wieder. Im Jahr 1813 lebten ab dem 4. April im Grunde ständig Soldaten, zunächst vor allem Russen, in Liebertwolkwitz. Sie brauchten Nahrung, Feuerholz, Stroh für die Lager. Aus heutiger Sicht ist es beinahe unvorstellbar, dass die Vorräte überhaupt bis Oktober reichten. Aber erst einmal zogen sie gen Osten, dann wieder zurück und dann kamen sie immer näher zusammen.

Irgendwann wurde wohl auch den Zivilisten klar: Eine der entscheidenden Schlachten wird um Leipzig ausgetragen werden. Überraschend genau berichtet Pfarrer Voigt, der kein Augenzeuge der Schlacht in Liebertwolkwitz war, von Einquartierungen, von Plünderungen, von den Getöteten und dem Leiden der Menschen, der Zivilisten wie der Soldaten. Er muss unzählige Berichte gehört haben. Allerdings macht er einen deutlichen Unterschied in den Berichten über die Franzosen. Sie sind fast durchweg als grausam und als Plünderer beschrieben, während den Russen ein eher freundliches Zeugnis ausgestellt wird.

Ab 11. Oktober wird das Dorf mehr und mehr zu einem Kriegslager. Es ist von Biwaks geradezu eingeschlossen. Schon vor dem 14. Oktober hört man da und dort Schüsse. Selbst verborgene Güter fallen den Plünderern in die Hände. Schon zu dieser Zeit, so stelle ich es mir vor, müssen die Nerven blank gelegen haben: Die eigentlich gute Ernte wird gestohlen, die Tiere werden weggetrieben, das Holz wird für die vielen Feuer benötigt.

1813_City-Card_ Ernert_web_ Kopie

Grafik von Franziska Ernert: Denk mal anders

Aber niemand konnte ahnen, was in den nächsten Tagen folgen wird. Ab dem 14. Oktober brennt der Ort im Grunde durchgängig bis zum 19. Oktober. Die Kirche wird zerstört. Allein 200 Österreicher sterben auf grausamste Weise auf dem Friedhof der Gemeinde rund um die Kirche: Sie werden faktisch an die Friedhofsmauer gespießt.

Viele von denen, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht aus dem Dorf geflohen sind, haben sich in die Kirche geflüchtet und dort verbarrikadiert. Aus dem Turm beobachten einige Dorfbewohner die Vorgänge auf dem Friedhof. Und wer es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, wird Zeuge, als er aus der Kirche flüchten muss. Der Friedhof ist übersät mit Toten und Sterbenden. Und dann eben die Toten an der Friedhofsmauer und am Friedhofstor. Wer zu diesem Zeitpunkt noch nicht – in moderner Sprachweise – traumatisiert war, der ist es mit Sicherheit in diesem Augenblick.

Mit Namen und Adressen berichtet Pfr. Voigt von den Zerstörungen, von den Leidenden, von sinnlosem und erbärmlichen Sterben. Nach den Tagen der Schlacht ist das Dorf, wie die Dörfer der Umgebung, ausgebrannt und totenstill. Kein Vogel mehr, keine Kühe, keine Schafe. Die, die zurückkehren, stehen im Grunde vor dem Nichts. Nicht alle schaffen den Neuanfang. Die wechselnden Besitzverhältnisse, die in den Besitzzuordnungen genannt werden, erzählen Bände. Viele sterben auch noch lange nach der Schlacht an Seuchen und Entkräftung. Andere verarmen, geben auf, ziehen weg. Ein Trauma für die ganze Region. Ein Trauma für das Dorf.

In so kurzer Zeit eine solche Ansammlung von Soldaten, von Bevölkerung und von Toten, Sterbenden, Verarmten, Kranken – hat es das vorher gegeben? Es gab Kriege, die all dem in der Länge der Zeit in nichts nachstanden. Aber eine solche Zerstörung in so kurzer Zeit? Tausende, Zehntausende krepieren auf den Schlachtfeldern, in Lazaretten oder durch Erkrankungen und Entkräftung. Soldaten wie Zivilisten. Es war, sagen Augenzeugen, ein Gemetzel. Wer in den Dörfern rund um Leipzig überlebt, ist zumeist nur mit dem Leben davongekommen.

Die Geschichte bleibt dabei nicht stehen: Der Franzosenhass mündet 101 Jahr später in einen weiteren Krieg mit erbärmlichem Sterben. Diesmal sind es zehn Millionen. Man möchte meinen ein Trauma reiche für alle Zeiten um begeisterter Anhänger des Friedens zu werden. Die Tatsachen sprechen eine andere Sprache. Der Mensch lernt, aber er lernt offensichtlich langsam, vielleicht zu langsam.

Sind 200 Jahre Erinnerung genug?

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