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Was man so hätte lernen sollen …

21. Oktober 2012

Je älter man wird, desto mehr wird es einem bewusst: Was da alles zu lernen gewesen wäre in einem langen Leben. Ganz auf der intellektuellen Linie: einen ordentlichen Schulabschluss erreicht haben, etwas wissen, besser wissen vielleicht, dann … Im Handwerklichen: Wenn man dies oder jenes auch selbst könnte, dann … Im sozialen Bereich: Wenn man sich da oder dort anders, angemessener, eben besser verhalten hätte, dann …

Und man wünscht sich, die anderen, die Jüngeren mögen es besser machen. Sie haben so viele Möglichkeiten doch jetzt. Ganz anders als früher. Sie können die Welt bereisen, können Sprachen lernen, können …

Und man wünscht sich, die jüngeren mögen es besser haben: Die Lehrer sollten endlich wirklich den Einzelnen sehen. Der Lehrplan sollte besser auf die Schüler abgestimmt sein. Und die Schüler sollten auch viel mehr für das Leben lernen. Damit sie mal durchkommen. Besser als früher.

Und man wünscht sich einen perfekten Start in das Leben, dass dann, irgendwann nach dem Abitur richtig beginnt. Aber wann beginnt das Leben wirklich?

Wünsche und Hoffnungen und Träume, wie es sein könnte. In der Realität bleibt man, bleibt jeder Einzelne wohl im Allgemeinen weit hinter den Wünschen und Träumen zurück. Oder doch viele. Aus den Wünschen werden Forderungen, aus den Forderungen werden Termine, aus den Terminen werden Lasten, die vor allem die Kinder tragen. Es ist wie ein Tanz um ein schillerndes Kalb, von dem keiner so recht weiß, ob es nun wirklich aus Gold ist, das Kalb der Träume und Hoffnungen zwischen Leistung und Erfolg.

Die einen tanzen rechts herum: Spielen? Nicht effektiv genug. Dabei sollte man doch etwas Nützliches tun. Träumen? Nicht effektiv genug, stattdessen sollte doch etwas erreicht werden.

Die anderen links: Nur das Kind im Mittelpunkt, es muss seinen Willen sagen, auch wenn es erst zwei ist. Nicht wir geben ihm eine Richtung, es sucht sie selbst.

Und eine andere Gruppe hat den Tanz längst verlassen: Wozu das Ganze? Ist der Kampf ums nackte Überleben nicht Kampf genug? Muss man sich zusätzlich auch noch um die Kinder kümmern? Wer war denn für mich da, als ich wen gebraucht hätte?

Die intellektuellen Leistungskinder und die Ökokinder und die, um die sich kaum einer kümmert – und dazwischen alle Spielarten des Übergangs.

Was uns in all dem verloren gegangen scheint: eine gemeinsame Utopie oder wenigstens ein Ansatz gemeinsamer Werte. Auch wenn kein Tag vergeht, an dem nicht im Radio oder im Fernsehen auf diese scheinbar unstrittigen Grundlagen Bezug genommen wird. Und wer ehrlich ist, gibt zu, dass es eine einfache Lösung für alle nicht gibt, niemals geben wird.

Was ich mir in dieser Debatte wünsche? Dass es wieder Raum geben möge für seelische Tiefe, für Phantasie. Dass Lebenszeit an sich wieder einen Wert haben möge. Dass es nicht nur darum geht, etwas richtig oder falsch zu machen, sondern dass in all den notwendigen Diskussionen die unverlierbare Würde des Menschen jenseits von Leistung anerkannt wird und für jeden Menschen gilt: Du bist gewollt und begabt, wenn auch anders als ich.

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