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Ristorante furioso – wenn nichts bleibt wie es scheint

13. Oktober 2011

Alles ist so wie immer: Am Abend ist die Wirtin müde, am Morgen muss sie doch die Kneipe wieder öffnen. Die Leute aus der Nachbarschaft kommen. Der Stammgast, der immer auf seinen Kaffee warten muss, der Besitzer der Oper, die Frau von der Straße. Die großen und die kleinen Lebenskämpfer kommen und gehen. Und der Chefin kann es keiner recht machen, vor allem ihre beiden Söhne nicht. Alles ist wie immer. Ein bisschen verrückt, ein bisschen skurril und traurig. Ein ganz normaler Tag, ein ganz normaler Theaterabend.
Wäre man nicht an diesem Abend in der NaTo Gast bei den „Südstaatlern“. Für die Südstaatler ist dieser Abend alles andere als normal, der Ort nicht und das Spielen nicht. 2008 spielten die Bewohner des „Martinsstiftes“ und der „Wohnstätte Heinz Wagner II“, beides Wohnheime der Diakonie, jeweils in eigener Gruppe zum ersten Mal öffentlich Theater. Zwölf behinderte Menschen erarbeiteten unter Begleitung ein Stück. Im September 2009 vereinten sich die beiden Gruppen. Seitdem gibt es die Theatergruppe der „Südstaatler“, die Leipzig um eine kulturelle Besonderheit bereichert: Menschen mit Behinderung stehen nicht im Schatten und sind nicht die Empfänger von Freundlichkeiten, sondern stehen im Rampenlicht und bringen sich mit den ganz eigenen und unverwechselbaren Begabungen ein. Im Sommer 2010 hatte das erste gemeinsame Stück Premiere: „Anspruch auf Leistung“.
Seit September stehen die Schauspieler erneut auf der Bühne. „Ristorante furiose“ erzählt eine alltägliche Geschichte, die insbesondere weil sie von behinderte Menschen erzählt wird, alles andere als alltäglich ist. Unter der Regie von Sebastian Mandla zeigen sie, dass gerade die dauerhaften Lebenseinschränkungen, mit denen sie im Alltag kämpfen müssen, das Stück außergewöhnlich werden lassen. Es darf gelacht werden, wenn die Chefin ihren Söhnen mit dem Kochlöffel hinterherflitzt. Es darf gelacht werden wenn Frau „von der Märkisch“ Wahlkampf betreibt. Es darf gelacht werden, wenn der Stammgast nie zu seinem bestellten Kaffee kommt. Und es ist totenstill in der faktisch ausverkauften naTo, als der Operndirektor schwankend seinen Rauschtanz aufführt.
Alles ist wie immer und doch ist alles anders: Die scheinbar festgefügten Wertigkeiten werden angefragt, hinterfragt. Wer ist wer in diesem Spiel? Und wer bringt was ein? Lachend und zugleich nachdenklich verlassen die Zuschauer den Raum. Viele von ihnen leben ebenfalls mit schwerwiegenden dauerhaften Einschränkungen. Und es macht sie stolz, die „Ihren“ auf der Bühne zu sehen. Alles ist wie immer – und eben doch nicht.

Weitere Vorstellungen am 24. und 25. November 2011, jeweils 18.00
Regie: Sebastian Mandla
Bühne & Kostüm: Sven Nahrstedt
Film & Assistenz: Laura Dörr

Kartenvorbestellung unter 0341/306350

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4 Kommentare leave one →
  1. 13. Oktober 2011 20:52

    Seltsam ist es schon, dass in den vergangenen Jahren recht viele dieser Theaterprojekte entstanden sind! Im besten Falle ein Gewinn für alle Betiligten, könnte dies aber in anderer Betrachtungsweise ein weiterer Beleg für den ausufernden Voyerismus eines übersättigten und gelangweilten Publikums sein, welches durch „Regietheater“ aus traditionellen Musentempeln vertrieben wurde und nun jenseits der konzertierten Fernsehverblödung verzweifelt auf der Suche nach dem ultimativen Kick ist. Sehe ich das zu negativ?

    • 14. Oktober 2011 06:38

      Natürlich könnte man es auch so benutzen. Das wäre aber ein fatales Missverständnis dieses Projektes, finde ich.
      Ich habe den Abend anders erlebt. Ich denke, viele Projekte dieser Art entstehen auch aus einer sich wandelnden Sicht auf behinderte Menschen. Sie haben stärker mit Einschränkungen zu kämpfen als andere, sind auf Hilfe angewiesen. Das ist wahr. Aber sie haben auch einen eigenen Erfahrungshorizont, den sie einbringen können, wenn man einen Rahmen dafür schafft. Sie stehen in diesem Fall ja auch nicht als professionelle Schauspieler auf der Bühne, sondern eben als Menschen, die anderen Einblick in ihre spezielle Sicht geben.
      Ich denke, die Frage ist für mich eher: Sind behinderte Menschen und auch chronisch Kranke Menschen, die einzig Hilfsempfänger sind? Oder haben sie nicht auch ihrerseits der Gesellschaft etwas zu sagen, sind ein wesentlicher Teil, sind Menschen, die gerade weil sie so sind, wie sie sind, hinterfragen, korrigieren … Zu oft wird einzig und allein auf die Kosten verwiesen, die jemand mit einer solchen Einschränkung „verursacht“. Das ist aber, meiner Meinung nach, noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Ich sehe diese Entwicklung hin zu mehr Teilhabe als eine Bereicherung, die aber das traditionelle Theater nicht ersetzen kann und nicht ersetzen will. Es ist ein anderer Ansatz.

  2. 16. Oktober 2011 11:01

    Dazu fällt mir ein Filmtipp ein: „Angel-A“ (Regie Luc Besson) mit Lamel Debbouze. Debbouze ist in Frankreich ein ziemlicher Superstar und zwar weder wegen noch trotz seiner Behinderung, sonder weil er schlicht ein irrsinnig guter Schauspieler ist. Genau wie es sein sollte!

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