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Oliven, Pinien und ein Streichholz

23. Juni 2013

Die Welt des Nahen Osten, wie ich sie gekannt habe, Syrien, die Türkei … versinkt im Chaos und im Augenblick kann wohl niemand sagen, was am Ende daraus entstehen wird. Ich bin stumm, hilflos und traurig zum Zuschauen verdammt. Für einen positiven Aufbruch, einen Frühling wie es manchmal gesagt wurde, halte ich es jedenfalls nicht. Während ich höre und lese und nicht sagen kann, was davon wahr und was falsch ist, was Ideologie und Methode, was ehrliche persönliche Betroffenheit, muss ich an eine Legende denken, die Rafik Schami einmal erzählt hat (in „Der Fliegenmelker“, dtv 1994). Ich erzähle sie neu und nach:

Einst gab es einen großen Pinienwald. In einer Ecke des Waldes wuchsen ein paar Olivenbäume. Die Pinien sahen scheel auf die Bäumchen herab, die da geradezu am Boden entlang krochen, während sie sich dem Himmel entgegenstreckten und die Speise der Götter wachsen ließen. Was gaben denn diese verkrüppelten Bäume da unten schon ab?! Ranzige Früchte, für nichts gut, als dass sie den armen Bauern das Essen verdarben.

Aber auch die Olivenbäume lachten über die Pinien. Diese eitlen Gesellen, die meinten, sie könnten die Sonne erreichen und nichts wussten von einem tiefen Wurzeln in der Erde.

So gingen die Jahre dahin. Man ertrug sich, zwangsläufig. Aber lieber hätten die Pinien gesehen, dass die Oliven verschwanden. Und die Oliven im Gegenzug wünschten den Pinien nichts Gutes.

Eines Tages fiel ein Streichholz auf die Erde. Es zischte den Oliven zu: Lasst die Sonne zu mir herab, dann brrrenne ich die Pinien und ihr seid sie los. Und den Pinien flüsterte es zu: Lasst mich nur machen, dann entflamme ich die Oliven. Und ihr seid sie los.

Einige Olivenbäume fanden den Vorschlag des Streichholzes verführerisch. Und als es ihnen noch zuraunte: Eine Pinie hat meiner Mutter, der Pappel, das Licht genommen, so dass nicht mehr aus mir wurde als ein Streichholz, waren sie gern bereit, dem Streichholz zur Seite zu stehen. Was sollte ihnen denn auch geschehen? Ihr Holz war alt und knorrig. Das würde dem Feuer gewiss standhalten.

Einige Pinien fanden den Vorschlag ausgesprochen gut. So wären sie endlich die hässlichen, verkrüppelten Oliven los, die ihrer Schönheit spotteten. Und andere dachten: Wir sind stark und kräftig. Wir recken unsere Arme der Sonne entgegen. Wie sollte da so ein Winzling auf der Erde uns etwas anhaben können? Selbst wenn es die Oliven nicht vernichtet, uns wird nichts geschehen. Und sie ließen der Sonne Raum.

Ein alter weiser Olivenbaum aber bat die Pinien: Ruft die Wolken, den Regen, damit sie das Streichholz durchfeuchten, sonst wird es euch und uns schlecht ergehen. Aber die Pinien lachten nur über ihn. Und wer ihm vielleicht zustimmte, wagte es nicht seine Stimme zu erheben.

Das Streichholz hatte indessen die Gunst der Stunde genutzt und sich unter eine alte Glasscheibe gerollt. Ein kleines Feuer entzündete sich. Und es wuchs und wuchs und wuchs. Die Oliven starben und die Pinien auch. Und das Streichholz lachte im lodernden Feuer über die dummen Bäume.

Seither sind viele Jahre vergangen. Man sagt, es gäbe neue Wälder aus Pinien und aus Olivenbäumen. Auch Pappeln seien hier und da zu finden. Und, so sagt man, es ginge eine Warnung unter ihnen um: Seid wachsam, auch Streichhölzer gibt es allerorten.

Ich habe von diesem Wald gehört. Gefunden habe ich ihn nicht. Aber die Anzahl der Streichhölzer in den Wäldern der Welt ist erschreckend.

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