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Max und Elsa Reger. Liebesgeschichte mit Hindernissen

25. Oktober 2010

„Ich bitte Sie, prüfen Sie sich …“, schrieb Elsa von Bercken im Frühjahr 1902  an den Komponisten Max Reger.  Eine Aufforderung, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Beide kannten die Hintergründe für ihre Bedenken. Sie hatte ihm jetzt erlaubt, um sie zu werben. Schon einmal, drei Jahre zuvor, war Reger wild entschlossen gewesen, die drei Jahre ältere, geschiedene evangelische Adelige zu heiraten, hatte einen Strauß Liebeslieder komponiert. – Und war abgewiesen worden. Kann die Liebesgeschichte diesmal ein Happy End haben? Elsa von Bercken, geborene von Bagenski, hatte noch sehr wohl in Erinnerung, welche Figur dieser Reger in Wiesbaden abgegeben, wie er sich und auch sie blamiert hatte. Ihre Brüder, beide gestandene Militärs, waren eine völlig andere Erscheinung als der Reger. Ein Lehrersohn, ohne finanzielle Hintergründe, noch nicht einmal den Schulden entkommen. Seine letzte Zeit in Wiesbaden stand ihr lebhaft vor Augen. Man hatte ihn den „Schlamperl“ genannt. Der hochbegabte Musiker war heruntergekommen, hatte stark abgenommen, ein unschönes Geschwür am Hals und viele Schulden. Seine eigenen Eltern hatten eine Heimeinweisung geplant – wenn er nicht auf den letzten Rettungsversuch eingehen und der Schwester nach Hause, nach Weiden folgen würde. Er war ihr gefolgt, als sie zum zweiten Mal angereist war und vor seiner Tür stand.

Mutter Auguste von Bagenski war eine der wenigen gewesen, die zu ihm gehalten hatte – wider allen Anschein. Sie hatte ihm ihre Achtung und ihre Freundschaft bewahrt. War das nicht mehr als genug? Und nach der Katastrophe der Scheidung, in die Elsa die Ehe mit dem vermutlich spielsüchtigen von Bercken Elsa getrieben hatte, jetzt einen Alkoholiker ehelichen? Das kann sich die immer noch junge Frau denn doch nicht vorstellen. Es gab zu diesem Zeitpunkt wohl auch andere, hoffnungsvollere Kandidaten. Reger verließ daraufhin die Sommerfrische bei Familie von Bagenski überstürzt und verglich wenige Monate später Elsa in einem Brief wenig schmeichelhaft mit einer Figur aus einem Ibsen-Drama.

Max und Elsa Reger auf einem Cover einer Veröffentlichung des Max-Reger-Institutes/Elsa-Reger-Stiftung Karlsruhe

Jetzt, 1902, war die Lage anders. Max Reger hatte sich aus der Katastrophe herausgearbeitet. Er war schuldenfrei und hatte Förderer gewonnen. Zu ihnen zählten der Komponist Richard Strauß und der Organist Karl Straube. Man begann seine Werke in den Konzertsälen zu spielen. Max Reger war ein Mann mit einer Zukunft, vielleicht einer berühmten Zukunft. Der vor nicht allzu langer Zeit verworfene Gedanke wurde für Elsa von Bercken offensichtlich nun interessant. So saß sie eines Tages, im Februar 1902, in Regers Konzert in der ersten Reihe. Auffällig unauffällig. Und sie erlaubte ihm, ihr zu schreiben. Über Monate führten sie einen intensiven Briefwechsel, der erst vor wenigen Jahren durch Zufall wiederentdeckt wurde. Reger war recht schnell Feuer und Flamme. Elsa gab sie reservierter, wenn auch interessiert. Aber ob sie die Seine werden könne, hänge nicht zuletzt von Regers Standhaftigkeit dem Alkohol gegenüber ab. Reger war fest entschlossen, ihr dies zu beweisen.

Dass die Eheschließung noch auf ganz andere Hindernisse stoßen sollte, konnten beide zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen: Max Reger, Katholik aus einer streng katholischen Familie, und Elsa von Bercken, geschiedene evangelische Adelige? Die Eltern Reger und vor allem seine mehr als fromme Schwester Emma sahen sich außerstande einer solchen Verbindung zuzustimmen. Selbst der beratende Priester mahnt im eskalierenden Streit zur Zurückhaltung.

Darüber hinaus waren rechtliche Probleme zu überwinden. Eine standesamtliche Eheschließung war möglich, einer evangelischen Trauung stand die Bayrische Landeskirche ablehnend gegenüber. Aber die beiden hatten sich entschieden, die Zustimmung der Mutter von Bagenski und einen Termin: Elsas Geburtstag. Und auch eine bezahlbare Wohnung war zu finden. So setzten sich die Liebenden durch: am 25. Oktober 1902 heiraten sie in München zunächst standesamtlich. Reger wird exkommuniziert.

Bis 1904 kann man die Ehe wohl als wirklich glücklich bezeichnen. Selbst der Einzug der Schwiegermutter in die eigene Wohnung führt nicht zu Auseinandersetzungen sondern festigt die Beziehung eher. Aber Reger war nicht der Mann, der Rückschläge ohne Weiteres verkraften konnte. So führten ihn reale und vermeintlich Rückschläge wieder nahe an den Alkohol heran. Der Aus- und Aufbruch nach Leipzig verbesserte die Situation nur für Max Reger -und auch das nur vorübergehend.

Auguste von Bagenski starb noch vor dem Umzug. Elsa Reger verlor damit den für sie wichtigsten Menschen. Während Reger in eine Stadt zog, in der er Freunde und Förderer hatte, fühlte sie sich einsam. Die entstandene Leer konnte auch die mit ihnen ziehende 90-jährige Tante nicht auffangen. Elsa Reger litt unter Leipzig. Sie lehnte die Stadt mehr oder weniger ab, klagte noch in ihren Erinnerungen an ihren Mann, die 1929 erschienen, über den typischen Leipziger Frühjahrsgeruch nach Bärlauch. Regers versuchten den Konflikt durch die Adoption eines Kindes zu lösen. Sie adoptierten am 5. 7. 1907 Marie-Marta Heyer, die sie Christa nannten, nach einem der Kosenamen Elsas. Aber Elsas Stimmung wurde zunehmend trüber. Schließlich erkrankte sie und musste sich im Frühjahr 1908 einer schweren Operation unterziehen. Die darauf folgende Kur scheint auch von depressiven Zuständen geprägt gewesen zu sein. Reger versuchte seine Frau unermüdlich und liebevoll zu ermuntern und vor allem: ihr auszureden, dass ihn mit der Gesangslehrerin Martha Ruben, die sich um Christa kümmerte und Reger den Haushalt führte, eine mehr als freundschaftliche Beziehung verband.

Demgegenüber entwickelte sich für Reger die Arbeit am neuen Ort sehr positiv. Er hatte Erfolg und wurde als Komponist zunehmend bekannt. Der Verleger Herni Hinrichsen ermöglichte es ihm durch ein großzügiges Stipendium, seine, wie Reger es nannte, „Herzblutwerke“ zu schaffen ohne sich durch ständiges Konzertieren aufzureiben. Sein Freund Fritz Stein setze sich in Jena für die Verleihung der Ehrendoktorwürde ein, die Reger im Juni 1908 verliehen wurde und ihn in eine Reihe mit Robert Schumann und Hans von Bülow stellte. Freunde organisieren 1910 in Darmstadt ein Regerfest, das ausschließlich Regers Werken gewidmet ist. – Eine Ehrung, die so vorher keinem lebendem Künstler zuteil wurde.

Karl Straube und Fritz Stein

Aber schon bald stellten sich in Leipzig, wie vorher in München, Schwierigkeiten ein: Die Auseinandersetzungen mit Lauterbach & Kuhn eskalierten, so dass Reger mit den ehemaligen Freunden sich nur noch per Rechtsanwalt verständigte. Die Proben mit dem Paulinerverein konnten Regers Wünschen nach Qualität nicht standhalten, so dass er diesen Posten bald niederlegte, am 31.10.1908 auch den des Universitätsmusikdirektors. Die Leipziger Presse begann seine Konzerte und die Kompositionen zunehmend kritischer zu beurteilen. Max Reger reagierte ähnlich wie in den Münchner Jahren: Er wich den Konflikten auf immer neue Konzertreisen aus und neigte dazu, die Abende in allzu fröhlicher Runde zu verbringen.

Noch einmal versuchte Reger an neuem Ort, nun in Meiningen, mehr Glück in sein Leben und das seiner Familie zu bringen. Auch dort wiederholte sich der Weg: ein hoffnungsvolles Beginnen, eine Zeit der Krise, die Suche nach einem Neuanfang, diesmal im eigenen Haus in Jena. Allerdings erschwerten die zunehmend schwerer werdenden Erkrankungen und das ungesunde Verhältnis zum Alkohol den Weg. Die Ehe war mittlerweile so zerrüttet, dass Reger zunächst nicht mit nach Jena zog, dann aber doch folgte – wohl aufgrund der psychiatrischen Behandlung der jüngeren, ebenfalls adoptierten Tochter Lotti. In der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1916 starb Max Reger trotz seiner eigenen Vorahnungen für Familie und Freunde überraschend in Leipzig

Für Elsa Reger begann in der Folge die Rolle ihres Lebens: sie wurde gewissermaßen zur Berufswitwe des berühmten Max Reger. Über die von ihr übernommene Rolle sagte Karl Straube: Solange sie nicht den Anspruch erhebe, bei Konzerten zu dirigieren, solle man sie ruhig wirken lassen. Am 25. 10. 2010 wäre Elsa Reger 140 Jahre alt geworden.

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2 Kommentare leave one →
  1. 25. Oktober 2010 17:06

    Da steckt ja wieder einmal immens viel Arbeit dahinter! Warum wiederholt sich die Geschichte so oft – das große Genie im Kampf mit den Niederungen des Lebens?
    Ganz viel Erfolg für dieses Buch über ein aussergewöhnliches Leben.

    • 25. Oktober 2010 19:54

      Das ist eine spannende Frage. Interessant finde ich auch, dass es nicht zu allen Zeiten so war. Bach oder auch Melanchthon war unfassbar genial auf ihrem Gebiet. Aber sie haben dennoch mehr Befähigung zur „Normalität“ in sich getragen. Es wäre spannend herauszufinden, woran das gelegen haben könnte.

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