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Unterwegs

10. April 2013

Mobilität wird groß geschrieben. Nicht nur weil es ein Substantiv ist. Großschreiben meint dann vielleicht alles in Großbuchstaben – oder vielleicht größer als Muße, größer als Gelassenheit. Größer auch als Gründlichkeit, Fürsorge, Güte. Und größer vor allem als: „Ich habe Zeit.“

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Zeit hat eigentlich kaum einer. Und wer Zeit hat, der fragt sich oft, warum und wofür und ob denn sein Leben noch einen Wert hat in einer Welt, in der die Bessergestellten zumeist durch die Gegend jagen, in der Fernsehhelden Tag und Nacht aktiv sind. Und natürlich mobil.

Wer selbst nicht mehr mobil ist – oder mobil genug – steht schnell außen vor. Menschen, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen können, vereinsamen. Menschen, die ihr Herz an einen Ort hängen und sagen, sie wollen Heimat und Freunde nicht verlassen, das sei ihnen wichtiger als der Job, gelten schnell als unflexibel. Wer nicht mitrennen kann, wer nicht auf neue Züge aufspringt, der … Und dann kommen die Klischees auf, die oft genug von anderen in Menschen hinein gelegt werden.

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Der Bau von Straßen wird in Auftrag gegeben, von Flughäfen. Die Datenautobahn ist überlastet. Das Handynetz muss überall und an allen Orten funktionieren. Wer nicht mithält: Lebt dieser Mensch eigentlich noch? Früher, es ist, zugegeben, ein paar Jahrhunderte her, sagte einer: Ich denke, also bin ich. Heute könnte man sagen: Ich werde wahrgenommen, also bin ich.

Und zugleich beklagen viele die Entfernung, die in der sogenannten westlichen Welt zwischen Menschen wächst. Ein gutes Straßennetz, ein gut ausgebautes Schienennetz, Telefon und Internet verbinden Menschen – und verbinden sie nicht.

Dagegen trifft man Menschen, die kommen aus Afrika oder Lateinamerika zurückkommen, aus Regionen, in denen das Straßen-, Schienen-, Telefonnetz weit weniger ausgebaut ist. Sie erzählen von Begegnungen. Und genau diese Begegnung, die Zeit, die Menschen miteinander verbrachten, wird als reich und intensiv erlebt. Es „dort“ nicht einfach besser. Und doch …

Man kommt zurück und fragt sich plötzlich, was passiert ist. Haben sich die Verhältnisse zwischen dem Menschen im eigenen Land verändert? Ist es unverbindlicher, liebloser geworden oder ist es nur der eigene Blickwinkel, der sich verändert hat? Plötzlich fallen einem Kleinigkeiten auf: Eine Frau, die zum Bus rennt. Alle sehen sie. Auch der Busfahrer muss sie wahrgenommen haben, aber er fährt noch bei Rot an der Haltestelle nach vorn und lässt die Frau stehen, obwohl er sie hätte noch mitnehmen können. Oder: Nicht nur Kinder drängen in eine Straßenbahn, noch bevor der ältere, gehbehinderte Herr aussteigen konnte. Jetzt muss er eine weitere Station fahren. Oder: Autofahrer jagen mit deutlich mehr als 50 km/h durch die Stadt und lassen sich nur von ihrer „Blitzer-App“ bremsen. Als Fußgänger springt man entsetzt zur Seite.

Was nützen uns unsere Straßen, unsere Möglichkeiten, unsere Mobilität, wenn sie nirgendwohin anders hinführt, als nur wieder dazu, sich um sich selbst zu kümmern. Was nützt es mir, wenn mich das alles nicht mit anderen verbindet? Wir sollten Fragen stellen. Nicht weil Straße oder Internet oder Telefon an sich schlecht ist, sondern um zu wissen, wie es gut ist, das alles zu nutzen. Wir alle sind unterwegs, innerlich und äußerlich. Die entscheidende Frage ist: Wohin? Und: Welchen Wert hat der Weg, den ich gehe?

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