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Spaziergang nach Goseck

12. Juli 2011

Siebentausend Jahre! Was für eine Zeitspanne. Was mag vor siebentausend Jahren hier gewesen sein, genau hier, wo ich sitze? Lebten Menschen an diesem Ort? Oder war undurchdringlicher Wald? Welches Wissen trug man in sich? Was galt oder was galt nicht? Manchmal denkt man: Ach, vor siebentausend Jahren, als die Ägypter längst eine Hochkultur hatten, da sprangen die Europäer doch quasi noch auf den Bäumen herum. War dem so? Wenn es doch wenigstens möglich wäre, einen halben Blick auf diese Zeit, auf den Weg der Geschichte zu riskieren!

Manchmal öffnet sich unvermittelt ein solches Zeitfenster. Man schaut hindurch und entdeckt, dass letztlich doch alles anders war als vermutet: 1991 überflog ein Forschungsteam die Region Sachsen-Anhalt. Man ging davon aus, dass in dieser Region noch Zeugnisse der Geschichte zu entdecken sein würden. Man entdecke einige Hinweise, ging ihnen aber zunächst nicht weiter nach. Es  deutete nichts darauf hin, dass dort in der Erde eine wirkliche Überraschung schlummern könnte. Auch darum dauerte es elf Jahre, bis die ersten Grabungen begannen. Und man stieß auf einen sensationellen Fund: einen Ort der Himmelsbeobachtung, eine Kreisgrabenanlage. Ein Heiligtum. Keiner weiß heute genau, welche Riten im Innern der Anlage vollzogen wurden. Allerdings verbindet uns das mit den Menschen jener Zeit. Auch die Bauern, die vor 6800 Jahren begannen, das Rund auszuheben und die Holzbohlen in die Erde zu rammen, kannten vermutlich nur einen geringen Teil. Sie waren Außenstehende, Empfänger, Beobachter wie auch wir heute.

Ein Ausflug, an dem ich eher zufällig als gezielt teilnehme führt mich zur Kreisgrabenanlage. Und dort erfahre ich mehr über die Zeit damals: Sicher ist, dass die Menschen der Steinzeit den Himmel beobachteten und die Phänomene deuteten. Nach Norden, Südosten und Südwesten ausgerichtet markieren drei Tore Sonnenauf- und -untergang zur Wintersonnenwende am 21. Dezember. Auch die Sommersonnenwende konnte durch Tore im Palisadenwall bestimmt werden. Manches deutet darauf hin, dass es Opferungen gegeben hat. Ob es sich „lediglich“ um Tieropfer handelt oder ob auch Menschen geopfert wurden, muss offen bleiben.

Als Besucher geht man beeindruckt und still über den Graben ins Innere der Palisaden, steht in der Mitte des Runds, läuft den äußeren Ring zwischen den doppelten Palisaden ab und versucht nachzuempfinden, wie es den Menschen damals ergangen sein mag. Ob sich die Priester auch so klein und unbedeutend vorkamen neben den riesigen Stämmen? Ob sie wohl auch die Weite des Runds genossen haben – und den Widerhall des Klangs auf eindrückliche Weise genutzt?

Aber irgendwann bekommt auch der interessierteste Besucher der grauen Vorzeit Hunger und wendet sich wieder der Gegenwart zu. Im Internet erfährt man, wenn man sich auf den Ausflug vorbereitet, dass die Küche auf Schloss Goseck sehr empfehlenswert sei. Schloss Goseck? Wo soll das sein? Vom Sonnenobservatorium aus ist nichts zu erkennen. Man macht sich auf den Weg. Der Besucher hat drei Möglichkeiten: Besucht er den Ort zum ersten Mal wird er wohl durch das Dorf zum Schloss gehen. Die Ankunft ist so ganz anders, als man sich einen solchen Einzug vorstellt. Man geht entlang der gut gepflegten und ganz offensichtlich vor Kurzem renovierten Dorfstraße, biegt ab, läuft eine holperige Straße bergab – und steht unvermittelt in einem Hof. Man ist verwundert: Ach, das ist ein Schloss? Das habe ich mir irgendwie anders vorgestellt, imposanter.

Ganz anders ist die Ankunft vom Wald her. Und noch eindrücklicher erhebt sich das Schloss über das Ufer der Saale. Ein Bau, hoch aufgerichtet, weithin sichtbar. Das muss ein Kleinod sein, sagt man sich, und nimmt den mühevollen Aufstieg auf sich. Der Blick über die Saale bis hin nach Naumburg entschädigt für jede Strapaze. „Ermüdet von tausend Genüssen, die Natur und Kunst mir heute gaben, und gestimmt zu einer wunderbaren Heiterkeit sitze ich hier in einem hohen, gewölbten, gothischen Gemach des alten Bergschlosses Gosek, wohin mich die Freundschaft des Besitzers rief und blicke gerührt nach der Gegend zurück …“, schrieb der Dichter Novalis während seines Besuchs auf Goseck am 5. Oktober 1791 an einen Freund.

892 wird erstmals eine Burg Goseck im Steuerverzeichnis erwähnt. Es handelt sich um die Stammburg der Pfalzgrafen von Sachsen. Nach dem Tod des ersten Pfalzgrafen wird aus der Burg ein Kloster. Über Jahrhunderte dokumentierten die Mönche die Geschichte des Klosters und die baulichen Veränderungen auf das genaueste. Die Kirche, die sie im Laufe der Zeit errichteten und die man heute nur noch erahnen kann, war riesig. Aus heutiger Sicht erscheint sie überdimensioniert. War sie je ausreichend mit Besuchern gefüllt?

Irgendwann geriet die Chronik wohl in Vergessenheit. Von 1133 an bis in die Reformationszeit hinein schweigt sie.

Nach der Säkularisierung 1540 begann für das Schloss eine wechselvolle Geschichte. Die Besitzer wechselten, Gebäude wurden abgerissen, umgebaut. Im 19. Jahrhundert stattete der Weißenfelser Orgelbaumeister Ladegast die verbliebene Schlosskapelle mit einer Orgel aus. Und man pflanzte einen Ginkgo mitten im Hof. Von der Orgel zeugt heute nur noch ein leeres Orgelprospekt, das lediglich Reste blinder Zerstörung birgt. Dies ist ein Erbe der 1980er Jahre. Die Kirche wurde nach 1945 nicht mehr als Sakralraum ungenutzt. Sie diente als Lazarett, Speicher und Filmkulisse. In den übrigen Gebäuden des Schlosses waren eine Jugendherberge und eine Schule untergebracht. Der Baum aber grünt noch und spendet im Sommer Schatten. Er zeugt von der Kraft Leben, die noch immer in den alten Mauern am Ende der Straße steckt.

Diese Kraft spürte Ende der 1990er Jahren auch eine kleine Gruppe von Idealisten, Liebhabern vergessen geglaubter Kunst, das Ensemble „Ioculatores“. Eher zufällig entdecken die Musiker das träumende Schloss, lassen sich das Gemäuer zeigen – und verlieben sich in die alten, nur scheinbar müden Mauern. Sie gründeten Ende 1998 den Schloss Goseck e.V., um das „Europäische Musik- und Kulturzentrum Schloss Goseck“ aufzubauen. Und sie füllen den Raum mit Klang, Raumklang. Das Label besteht seit 1993, war ursprünglich in Leipzig ansässig und hat seither auf dem Schloss seinen Sitz.

Regelmäßig finden seitdem Konzerte und Veranstaltungen auf dem Gelände oder in den Räumen des Schlosses statt. Mittlerweile reicht die Ausstrahlung der Gosecker Schlosskonzerte mit ihrem Schwerpunkt auf Alter Musik weit über die Grenzen der Saale-Unstrut-Region hinaus. Neben den Schlosskonzerten finden regelmäßig Konzerte in der liebevoll eingerichteten Schenke statt. Die dazugehörige „Schenkensuppe“ ist eine Leckerei, auf die die Besucher gespannt sind. Überhaupt gehört das Essen der Schenke auch außerhalb der Konzerte zum Genuss und der Kunst auf dem Schloss dazu. In den Nebengebäuden des Schlosses entstanden Probenräume und eine Herberge mit Gästezimmern. Auch zwei Esel wohnen auf dem Hof – zur Freude vor allem der Kinder.

Im Frühjahr 2011 erhielt der Schloss Goseck e.V. den 16. Romanikpreis Sachsen-Anhalts in Silber. Damit wurde das Engagement des Vereins für das Schloss, vor allem für seine (nachträgliche) Aufnahme in die Straße der Romanik, gewürdigt. Damit wurde er schon zum zweiten Mal in die Reihe der Preisträger aufgenommen: 2007 erhielten er den silbernen Preis bereits im Trio gemeinsam mit den Vereinen „Ioculatores“ und „montalbâne“ – ebenfalls für die Verdienste um die „Straße der Romanik“.

Der Verein sieht es als seine Aufgabe an, das Schloss bekanntzumachen. Ein wichtiger Teil der Präsentation ist das Tourismusprojekt „Straße der Romanik“. Als die „Straße der Romanik“ erdacht und 1993 verwirklicht wurde, erinnerte sich niemand an Schloss Goseck. Erst mit dem Engagement des Vereins rückte es wieder in den Blickwinkel der Öffentlichkeit. Eine zufällige Entdeckung ließ auch an anderen Stellen die Beachtung des Schlosses Goseck wachsen: Durch Rückbauten in der Kirche stieß man auf eine Krypta. Es gibt nur drei vergleichbare Räume in Deutschland. Auf Grund dieser baulichen Besonderheit und dem wachsenden öffentlichen Interesse entschlossen sich die Verantwortlichen, Schloss Goseck gleichzeitig mit weiteren Bauwerken nachträglich in die „Straße der Romanik“ aufzunehmen.

Viel bleibt zu tun. Die Kirche ist noch einige Zeit nicht nutzbar, da der Innenraum voraussichtlich bis Herbst 2012 saniert wird. Das Wiedererklingen der Orgel ist Zukunftsmusik. Doch unzählige Anfänge sind gesetzt. Andere werden ihnen folgen. Ein magischer Ort, ein heiliger Ort ist auf dem Weg zurück ins Leben.

Termine und weitere Informationen unter:

http://www.schlossgoseck.de/site/start.htm und

http://www.sonnenobservatorium-goseck.de/

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2 Kommentare leave one →
  1. 29. Juli 2011 18:10

    Ja, da kann ich mir vorstellen, dass Du eine gute Zeit in Goseck hattest – weiterhin einen schönen Sommer wünscht Wolfram!

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