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20 Jahre Leipzig liest. Erinnerungen

17. Februar 2011

Das Lesefest „Leipzig liest“ ist zu einer Institution geworden. Auch in Frankfurt kann man da und dort Lesungen erleben. Aber als stiller Beobachter hat man das Gefühl: Die Organisation ist etwas halbherzig, passt nicht zum kommerziellen Konzept der Frankfurter Messe. Und sie bei Weitem nicht so viel Herz wie in Leipzig.

Mein erster Besuch einer Lesung liegt nun schon einige Jahre zurück. Die Älteste war gerade im Vorlesealter angelangt. Und so entstand die Idee, doch auf der Messe zu einer Lesung zu gehen. Sinnigerweise – bei meinem Vornamen wohl kein Zufall – wählte wir eine Lesung einer Frau von Arnim. Sie sollte, stand in der Ankündigung aus Südafrika kommen und eine Katzengeschichte lesen. Wir zogen also zu zweit zum Alten Messehaus in der Leipziger Innenstadt, quetschten uns durch enge Gänge, bis wir endlich den Lesestand, eine Nische direkt am Gang erreichten. Es war unglaublich eng, nur wenig Platz zum Sitzen und die andere Messebesucher schoben sich an uns vorbei. Konnte man hier lesen und zuhören? Ich hatte meine Zweifel. Die Autorin war eine ältere Dame, eine Weiße, die von ihren Erlebnissen mit ihrer Katze während einer Zugfahrt erzählte und las. Dazu gab es ein winzig kleines Büchlein mit Zeichnungen. Alles im Allem hätte es ein Debakel werden und mein Sohn mir in den Ohren liegen können, dass er jetzt und sofort wieder nach Hause will. Aber dem war nicht so. Noch heute ist mir diese Lesung, mit einer überschaubaren Menge an Zuhörern und unter den katastrophalen Bedingungen eindrücklich in Erinnerung. Wir alle hörten gespannt zu. Und natürlich kauften wir das Büchlein danach und ließen es signieren. Es wurde daraus vorgelesen, bis es beinahe auseinander fiel.

Und: in den nächsten Jahren gehörten Lesungsbesuche zum absoluten Muss, die meine Söhne einforderten. Auch wenn sie nicht immer so eindrücklich waren, wie unser erster Messebesuch. Das Lesefest war für uns immer wieder ein Fest des Lesens und Vorgelesen-Bekommens.

Zu der Zeit meiner ersten Messebesuche hätte ich nicht im Traum daran gedacht, selbst irgendwann einmal zu den Lesenden zu gehören. Autoren, Schriftsteller, das waren die anderen, Leute wie Amos Oz oder Peter Härtling, aber doch nicht ich. Die Idee, mich an der Messe selbst zu beteiligen, kam nicht von mir. Kurz vor der Veröffentlichung meiner ersten beiden Gedichtbände fragten mich Freunde, ob ich das nicht auch auf der Messe präsentieren wöllte. Und weil ich eine Frau sei, wäre doch die Frauenkultur der ideale Ort. Und am besten wäre es natürlich, wenn eine Pianistin die Gedichte mit Improvisationen begleiten würde. Ich war eher skeptisch. Aber die Freunde ließen nicht locker: Versuch es! Die Mitarbeiter der Frauenkultur sagten sofort zu. Über Vermittlung kam der Kontakt zur Leipziger Pianistin Simone Weißenfels zustande, die schon mehrfach vergleichbarer Projekte begleitet hatte – nur wohl noch nie jemanden so Unbekannten wie mich. Die Vorbereitungen liefen bestens. Leider verschob sich der Erscheinungstermin der Bücher. Wir nannten unser Projekt: Werkstattlesung.

Während der Proben zu "Der Regercode"

 

Mit großen Hoffnungen kam ich in die Frauenkultur – und wurde schnell von der Realität des Lesefestes eingeholt. Nicht alle Lesungen sind überfüllt, so wie wir es beispielsweise bei Amos Oz erlebten. Manche fallen auch aus. Wir lagen eher am unteren Rand der Skala. Die Lesung fiel nicht aus, war aber mit sieben Gästen, von denen ich nur einen nicht persönlich kannte, auch kein wirklich großer Erfolg. Und dennoch verdanke ich gerade dieser Lesung viel: Es war eine Lernzeit. Und es entstand der Kontakt zu Simone Weißenfels (http://www.lastfm.de/music/mspiano/Arrival), einer Ausnahmekünstlerin, die in der Klassik und im Jazz ebenso zu Hause ist, wie in der Improvisation.

http://www.youtube.com/mspianotaste

Mittlerweile lese auch ich fast in jedem Jahr auf der Buchmesse oder organisiere mindestens eine Lesung für andere. Unter knapp 2000 Veranstaltungen wahrgenommen zu werden, ist nicht einfach. Mein „Lesezuhause“ ist darum Grünau geworden. Gerade weil sich dorthin „freiwillig“ eher weniger Autoren „hinverirren“, einige einen Veranstaltungsraum so weit draußen ganz ablehnen. Aber die Herausforderung reizt. Mittlerweile gibt es für die Veranstaltungen dort ein relativ festes Publikum. Selten kommen zur Lesung am Sonnabend, 14.00 Uhr in der Pauluskirche weniger als 50 Leute. Auch die Lesung am Donnerstagvormittag in der Caritas ist mit ca. 20 Zuhörern für diesen Tag und diesen Ort gut besucht. Immer wieder kommen Besucher direkt von der Messe, die sich einen regelrechten „Lesefahrplan“ zusammenstellen – und eben doch auch nach Grünau fahren, obwohl es vergleichsweise weit weg liegt. Kontinuität zahlt sich aus.

Aufbauend für mich ist immer wieder auch die Unterstützung der Verlage für unsere Lesungen. An dieser Stelle gibt es kaum Unterschiede zwischen den Verlagen, für die ich schreibe, wie in diesem Jahr der Evangelischen Verlagsanstalt, oder Verlagen, mit denen ich lediglich für eine Lesung zusammenarbeite. Immer wieder gern erinnere ich mich an die Zusammenarbeit mit Susanne Schenzle, damals angestellt beim Ammann-Verlag. Mit ganzer Kraft unterstützte sie einen Nachmittag über Eric-Emmanuel Schmitt. Vor Kurzem hat sie einen eigenen Verlag gegründet, den Secessions Verlag für Literatur (http://www.secession-verlag.com/). Schon jetzt freue ich mich auf die Lesungen, die wir sicher in den nächsten Jahren uns gemeinsam überlegen werden. Dankbar bin ich auch für die Zusammenarbeit mit dem Engelsdorfer Verlagshaus, die es in diesem Jahr u. a. ermöglichen, dass eine vergleichsweise weit gereiste Autorin nach Grünau kommt: Barbara Kohout aus Augsburg („Mara im Kokon. Ein Leben unter Wachtturmregeln“).

Und dankbar bin ich auch immer wieder für die schnelle und unkomplizierte Unterstützung der Mitarbeiter der Leipziger Messe GmbH, vor allem von Jutta Schaarschmidt, die noch in jedem Jahr eine Aufnahme ins Messeprogramm möglich gemacht haben – auch wenn ich einmal mit der Meldung spät dran war.

Die Finanzierungen haben sich in den letzten Jahren verändert. Einfacher ist es weder für Verlage noch für Veranstalter geworden. Aber wie auch immer sich die Lesewelt des Lesefestes in den nächsten Jahren entwickeln wird: Es bleibt auf jeden Fall spannend, ein Teil des Festivals zu sein.

Lesungen im Rahmen von Leipzig liest 2011:

17. März

09.30 Uhr  Leipzig, Familienlocal des Caritas Familienzentrums, Liliensteinstr. 1

Lesung aus Bettine Reichelt: Vom Klang Gottes in der Welt. Ein spirituelles Lesebuch (Evangelische Verlagsanstalt 2011)

Impressionen:

19. März

14.00 Uhr  Leipzig, Ev.-.Luth. Paulusgemeinde Leipzig-Grünau, Alte Salzstr. 185

Lesung aus Bararbara Kohout: Mara im Kokon. Ein Leben unter Wachtturm-Regeln (Engelsdorfer Verlagshaus 2010), mit Barbara Kohout, Autorin, und Bettine Reichelt, Theologin, freie Lektorin

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3 Kommentare leave one →
  1. Susanne Besen permalink
    22. Februar 2011 16:17

    Hallo und guten Tag! Mit meinem Mann würde ich gerne zur Lesung der Autorin B.Kohout nach Lpz kommen. Muss man sich vorher reservieren lassen oder ist eine spontane Teilnahme möglich?
    Danke Susanne Besen

    • 22. Februar 2011 16:41

      Sehr geehrte Frau Besen,
      gern können Sie an der Lesung von Frau Kohout teilnehmen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Im Anschluss an die Lesung wird bei Kaffee und Kuchen Zeit für persönliche Fragen sein.

  2. 7. März 2011 18:49

    Ich freue mich sehr über die Gelegenheit bei dieser Jubiläumsveranstaltung zum Programm zu gehören. Ich danke vor allem Bettine Reichelt für ihren unermüdlichen Einsatz, der dieses möglich gemacht hat. Ich freue mich darauf Leser kennenzulernen und eine gemeinsame Zeit zu verbringen.
    Bis ganz bald in Lepzig also.
    Barbara Kohout

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