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Gegen den Trend

18. Mai 2012

Unterordnung scheint wieder „in“ zu sein. Zunehmend begegnet man pädagogischen Konzepten, die ein klares Oben und Unten definieren. Und überhaupt ist das Schimpfen auf „die, da oben“, die es meist falsch machen, weit verbreitet. Manchmal frage ich mich: Ist es das, was die Menschen, was auch ich „damals“ wollte, als wir Veränderung wollten, als wir aus verkrusteten Strukturen aufbrachen?

Und trifft die Entwertung ganzer Biographien, das Einteilen in ein „gutes und richtiges“ Leben auf der einen und in ein vielleicht nicht schlechtes, aber doch zumindest „falsches“ auf der anderen, den Kern der Sache? Wird man damit den Verletzungen gerecht? Schaffen wir damit einen Ausgleich, ein besseres gemeinsames Leben mit den Nachbarn im Haus, in der Stadt, aber auch im Land?

Unterordnung, oben und unten, richtig und falsch mag in der Mathematik seinen Sinn haben, im gemeinsamen Leben werden mir diese Kategorien immer fragwürdiger. Denn wenn ich mit denen, deren Leben ich an sich als „falsch“ einstufen würde, zu reden beginne, verstehe ich manchmal, warum es so war, warum er oder sie diesen Weg gegangen ist. Und mir wird deutlich, wie sehr ich selbst Teil des Systems bin. Und ich frage mich, ob ich das will. Ob ich so leben will, mit meinen Nachbarn, in dieser Stadt, diesem Land. Oder ob es mir nicht viel mehr darauf ankäme, wirklich den Raum für mich und mein eigenes Leben zu haben – und dem anderen diesen Raum ebenso zuzugestehen. Ganz wertfrei, ganz im Sinne einiger psychologischer Ansätze, die mir vermitteln: Du bist ok ‑ und ich bin es auch. Was würde sich verändern, wenn wir diesen Weg gingen? Wenn ich ganz klar bei mir anfange und aufhöre, dem anderen zu sagen, wie er bitteschön aus meiner Sicht zu leben hat?

Auf jeden Fall ist es eine Herausforderung. Und es ist nicht das, was man alltäglich zu hören bekommt. Das Fernsehen ist voll von Ratschlägen, wie ich mein Leben besser in den Griff bekomme. Der Ratgebermarkt im Buchhandel ist eine der wenigen Sparten, die noch immer wächst. Und Horoskope haben Hochkonjunktur. Andere sagen mir, die mich nicht kennen, ja, noch nicht einmal gesehen habenmich gut uns richtig ist. Soll ich denen zutrauen, dass sie mir wirklich helfen können? Soll ich mich ihrer Meinung wirklich unterordnen? Sind sie vertrauenswürdig? Wie kann ich überhaupt entscheiden, wem ich da vertrauen kann?

Scheinbar gibt es ein Leben, abstrakt und unabhängig von meinem, das richtig ist. Und ich bin in Ordnung, wenn ich mich unterordne. Im Grunde ist all das eine neue, alte Form von Gewalt, Gewalt aus der so viele doch vor einigen Jahrzehnten ausbrechen, nicht mehr Teil eines solchen Systems sein wollten. Dagegen treffen sich auch hier in Leipzig Gruppen, die eine andere Form von Sprache erlernen, die gewaltfrei miteinander umgehen wollen. Sie engagieren sich für eine neue Form von Achtung, von Respekt. Achtung vor mir selbst und vor den anderen, Begegnung auf Augenhöhe. Eine Freundin aus dem Vogtland sagt in ihrem unnachahmlichen Dialekt dazu: Des sei a so Verrigde. Ja, das sind auch so Verrückte, aber diese Art der Verrücktheit will ich gern ausprobieren, ganz gegen den offiziellen Trend und ganz im Sinne der Frage, die Nelson Mandela in seiner Antrittsrede als Präsident 1994 stellte: „Wir fragen uns: Wer bin ich denn eigentlich, dass ich leuchtend, hinreißend, begnadet und phantastisch sein darf? Wer bist du denn, dass du das NICHT sein darfst?“ Eben: Wer bin ich denn, dass ich das nicht sein darf? Und wer ist denn der andere, dass er es nicht sein darf? Und mit welchem Recht legt das irgendwer über uns fest?

(c) Bettine Reichelt

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One Comment leave one →
  1. 20. Mai 2012 10:00

    Barbara Kohout schrieb in einer Mail, die ich gern weitergeben möchte (und darf):
    „Die Gedanken, die Du erwähnst sind sehr wichtig. Ich finde es auch gut, dass Du Respekt und nicht Toleranz schreibst. Wir können nicht alles tolerieren. Auch nicht wenn es eine lange Tradition hat und von vielen unter dem Schutz der Macht getan wird. Die
    Beschneidung der Frauen, die Scharia, der Holocaust, den sozialen Tod
    und vieles Andere wird nicht ethisch oder moralisch nur weil es so der
    Brauch ist.
    Ich finde wir sollten den Gedanken der Menschenrechtskonvention von 1948
    noch viel mehr herausstellen, der ja gerade den Schutz der Geknechteten
    und der Minderheiten zum Ziel hatte.Die Menschenwürde ist bedroht, wenn jemand der Macht hat bestimmen kann was für die Menschen oder einzelne Gruppen von Menschen gut und richtig ist.
    Es gibt noch so viel zu tun, bis die „Menschen“ begreifen, wie kostbar ihre Freiheit und Selbstbestimmung ist.“

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