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Das rechte Maß?

7. September 2012

Immer ist zu wenig da: zu wenig Geld, zu wenig Ressourcen, zu wenig Arbeitsplätze, zu wenig Zeit, zu wenig Kraft. Nichts ist ausreichend. Und zugleich klagt man über ein Zuviel: zu viel Butter und Milch, zu viel Müll, zu viele Autos, zu viel Werbung, zu viele Computerspiele, zu viel leere Zeit, zu viel Arbeit. Zu wenig an Positivem, zu viel an Negativem. Der Frust überwiegt. Das scheint ein typisches Gefühl zu sein derzeit. Wir haben einfach nicht genug vom „Richtigen“ und zu viel vom „Falschen“. Für nicht eines der Probleme, die zu lösen wären, gibt es eine perfekte Lösung.  Dabei hätte man das sooft gern: Eine Lösung und das Problem wäre vom Tisch. Aber die Liste des Zuviel und des Zuwenig ist schier endlos. Man kann aufzählen und aufzählen bis es einem reicht. Bis man nicht mehr darüber reden will – und es eben doch tut, beinahe jeden Tag.

Offensichtlich können wir nicht anders: Wir müssen es benennen. Und das ist immerhin ein Anfang. Ein Anfang – aber noch kein Weg. Man könnte auch im Jammern hängen bleiben. Und damit wäre nichts gewonnen. Wo aber wäre die perfekte Lösung zu finden? Will ich sie überhaupt wirklich? Haben die Lösungen, die perfekt anmuten, nicht etwas von einer Designerwohnung? Sie sieht toll aus, zweifellos. Aber wer möchte wirklich darin wohnen? Ist sie nicht zugleich auch kalt und unlebendig? Sie passt perfekt – nur nicht zu mir und meinem Leben. Wünscht man sich das wirklich?

Und: Im perfekten Licht und in der absoluten Dunkelheit ist nichts mehr zu unterscheiden. Struktur entsteht durch Abstufung, durch das Unperfekte. Es ist unvollkommen, aber oft unsagbar schön wie ein Sonnenuntergang. Er ist schön, weil nicht alle Facetten des Lichtes, nicht alle Farben zu sehen sind. Und er ist schön, weil er vergänglich ist. Ein Augenblick der Stille, des Innenhaltens bei mir selbst vielleicht. Nur ein Moment, bevor andere Aufgaben des Lebens mich wieder fordern. Nicht perfekt und doch irgendwie vollkommen. – Wenn ich mir die Zeit dafür nehme, ihn auf mich wirken zu lassen.

Immerhin: Da ist etwas, jeden Tag. Nicht die Lösung, nicht alles und nicht komplett. Aber doch etwas, ein klein wenig: ein Sonnenuntergang, ein Lächeln, eine helfende Hand. Unter Freunden erlebt man es, aber auch mit Fremden, sofern man sich darauf einlassen kann: Wenn jede und jeder das Wenige zur Verfügung stellt, das er hat, wenn man sich daran freut, was möglich ist, wenn man bereit ist, die gute Nachricht neben all den schlechten zu hören, verändert sich etwas.

Die Blickrichtung ist verändert. Gerade Menschen, die Schweres zu überwinden haben, die dauerhaft mit schwerwiegenden Lebenseinschränkungen leben müssen, können mich das lehren: Durch Aufnehmen und Weitergeben der Möglichkeiten, wie unvollkommen sie auch sind, und in der Entdeckung der Dankbarkeit dafür wird das Leben reich und schön, wie unperfekt es auch sein mag.

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One Comment leave one →
  1. 10. September 2012 08:04

    Liebe Bettine,
    sehr schön Dein Artikel. Und geeignet als Gedanken zum Labyrinth: Neu anfangen, die Blickrichtung ändern, unterwegs sein.
    Danke dafür

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