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Deine Sprache, meine Sprache

27. Juni 2013

Kommunikation war und ist ein Geheimnis. Man mag noch so sehr darüber forschen. Es gibt eine Menge Erkenntnisse dazu, warum Menschen wie kommunizieren und wann ein Gespräch gelingt. Es bleibt immer ein unauflösbarer Rest. Sprache entwickelt sich und ist zugleich ein Spiegel. Sie schafft Wirklichkeit und sie ist ein Teil dessen, in dem wir leben.

In früheren Zeiten wurde dem Wort Macht zugesprochen. Wenn einer den Namen wusste, wenn man etwas bezeichnen konnte, kannte man damit, zumindest in religiösen Belangen auch den Weg, den anderen oder eine Sache zu kontrollieren. Heute finden sich solchen Überzeugungen in „Reinform“ eher in religiösen Randgruppen – oder aber in den Romanen der Fantasy-Literatur.

Und doch zeichnet mich meine Sprache auch aus: Wie ich über einen anderen rede, wie ich in Streit und Auseinandersetzungen denke und urteile, das sagt sehr viel über mich. Mehr als es über den anderen sagt. Sprache ist mehr als das passende Wort.

Meist aber sind wir von so vielen Worten umgeben, dass man gar nicht alle hören kann. Es redet. Aber „es“ hat nichts mit mir zu tun – oder nicht viel. Also versuche ich meine Ohren zu verschließen oder schalte auf Durchzug. „Zum einen Ohr rein, zum anderen raus“, sagt das Sprichwort.

Im Alltag führt es dazu, dass ich überfordert werde. Ich höre zwar nicht mehr zu, aber es rauscht eben doch an mir vorbei. Und die Folge ist häufig eine Überforderung, das Gefühl nichts mehr zu sagen zu haben und nicht gehört zu werden.

Wie in einer Inflation geht der Wert des Wortes verloren. Alles kann gesagt werden. Alles wird gesagt. Wenn alles gesagt wird, wird zugleich nichts gesagt. Es ist vollkommen egal, was man sagt. Wenn aber egal ist, was man sagt, wenn man ruhig plappern kann, es interessiert ohnehin keinen: Wie soll man dann zu Beziehungen finden, die Wert haben und tragen? Wenn alles austauschbar ist, jedes Wort, wie schnell ist dann auch der Mensch austauschbar, der mir gegenübersteht?

Der Philosoph Sören Kierkegaard mahnte schon vor 200 Jahren: Schafft Schweigen! Und meinte damit nicht, dass alle verstummen sollen. Er wünschte sich ganz offensichtlich einen Raum, einen Ort, eine Region, an dem es möglich sein sollte, aufeinander zu hören. Offensichtlich wurde schon damals mehr geredet, als gut war.

Orte für das Gespräch gibt es noch immer: eine Wiese im Wald, ein Weg am Fluss, ein grüner Innenhof am Abend, wenn nur noch die Mauersegler zu hören sind und das Rauschen des Verkehrs in der Ferne. Radio aus. Handy aus. Computer aus. Fernseher aus.

Oft gehört etwas Mut dazu, sich so einem ruhigen Gespräch wieder zu stellen. Es könnte durchaus sein, dass man nicht nur Angenehmes hört. Und doch: Es lohnt sich. Es lohnt sich den eigenen Worten wieder etwas zuzutrauen. Sprache bleibt ein Geheimnis. Was ich durch sie entdecken kann, zeigt sich, wenn ich mich wirklich darauf einlasse.

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5 Kommentare leave one →
  1. 27. Juni 2013 23:41

    Ach Bettine, Du Liebe,
    ein sehr schöner Text ist das wieder. Man merkt schon, dass die Begriffssprache definitiv Dein Ding ist. Trotzdem hatte ich gestern in der Radio-Sendung wieder das drängende Gefühl, das auch im „realen“ Leben immer mehr Raum ergreift: *mehr Musik und weniger reden*.
    Liebe Grüße von
    Scotty.

    • 28. Juni 2013 06:56

      Mein lieber Scotty, du weißt, ich will das nicht gegeneinander ausspielen. Ich denke, der Musiker braucht auch den begrifflichen Rahmen und der Schreiberling den Klang der Stimme, die Modulation des Wortes usw., wenn es ausgesprochen wird. Auch wenn man mehr zur einen oder anderen Seite neigt, ist jeder auf die Korrektur durch den jeweiligen „Gegenpart“ angewiesen.

      • 29. Juni 2013 02:41

        Da hast Du schon Recht. Deshalb haben wir ja auch so viel geredet in der Sendung. Und auf eine tolle Musikkritik bin ich ja auch stolz wie Oskar. Passt schon alles unterm Strich.

  2. 28. Juni 2013 07:59

    Liebe Bettine,
    Du kannst großartig mit Sprache umgehen und das alles deuten. Ich merke ja auch alles, was Du beschreibst und jetzt sogar besonders nach dieser wirklich erlebnis- und begegnungsreichen Überraschungsreise mit der Bahn: Würzburg – Dresden und zurück.
    Allerdings habe ich so meine Probleme mit dem Hören. Ich bin schwerhörig und habe mich endlich durchgerungen, die Hörgeräte (fast) immer zu tragen. Hören geschieht aber nicht nur in den Ohren, sondern im Gehirn. Ich habe mir aber sagen lassen, dass sogar im hohen Alter Neuronenverbindungen im Gehirn wieder aktiviert werden können.
    Die Sprache und das Wort ist nicht so mein Gebiet, aber das Auge. Daher fotografiere ich so gerne und verwende so viele Bilder in meinen Blogbeiträgen.
    Du bist die Meisterin des Wortes!

    • 28. Juni 2013 09:18

      Lieben Dank für das tolle Lob!
      Ich denke, hören geschieht mit dem ganzen Körper. Natürlich vollzieht sich ein wesentlicher Teil der Differenzierung im Gehirn. Aber die Wellen erreichen ja alle Bereiche und durchdringen sie.
      An deinen Fotos freue ich mich auch immer wieder, wie du weißt. Und natürlich an deinen unglaublichen Kenntnissen über die Konstruktion von Labyrinthen.
      Vor einiger Zeit habe ich mich mit dem Thema Kooperative Intelligenz beschäftigt. Ich glaube, nur im Zusammenlegen der vielen verschiedenen Fähigkeiten wird Leben reich und bunt. Im westlichen Bereich ist man da, meiner Meinung nach, oft sehr eng auf die eigene Leistung begrenzt. Dabei ist sie, so groß und toll sie sein mag, immer nur ein Teil. Allerdings sollte man natürlich diesen Teil auch nicht unterschätzen. Er ist für die anderen so nötig wie für einen selbst.

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