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Japan – und dann eine Weile nichts

9. Juni 2011

Seit Wochen Meldungen aus Japan. Immer etwa im gleichen Stil: Fukushima, die Atomkatastrophe, die Bedrohung der Welt. Man redet darüber, endlich, dass mit einer Macht gespielt wird, die faszinierend ist, aber die Fähigkeiten der Menschen weit überschreitet. Man redet darüber. Und vielleicht werden hier und da tatsächlich die Sicherheitsstandards erhöht. Vielleicht legt sich die Menschheit tatsächlich eines Tages eine Art Fasten auf und hält sich von Techniken fern, die sie nicht beherrscht und die deshalb mehr zerstören als helfen. Vielleicht. Bis die Vernunft so weit gediehen ist, wird es wohl noch eine Weile dauern.

Bis dahin wäre es interessant auch nach dem zu schauen, worüber man – gerade in Zusammenhang mit einer solchen Katastrophe – nicht redet: wie mir scheint, fehlen in der Berichterstattung die Menschen, die heute und jetzt unter den Folgen des Tsunami leiden, von denen die Zerstörungen im Kraftwerk nur ein Teil sind. Es gibt nur wenige Artikel, die nach ihnen fragen. Fernsehberichte über Menschen vor Ort liegen auch schon eine Weile zurück. Abgesehen von kleineren Texten über die Arbeiter im Atomkraftwerk scheint es kaum ein Interesse an den Schicksalen in der Region zu geben. Als ob nur die Meiler der Atomkraftwerke betroffen wären. Tatsächlich ist aber ein Küstenstreifen von über 500 km Länge zerstört. Die Schäden reichen bis über 100 km ins Land hinein, quer über die Insel.

http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/bild-752242-191427.html

Ein Schema ist so hübsch sachlich. Man sieht darauf nicht ein einziges Schicksal. Hinter jeder schematischen Darstellung sind Biographien verborgen, Einzelschicksale, zerstörte Leben. Wer also fragt nach den Menschen? Wie ergeht es ihnen? Steht dieses merkwürdige Schweigen im Zusammenhang mit der anderen Mentalität der Betroffenen, mit der ihnen eigenen Zurückhaltung, nicht über ihr Leiden zu sprechen? Oder liegt es viel mehr am Interesse der Medien, die im Hype um das Thema Atomkraft eine wesentlich bessere Einnahmequelle sehen als in einem Bericht über die Menschen, die noch immer tagtäglich um das Überleben kämpfen?

http://videos.t-online.de/die-kuehe-von-fukushima/id_47026614/index

Eine Zerstörung dieses Ausmaßes ist von keinem Land allein zu bewältigen. Schon allein daran, dass die an dieser Stelle eher zurückhaltenden Japaner überhaupt Hilfe angefragt haben, kann man erahnen, welcher Schlag das Land mit dieser Flutwelle getroffen hat. Dass man den Eindruck hat, es wird über das reale, jetzt schon zu tragende Leid einfach hinweggesehen und sich auf die Erörterung eines winzigen Teilbereichs beschränkt, macht betroffen und lässt fragen, wo die Hilfswilligen an dieser Stelle sind, die sich sonst gern in der Öffentlichkeit präsentieren. Wir sprechen mehr über 20 Opfer von EHEC, als über die Tausende in Japan. Das eine liegt uns näher als das andere, offensichtlich. Versagt das Mitgefühl, weil sie  so fern sind? Oder ist es überfordert? Oder hält gerade diese Situation Menschen des Westens, die sich oft genug als die besseren, helfenden, gütigeren darstellen oder selbst sehen, einen Spiegel vor? So wenig nimmst du wahr vom Leid. So sehr wählst du aus der Fülle des Leides aus. So klein ist dein Horizont.

Es ist nicht die erste Katastrophe im Osten, die im Westen nur in Auszügen wahrgenommen wird. Und es wird nicht die letzte sein. Es käme darauf an, nicht mehr wegzusehen. Es käme darauf an, sich den Fragen zu stellen. Die Fragen, die bleiben werden, bedrängen und machen ebenso betroffen, wie das Leid, das man aus der Ferne nur sehr bedingt lindern kann: Wie weit sind wir in der Lag emitzuleiden, ohne den anderen für eigene Zwecke zu vereinnahmen? Wie kann man respektvoll helfen, ohne Abhängigkeiten aufzubauen? Welche Hilfe ist wirkliche Hilfe? … Antworten kann jeder nur für sich persönlich finden. Und doch bleiben die Antworten nicht ohne Wirkung über das eigene Leben hinaus.

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