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Die Kunst der Kunst: Überleben

11. Juni 2012

Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viele Aufrufe zur Bewahrung von Orchestern, Theatern, überhaupt von Kunststätten gelesen zu haben wie in diesem Jahr. Die Gespräche mit Freunden und Kollegen sind von der Sorge um die Zukunft überschattet. Auch Leipzig macht in all dem keine Ausnahme. Trotz anderer Absprachen erschreckte beispielsweise jüngst die Freie Szene die Nachricht, dass die vereinbarten Prozente an Unterstützung durch die Stadt nicht eingehalten werden.

In anderen Gesprächen hört man: „Was wollen die Künstler? Das, was sie tun, ist Luxus. Und Luxus kann man sich in den Zeiten wie den unseren, in denen selbst große Banken finanzielle Probleme haben, nicht leisten. Entweder die Künstler legen ein Konzept vor, von dem sie leben können, oder sie müssen sehn, wo sie bleiben.“ Nutzen wird nachgefragt. Bitte abrechenbar – und zwar jetzt und gleich und sofort. Dafür werden den Banken Milliarden gezahlt …

Interessanterweise lassen oft die gleichen Gesprächspartner ihre Kinder ein Instrument lernen, an der Theatergruppe teilnehmen, zum Tanzworkshop fahren. Dass die musische Bildung durchaus eine Auswirkung auf die intellektuelle Befähigung hat, wird anerkannt. Bricht dieser Prozess irgendwann ab? Bekannt ist, dass der Mensch lebenslang ein Lernender ist. Doch scheinbar ist das, was man Kindern sehr wohl zukommen lassen will, für den Erwachsenen nicht mehr nötig. Eine Melodie erkennen? Das Gehirn durch das Wahrnehmen von Literatur zur Reflexion über das eigene Leben anregen? Kultur im besten Sinne genießen – und das als ein (bezahlbares) Recht für alle? Wozu? Was hat man denn davon? Ist das noch gewollt?

Der Film „Kriegerin“ erzählt in bedrückenden Bildern sehr klar, was man davon hat, wenn man keinen Zugang zu Kultur hat, öffnet oder pflegt. Eine junge Frau im ländlichen Raum gehört zu einer Clique rechter Jugendlicher, die mit Gewalt ihre Meinung deutlich machen. Wer anders ist, muss mit Übergriffen rechnen. Unauffällig und fast beiläufig stellt der Film auch die Frage, warum sie so sind, was ihnen fehlt ‑ und beantwortet sie in symbolreichen Bildern. Besonders eindrücklich war mir diese Sequenz: Als der geliebte Großvater der „Kriegerin“ stirbt und sie in ihrer Trauer zur Mutter geht, wird sie weggeschickt. „Es ist doch gut, dass er endlich tot ist.“ Versteinert trauernd sitzt die junge Frau in ihrem Zimmer, kann die Zärtlichkeit ihres Freundes nicht annehmen, aber auch nicht formulieren, was sie umtreibt. Es fehlen ihr die Worte. Und ihm? Er schlägt sie, fragt „Warum erwiderst du meine Liebe nicht?“ – und geht, ohne eine Antwort zu erwarten. Auch ihm fehlen die Worte, um zu sagen, was er fühlt.

Der Abbau der Kunst, der real erlebbaren, vor allem auch der basisnahen Projekte wird die Fähigkeit reduzieren, das zu sagen, was unser Herz umtreibt. Wenn wir aber die Worte, die symbolreichen Bilder, die heiteren Tänze verlieren, was für eine Gesellschaft bleibt uns dann? Wir sägen am Ast der Zukunft.

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One Comment leave one →
  1. Cathy Doris permalink
    12. Juni 2012 23:34

    Es betrifft nicht nur die Kunst, es betrifft unsere gesamte Lebensgestaltung, Zeit wird im Nutzen, den sie erbringt gemessen und der Nutzen in Geldeinheiten. Zeit zum Spielen? Überflüssig, möglichst früh Englisch und Rechnen lernen, möglichst schnell zum Abitur gelangen. Das Menschwerden, das sich nun mal Schritt für Schritt vollzieht und das Zeit braucht, bleibt außen vor. Sport, Musik, Lesen, Kultur, Kunst, das sind Fächer und Bereiche, die zusehends aus dem Leben der jungen Menschen verschwinden, weil sie keine Zeit mehr haben, sich einer Sache, die nicht unmittelbar verwertbar ist, zu widmen. Das Studium mit seinem Bachelorabschluss knüpft nahtlos an diese Sichtweise an, es geht um den simplen zielgerichteten Wissenserwerb, nicht mehr um die Fähigkeit, das selbständige Problemlösen zu erlernen.

    Die Unternehmen in Deutschland verlangen von ihren Mitarbeitern lange Arbeitstage im Dienste des Unternehmens, da bleibt weder Zeit für Familie noch für Kultur. Ich wünschte, es gäbe ein Umdenken, das Bewußtsein, daß Kunst und Literatur und Musik eine Bereicherung sind und daß die Förderung ebenso staatliche Aufgabe ist wie die Förderung der Bildung.

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