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Plädoyer für die Vernunft. Ein Protest gegen die Vertreibung der Christen aus dem Irak

14. November 2010

Staatsbürgerkunde, ca. 1984: Eine Mitschülerin sagt: „Die Christen müsste man doch alle umbringen.“ Schweigen. Kein Aufschrei der Mitschüler und kein Protest der Lehrerin. Ein paar beschwichtigende Worte werden in den Raum geworfen, mehr nicht. Und ich sitze auf meinem Platz und warte auf die Revolution: Das kann doch nicht sein, dass sie mich an die Wand stellen würden. Sie kennen mich doch, manche seit Jahren. Die können doch nicht wirklich der Ansicht sein, dass … Aber es geschieht nichts. Keine Verteidigung, nichts. Selbst die, die selbst mit dem herrschenden System in Zwist geraten sind, schweigen. Jeder kämpft für sich allein.

Diese Erinnerung gehört zu meinen eindrücklichsten Schulerlebnissen. Nur wenige Jahrzehnte zuvor war für andere eine vergleichbarer Situation bitterernst. Und für die meisten jüdischen Mitschüler tödlich. Dass der Ernst für mich ausblieb, kann man Zufall nennen. Die Wende kam der Regierung dazwischen. Pläne für eine Lösung in der Christenfrage gab es sehr wohl. Man konnte sie nur nicht mehr umsetzen.

Und heute? Heute geht es den Christen in Deutschland bestens, auch wenn sie kaum gehört werden. Aussagen solcher Art aber werden an anderen Orten in den Raume gestellt – und umgesetzt. Im Irak beispielsweise, im Sudan. Der Mob tobt durch die Straßen Bagdads und trifft sowohl Christen als auch Muslime. Aber eben im Augenblick vor allem auch die Christen. Der sog. Westen ist an diesem Problem mitschuldig. Aber er schweigt – weitestgehend. Schon 2008 sagte der Bischof der Armenisch-Apostolischen Kirche im Gespräch zu mir: „Wir Christen fühlen uns hier oft wie verlorene Waisen.“

Während die katholische und die orthodoxen Kirchen für Europäer zumindest noch ein Begriff sind, fragen manche bei der Erwähnung der – im Übrigen um vieles älteren – orientalischen Kirchen verwundert: Ach, sind das auch Christen? Oder: Im Nahen Osten leben Christen?! Das ist mehr als nur eine peinliche Bildungslücke. Es ist die Ignoranz einer ganzen Kultur, die seit Generationen neben der muslimischen und der jüdischen existiert. Die wesentlichen theologischen Entwicklungen der ersten Jahrhunderte des Christentums, die auch Europa prägen, kamen nicht aus dem Bereich der heutigen katholischen Kirche, sondern bildeten sich auf dem Gebiet der heutigen Türkei, im Nahen Osten und in Nordafrika.

Wenn, wie es seit Jahren geschieht, die Christen systematisch aus dem Irak vertrieben oder christliche Dörfer im Sudan dem Boden gleich gemacht werden, stirbt eine Kultur. Und das Sterben dieser Kultur wird an Europa nicht spurlos vorübergehen. Es wäre naiv zu glauben, ein christenfreier Irak sei nur ein Problem der Region, oder die meisten Vertriebenen werden schon in Syrien, dem Libanon oder in Jordanien einen Neuanfang wagen können – so sie dem Ganzen lebend entkommen. Das Leid der Menschen und die Vernichtung dieser Kultur gehen auch uns in Europa unmittelbar an, denn es ist ein Teil europäischer Geschichte, europäischer Wurzeln, der dort zerstört wird. Und es wird ein Ort des traditionellen Zusammenlebens zwischen Christen und Muslimen aufgerieben. Das wird auch auf das Zusammenleben in Europa zurückschlagen.

Aber der Aufschrei bleibt bislang aus. Noch sind ja ein paar tausend Kilometer dazwischen. Der eine oder die andere wird es sicher überleben. Und was soll man auch tun?! Wer kann schon hier verhindern, dass Menschen, Christen, in Bagdad Briefe übermittelt werden, an denen eine Patrone befestigt wurde? Wie sollte Hilfe denn aussehen? Die Frage ist sicher nicht mit einem Wort, einem Satz, einem Artikel zu beantworten. Aber ein erster Schritt wäre es, die Situation differenzierter wahrzunehmen. Der Nahe Osten ist keine reine Region des Islam. Er ist ein Ort des Zusammenlebens verschiedener Kulturen, die alle ihr eigenes Recht auf ein Leben in ihrer Heimat haben. Das gilt gleichermaßen für Christen wie für Muslime, für Israelis, Menschen jüdischen Glaubens, Palästinenser, Palästinenser muslimischen und christlichen Glaubens, für Drusen, Libanesen, Iraker … Diese Wahrnehmung könnte den Umgang mit der Situation auch hier verändern, könnte den notwendigen Protest in Gang bringen, den Druck auf die Regierungen erhöhen, sich für friedlichere Wege in der Region zu engagieren. Ein anderer wäre es, Flüchtlinge aus der Region anders wahrzunehmen, Schulen beispielsweise besser auf die Aufnahme von christlichen Kindern, syrisch-orthodoxen Glaubens beispielsweise, vorzubereiten.

Man kann sagen, dass das alles dem Einzelnen nur wenig hilft. Es wird ja doch dazu kommen, dass immer wieder einer sagt „Die Christen müsste man alle umbringen“. Mag sein, dass es nicht die große Trendwende ist, aber es wäre ein neuer Anfang, ein nächster erster Schritt für ein gemeinsames Leben von Menschen verschiedener kultureller Prägung weltweit. Ein Jahrhundertunternehmen. Aber auch eine Reise von Millionen von Kilometern beginnt immer wieder neu mit einem kleinen ersten Schritt.

http://www.tagesspiegel.de/politik/al-qaida-bedroht-christliche-minderheiten-in-irak-und-aegypten/1974256.html

http://www.tagesspiegel.de/meinung/die-christenvertreibung-im-irak-geht-uns-an/1972968.html

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One Comment leave one →
  1. kraftwort permalink
    15. November 2010 08:59

    Danke für diesen Beitrag am Gedenktag für die verfolgten Christen!
    Gestern bei Anne Will: Der niedersächsische Innenminister behauptet, er habe keinen Ermessenspielraum gehabt, als eine Iranerin, die in Deutschland Christ geworden ist, in ihre Heimat abgeschoben werden sollte – es habe keine Gefahr für ihr Leben dort bestanden, auch wenn sie sich hier von ihrem muslimischen Mann getrennt hatte … (Der Landtag hatte dann plötzlich einen Ermessenspielraum und hat die Abschiebung verhindert!) Wenn schon Angehörigen der C-Partei der Blick für die Lebesngefahr fehlt, unter der Christen in vielen Ländern leben, vor allem Konvertiten, dann ist tatsächlich einiges im Argen!

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