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Mut für den nächsten Schritt

31. Dezember 2011

Wann habe ich das letzte Mal Märchen gelesen? Ich weiß es nicht. Aber ich erinnere mich gern an die Nachmittage, Abende, an denen mir der Großvater vorgelesen hat. Wie lange das zurückliegt … In meiner Erinnerung ist immer Winter. Draußen liegt Schnee. Wir sitzen am Kachelofen im Wohnzimmer und der Großvater hat das große grüne Märchenbuch in der Hand. Das mit der alten Schrift und den ausfallenden Seiten. Es ist unsere Zeit. Hänsel und Gretel sind wieder einmal von der Hexe gefangen genommen worden. Aber sie werden nicht gefangen bleiben. Ich weiß ja, es geht gut aus. Was für ein Triumph, wenn es Aschenputtel wieder einmal geschafft hat, trotz ihrer stillen Freundlichkeit den Prinzen zu bekommen! Oder der clevere Sieg der Bremer Stadtmusikanten. Ganz gegen allen Anschein verbringen sie einen friedlich-fröhlichen Lebensabend. Ach, ja, Märchen!, denke ich dann manchmal. Und ich erinnere mich an das erste Erschrecken über die Brutalität der alten Texte. Kann man das den Kindern heute noch zumute?
Die Märchen sind oft hart. Das Leben, von dem sie erzählen, ist ein Überleben in der Auseinandersetzung. Aber ist nicht „unsere Welt“ genau so? Und denkt man nicht auch manchmal: Kann man diese Welt, so wie sie ist, mit gierigen Bankern und oft hilflosen Politikern, mit Kriegen und Katastrophen, mit Arbeitslosigkeit und Krankheiten, kann man uns eigentlich diese Welt zumuten? Nein, möchte ich oft genug rufen. Aber mein Ruf verhallt im Irgendwo.
Und dann erinnere ich mich doch wieder an die Märchen. Wie wäre das schön, wenn man so eine Fee zur Hand hätte! Oder wenigstens einen kleinen Kobold mit einem blauen Licht.
Manchmal vergesse ich über der Sehnsucht nach der Befreiung von außen ganz, was in mir steckt. Dabei machen es mir doch gerade die Bremer Stadtmusikanten vor: Etwas Besseres als den Tod findet man allemal, sagt der Esel. Ausgerechnet der Esel! Und dann ziehen sie los, mit ihrem Konzept für eine Selbstständigkeit, das keiner Arbeitsamtsprüfung standhalten würde. Sie sagen: Das Spiel machen wir nicht mehr mit. Wir leben – und wir haben ein Recht auf dieses Leben. Das immerhin könnte ich ihnen nachmachen: Einen solchen Mut zu haben, gegen allen Anschein. Aufzustehen und mit Witz und Phantasie das eigene Leben einzufordern. Auch wenn es mit der ganz großen Karriere in Bremen dann nicht klappt, finden sie einen Ort, an dem es tatsächlich besser ist. Sie brechen auf und lassen sich nicht unterkriegen – gegen allen Anschein.
Vielleicht ist es gut, mal wieder das alte Märchenbuch aus dem Schrank zu holen, das grüne mit den losen Seiten, sich an die alten und doch ewig jungen Begleiter zu erinnern und sich ermutigen zu lassen. Gerade wenn es nicht golden ist, und man eigentlich am Morgen nur noch die Decke über den Kopf ziehen möchte: Etwas Besseres als dieses Aufgeben findet man allemal.

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2 Kommentare leave one →
  1. 31. Dezember 2011 19:59

    Einen guten, ersten Schritt ins neue Jahr, ins neue Leben wünsche ich uns allen.

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