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Und sagen können: Morgen – Impulse aus der Pädagogik Philipp Melanchthons

29. August 2010

Eine Szene im Café: Eine Mutter isst mit ihrer kleinen Tochter Eis. Die Tochter ist ca. 3 Jahre alt. Während die Kleine mit Eis versorgt stillgehalten ist, telefoniert die Mutter. Innerhalb von 25‑30 min. redet sie nicht ein Wort mit der Kleinen. Als das Kind aufgegessen hat, sagt die Mutter zu ihr: Komm wir gehen. Das ist der einzige Satz, den sie an die Kleine in der gesamten Zeit richtet. Alle anderen Sätze gelten einer nur über das Telefon anwesenden Freundin. Und das Mädchen? Es ist solche Szenen offensichtlich bereits so gewohnt, dass es nicht revoltiert, sondern resigniert am Eis lutscht. Es antwortet nicht einmal auf den einzige Satz der Mutter. Eine Antwort wurde auch nicht erwartet.Ist das eine Einzelszene? Wer wach durch die Städte geht, Straßenbahn fährt, sich in Parks bewegt, kann diese Szene in unzähligen Variationen erleben. Kinder werden von ihren Eltern häufig zwar „gehalten“, aber sie sind weder Gegenüber noch in ihrer eigenen Weise Gesprächspartner. Wenig erstaunlich ist deshalb der jetzt häufig in den Medien auftauchende besorgte Aufschrei: Wir sind mit nicht mehr zu kontrollierenden ‑ sog. kalten ‑ Kindern konfrontiert. Diese Kinder fallen schon relativ früh durch außergewöhnliche Brutalität auf. Sie werfen beispielsweise im zarten Alter von sechs Jahren einen Holzklotz gegen das Knie eines anderen Kindes und sind nicht in der Lage wahr- und ernstzunehmen, dass das andere Kind Schmerzen hat und solche Verhaltensweisen tunlichst zu unterlassen sind.

Spricht man mit den betroffenen Eltern erlebt man häufig Hilflosigkeit. Zu früh geriet ihnen das Teletubbi-Bilderbuch-Kind zum Monster und ist „schuld“. Selten genug sucht man schon in diesem Alter, in dem eine verhängnisvolle Entwicklung abgewehrt werden könnte, entsprechende Hilfe. Das Kind ist in diesem Alter Opfer einer Entwicklung. Es gerät schuldlos in ein System, gegen das es sich selbst nicht wehren kann. Ändern können die Entwicklung nur die Erwachsenen, allen voran die Eltern, aber auch alle, die sie auf diesem Weg begleiten. Die derzeitigen Entwicklungen sind beschämend für ein Land, für eine Region, in deren Geschichte klangvolle Namen, wie Johann Heinrich Pestalozzi (1746‑1827), Friedrich Fröbel (1782‑1852), Christian Friedrich Dinter (1760‑1831), die Pädagogik zu einem eigenen Ausbildungsbereich werden ließen. Sie alle profitierten von Entwicklungen der Reformationszeit, die der Schule einen neuen und eigenständigen Wert verlieh. Untrennbar ist diese Entwicklung mit dem Namen Philipp Melanchthons verbunden. Im Zentrum seines pädagogischen Ansatzes steht die „eruditio“, die Entrohung.

Melanchthon erlebte in seiner Kindheit den Krieg hautnah. Auch das Haus seiner Eltern und Großeltern blieb nicht verschont. Er vergaß diese Erlebnisse nie. Bildung war für ihn schon als junger Mann – Melanchthon war bereits mit 21 Jahren Professor ‑ und Anhänger des Humanismus eine der wichtigsten Ansätze, um kriegerische Auseinandersetzungen in jeder Form zu verhindern. Damit folgte er u.a. den Ansichten des von ihm verehrten großen Humanisten Erasmus von Rotterdam. Nach den katastrophalen Erfahrungen des Bauernkrieges und den niederschmetternden Erlebnissen während der ersten Visitation, dem Besuch in den evangelisch gewordenen Gemeinden, setzte sich Melanchthon vermehrt für eine Verbesserung des Bildungswesens, vor allem aber der Schulen ein.

In seinem Haus befand sich eine Hausschule, in der er als Lehrer gemeinsam mit seinen Schülern lebte. Er schrieb Schulordnungen, besonders bekannt wurde die Schulordnung für Nürnberg – aber auch Gebete für Kinder, die den gesamten Tagesablauf strukturierten. Auf Anfrage formulierte er individuelle Lehrpläne, die sich an der Entwicklung des jeweiligen Kindes orientierten. Neben der Bildung des Intellekts war für ihn ebenso körperliche Ertüchtigung und das Schreiben von Gedichten Inhalt einer Ausbildung. Der Schüler sollte in Kopf und Herz gebildet werden.

Dies sollte für Melanchthon vor allem durch eines geschehen: durch Sprachausbildung. Wer fähig ist, sich adäquat auszudrücken, ist weit weniger anfällig für grausame Übergriffe, als derjenige, der seine Ansichten nicht in Worte fassen kann – weil ihm die Worte dafür fehlen. Wer Grammatik beherrscht, kann auch (andere) komplizierte Zusammenhänge begreifen und sachgemäß darstellen. Wer die eigene Geschichte kennt, wird die Zukunft anders und angemessener zu gestalten wissen. Man meint heutige Mahner zu hören, wenn man Melanchthons Klagen und Aufforderungen zum Einsatz für eine grundlegende sprachliche Bildung liest. Als Humanist stand für ihn Latein im Vordergrund. Wenn heute nur annähernd und ausreichend früh im Deutschen für ausreichend Befähigung gesorgt würde, wären Szenen wie die oben beschriebene zwar nicht unmöglich, aber doch seltener.

Er setzte sich für eine Schulpflicht eine, die gleichermaßen eine Verpflichtung der Eltern ist, ihren Kindern Bildung zu ermöglichen, wie eine Verpflichtung des Staates. Er schuf im Tagesablauf seines Hauses, aber auch für die Schulen klare Strukturen. Bildung bedeutete für ihn auch, den Kindern die Anstrengung des Lernens abzufordern – entsprechend ihrer altersgemäßen Bildungsmöglichkeiten. Vielleicht wäre dies ein Ansatz, der – verbunden mit den zahlreichen, an die Entwicklungen des Kindes besser angepassten Methoden heute – wieder mehr ins Zentrum treten sollte. Zum Recht auf die Erfahrung von Toleranz, Güte und Liebe gehört ebenso das Erleben einer Gemeinschaft, die Grenzen setzt. Meine Freiheit endet an der Freiheit des anderen.

Für den Reformator Melanchthon war Bildung darüber hinaus ein Gebot des Glaubens. 1536 sagte er in einer Promotionsrede: Ich muss auch über die Heiligkeit der Bildung etwas sagen. […] Denn dazu insbesondere sind die Menschen erschaffen, dass sie einander über Gott und über das Gute unterweisen. Dafür hat Gott ihnen die Sprache gegeben. Deshalb steht außer Frage, dass dasjenige Leben, das sich in Lehren und Lernen entfaltet, das überhaupt Gott wohlgefälligste ist.“ Von einer Feindschaft zwischen Wissenschaft und Glaube ist in diesen Zeilen nichts zu entdecken.

Dass das allein offensichtlich nicht ausreichend ist, dass jedes Kind irgendwann eine eigene Entscheidung für oder gegen die Bildung – vor allem auch des Herzens – trifft, erlebte Melanchthon am Schicksal seiner ältesten Tochter. Sie heiratete auf Melanchthons Wunsch hin einen seiner Schüler. Er erwies sich als brutaler Lebemann. Melanchthon selbst dachte etwa um 1540 über eine Scheidung dieser Ehe nach, setzte den Gedankan aber nicht in die Tat um. Die Tochter starb nach 10-jährigem Ehemartyrium. Den persönlichen Erfahrungen Melanchthons sind heute unzählige weitere, bedrückende hinzufügbar. Dass eine reine und kalte Intelligenz zu den verheerendsten Morden fähig ist, zeigen die Jahre zwischen 1933 und 1945 in nicht zu überbietender Weise.

Die Krise heute, die mehr und mehr deutlich hervortritt, ist vor allem eine Krise der Erwachsenen, der Eltern. Eltern sein zu dürfen ist nicht nur ein Recht, es ist auch eine Verpflichtung. Und in beidem, in Recht und Pflicht, wäre es für Eltern wesentlich wieder neu Wertschätzung und Unterstützung zu erfahren. Nicht als Prügelknaben der Nation sondern als Menschen in deren Händen das kostbarste liegt, das eine Gesellschaft teilt: die Zukunft. Pädagogen wie Philipp Melanchthon können uns allen dafür, auch heute noch, wertvolle Impulse vermitteln.

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4 Kommentare leave one →
  1. 29. August 2010 17:23

    Gerade an der Erfahrung Melanchtons im eigenen Haus, kann man die Komplexität des Begriffes „Bildung“ ablesen. Die Religion hat sich ihrer bemächtigt und sie benützt um Macht auszuüben. Die Szene der Mutter mit dem Kind verdeutlicht, dass man auch Sensibilität für die Bedürfnisse des Nächsten „ausbilden“ muß. Wer hat die heutigen Mütter und Väter „gebildet“? Sie tragen Verantwortung, wer war für sie Vorbild? Die „Idole“ taugen dafür sehr wenig. Schon Sokrates beklagte, dass „die Kinder von heute Monster sind“. Es waren wohl die Vorboten von dem Zerfall einer Zivilisation… Keine berauschende Vision…

    • 29. August 2010 17:44

      Ich glaube, weil Menschen wie Sokrates oder auch Melanchthon DENNOCH weiter gemacht haben, sich der Bildung verpflichtet wussten und weil es auch heute immer wieder Menschen gibt, die sich mit dem Bestehenden nicht zufrieden geben, deshalb wird es auch Zukunft geben.
      Der Vorwurf „Die Religion hat sich ihrer bemächtigt“ greift meiner Meinung nach aber zu kurz. Es gibt diesen Missbrauch, keine Frage. Und man muss sich dem entgegenstellen. Aber der Missbrauch hebt den Gebrauch nicht auf (ich weiß gerade nicht, welcher schlaue Lateiner diesen Satz geprägt hat). Es gibt ebenso ein Handeln aus einem verantwortlichen Glauben heraus. Dafür stehen für mich Menschen wie Maria Montessori, die bewusst, eben auch als Glaubende, in schwierigen Vierteln gearbeitet und trotz allem an die Befähigung zur Zukunft geglaubt haben. Ihr zentraler Satz hieß: Hilf mir, es selbst zu tun. Er hat für mich nichts an Aktualität verloren.

      • 29. August 2010 17:48

        Stimme ich voll zu. Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber es gibt zum Glück durch die Jahrhunderte eine lange Reihe von rühmlichen Ausnahmen. Das sind aber gerade die Beweise dafür, dass freies Denken und Handeln zum Segen ist. Der Buchstabe dagegen tötet. Nur der Geist macht lebendig.

      • 29. August 2010 17:58

        Wir sind wieder mal einer Meinung. Die Frage ist sicher auch: Wie sichert man die Freiheit des Geistes ohne diese Freiheit wiederum zur Ideologie werden zu lassen …

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