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Mensch und Menschen

12. Mai 2011

„Dieses Universum wurde so konstruiert, dass wir dafür bezahlen müssen, wenn nicht im Einklang mit seinen Gesetzen leben. Und eines dieser Gesetze lautet, dass wir zusammengeschnürt sind in etwas, das die Bibel das ‚Bündlein der Lebendigen‘ nennt“, schreibt Desmond Tutu. Wenig später heißt es: „Wie wir bereits gesehen haben, ist unsere Menschlichkeit eingebunden in die aller anderen. Wir sind einander Brüder und Schwestern, ob uns das gefällt oder nicht, und jeder Einzelne ist wertvoll.“

In den letzten Tagen gehen mir Tutus Gedanken wieder und wieder durch den Kopf. Wer sind die Menschen des sogenannten Westens denn, dass sie sich anmaßen dürften, über Leben oder Tod anderer zu entscheiden? Wer sind die Menschen des „gelobten“ Westens, dass sie verstummt zusehen dürften, wie „Menschen aufeinander schießen, die sich nicht kennen, auf Befehl von Menschen, die sich wohl kennen, aber nicht aufeinander schießen“ (Georg Bernhard Shaw). Die Folgen dieser Anmaßung sind für uns alle unabsehbar. Für die Menschen, die wir kennen, ebenso wie für die Menschen, die wir nicht kennen.

Manche sagen, Pazifismus sei keine Lösung. Er würde die Verhältnisse in der Welt zementieren. Und wann hätte man gehört, dass ein Mensch durch passiven Widerstand einen Krieg verhindert oder beendet hätte?! Ein Mensch ist vielleicht in diesem tödlichen Spiel in der Tat vor allem ausgeliefert. Aber wenn dieser eine sich nicht widersetzt, wer dann?

„Wer zu handeln versäumt, ist noch keineswegs frei von Schuld. Niemand erhält seine Reinheit durch Teilnahmslosigkeit“, sagt Siegfried Lenz in „Zeit der Schuldlosen“.

Und es ist wahr: Sich schweigend, vielleicht gar betend, Gewalt entgegenzustellen war noch nie ein Weg für Feiglinge (Martin Luther King). Er war es das weder zu Zeiten Mahatma Gandhis noch zu denen Martin Luther Kings. Es ist eine aktive Teilnahme, auch wenn sie passiv scheint. Man muss die Unsicherheit ertragen, die jeder Verzicht auf Macht mit sich bringt, im Kleinen wie im Großen. Man muss es aushalten, dass einem unter Umständen etwas entgeht, dass man keine Kontrolle mehr über das hat, was geschieht, dass man benachteiligt wird, zur Lächerlichkeit verkommt. Man ist gezwungen, den anderen als gleichberechtigtes Gegenüber anzuerkennen. Meine Vorurteile schützen mich nicht mehr. Ich stehe da mit leeren Händen und reiche sie einem anderen Menschen, dessen Hände im Grunde ebenso leer sind wie meine. Ob er meine Hand ergreift oder mich zusammenschlägt, kann ich nicht wissen.

Eines aber kann ich mir vor Augen halten: Wenn ich zuschlage, wenn ich den anderen unter Druck setze, wenn ich Macht missbrauche, verliere ich meine Menschlichkeit ebenso wie er. Der Weg, den wir dann zu neuer Gemeinschaft finden müssen – und wir müssen diesen Weg zumindest suchen, denn wir haben nur diese eine Erde für alle – dieser Weg wird um vieles schwerer.

Wirklicher Güte wohnt eine eigentümliche Kraft inne. Sie erweist sich nicht in überbordender Freundlichkeit oder Gutmenschentum, nicht im Dauergrinsen oder einer kriecherischen Demut. Die Kraft dieser Güte sieht den anderen und sich selbst in einem klaren Licht. Sie weiß sehr wohl um Grenzen und Verletzungen. Aber sie hält dem allen schlicht stand. Sie gibt auch dann nicht auf, an den Mut zur Gewaltfreiheit zu glauben, wenn längst die Waffen sprechen. Sie ist ein stiller, aber klarer Protest gegen jede Form von Unmenschlichkeit, in der kleinen Welt wie in der großen. Sie achtet den anderen – mit und gerade wegen seiner Verletzungen und seiner Unvollkommenheiten, unabhängig von Begabung, Nationalität, Reichtum, Armut, Geschlecht, Religion, …

Möglicherweise praktizieren jene Fischer diese Güte, die trotz der unmenschlichen europäischen Gesetze, die eine Rettung von in Seenot geratenen afrikanischen Flüchtlingen unter Strafe stellen, dennoch diese Menschen aus dem Meer fischen und an Land bringen.

Vielleicht praktizieren jene Menschen in Tunesien diese Güte, die sich den libyschen Regierungstruppen, die auf der Suche nach Aufständischen den Konflikt über die Grenze tragen, entgegenstellen und sie in ihr Land zurückschicken – ohne sie zu lynchen, auch wenn sie voller Wut sind.

Der Weg der Güte ist ein alltäglicher, ein beinahe banaler Weg. Er bewahrt mich nicht davor, schuldig zu werden. Vermutlich aber ist er, schmerzhaft und fordernd wie er ist, der Einzige, um auf dieser Erde gemeinsam und in Würde zu leben.

Lesenswert in diesem Zusammenhang: http://wecker.de/tagebuch.php?ide=185

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3 Kommentare leave one →
  1. 14. Mai 2011 08:26

    Ach mesalina, wie recht Du wiedereinmal hast. Alle diese Gedanken erinnern mich an die „Macht“ der Feuerameisen. Sie klammern sich zu tausenden zu einem „Boot“ zusammen und retten damit ihr gemeinsames Leben bei Überschwemmungen. Warum kann der Mensch nicht wenigstens soviel Weisheit entwickeln wie diese Ameisen? Im Krieg werden gewöhnlich Werte und Kostbarkeiten, Leben und Würde zerstört. Im Frieden können sie geschaffen werden. Warum sehen das so Wenige?

    • 14. Mai 2011 14:29

      Liebe Barbara, vielleicht sind solche Texte – und auch das Mitteilen – ja ein solcher Versuch wie die Feuerameise nicht aufzugeben, sondern an der Ungeheuerlichkeit der Hoffnung festzuhalten. Ich weiß nicht, ob viele Menschen so viel Weisheit entwickeln können, aber ich bin mir sehr sicher, dass es einige tun. Und vielleicht ist das am Ende das beste, was wir haben. – Solange wir daraus keine Ideologie machen …

  2. 23. Mai 2011 14:43

    Diese von Dir wahr genommene Welt ist der Spiegel all dessen, was sich in Dir befindet. Schau es Dir genau an.

    Herzliche Grüße von Haus zu Haus!

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