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Vom Missbrauch des Missbrauchs

15. Mai 2010

Der Missbrauch ist populär geworden. Eine bestürzende Erkenntnis. Es ist erstaunlich, wie viele, die noch vor wenigen Jahren, ja beinahe Tagen, peinlich berührt geschwiegen oder zur Seite gesehen habe, jetzt plötzlich aufschreien und – quasi – eine Bestrafung der Kirche fordern. Als hätten die Betroffenen, die Opfer nicht seit Jahren in ihrer Nachbarschaft gelebt und als hätten sie nie und mit niemandem darüber gesprochen. Plötzlich gibt es Freunde und Verteidiger, von denen man nicht einmal ahnte …
Es ist wahr: Betroffene, Opfer sprechen schwer und noch immer zu wenig über das, was ihnen angetan wurde. Und ebenso wahr ist: Die Täter sprechen zu wenig und zu selten über das, was sie zu ihrer Tag gebracht hat. Denn, ob es diejenigen, die jetzt so laut Partei ergreifen, wahrhaben wollen oder nicht: Es ist nicht DIE KIRCHE, die schuldig geworden ist, genau so wenig wie es der Musik- und Kunstbereich ist oder der Lehrerberuf – alles Bereiche in denen sich Pädophile ebenso häufig engagieren. Das, was Mädchen oder Jungen widerfahren ist, ist immer die Tat eines Einzelnen oder höchstens einer kleinen pervertierten Gruppe, nicht aber einer Organisation in der Größenordnung der sog. Volkskirchen oder eines Staates. Schuld ist auch an dieser Stelle in erster Linie individuelle Schuld. Sie geschieht zwischen mir und dir. Und sie hat ihrer ganz eigene Geschichte.
Wer unter den Folgen eines Missbrauchs leidet braucht Verständnis, Zuhören und für all das einen geschützten Raum. Er muss erzählen können, was geschehen ist, wie es dazu kam, aber auch wie er damit umgegangen ist – ohne Wertung. Er braucht Menschen an seiner Seite, mit denen er oder sie Vertrauen neu lernen kann. Auch dieses Lernen ist ein individuelles Lernen, ein eigener Weg, der keinem der Opfer abgenommen werden kann. Das, was geschehen ist, ist geschehen und wird nicht ungeschehen – auch nicht durch ein Gerichtsurteil.
Gerichte können lediglich den Tatbestand feststellen. Manchmal kann es dem Geschädigten zur Verarbeitung und zum Zutrauen in sich selbst helfen. Es hilft, sich selbst einzugestehen und zuzugestehen, was geschehen ist. Und vielleicht hilft es auch dazu, Wut und Trauer und Verzweiflung und Hoffnung wieder zuzulassen. Und es kann helfen, auch noch nach Jahren, zu wissen, dass zumindest das, was an Genugtuung menschenmöglich ist, getan wurde. Die Tat ungeschehen macht es nicht. Und insofern bleibt für das Opfer ein schales Gefühl zurück. Und dennoch: Der Verletzte hat die Möglichkeiten zu handeln in der eigenen Hand.

In gewisser Weise hat es der Täter schwerer. Er ist schuldig. Aus dieser Situation kann er nicht heraus. Dem Opfer bleiben immer noch die Großzügigkeit, auch die Fähigkeit, den Schmerz loszulassen. Der Verletzte kann aktiver gestalten. Der Täter bleibt gefangen. Das ist seine Tragik. Vielleicht vermeiden viele auch darum, um dieses Erschrecken vor sich selbst zu vermeiden, das Ansehen des eigenen Weges zur Schuld weit mehr als die Opfer das Ansehen des eigenen Leidens. Viele Geschädigte sind mit so vielen psychosomatischen Problemen konfrontiert, dass sie sich früher oder später stellen müssen. Die Verdrängungsmechanismen des Täters, seine Selbstentschuldigungen und Projektionen scheinen ihn leider oft wirkungsvoll von einem Weg zur Heilung abzuhalten. Dabei ist oft genug auch sein Schicksal eine Entwicklung vom Opfer zum Täter. Auch Täter haben Verletzungen, die sie nicht zu einem „normalen“ Erwachsenen werden ließen. Und sie wissen in einem Teil ihrer selbst häufig sehr wohl, dass das, was sie tun, die Kette fortsetzen wird. Aber sie sind nicht aus eigenen Kräften in der Lage, einen Ausweg zu finden.
Die Frage für mich in all den Diskussionen der letzten Wochen ist: Wie schaffen wir eine Umgebung, eine Gesprächsgrundlage, die es Tätern ermöglicht VOR ihrer Tat, sich Hilfe zu holen und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Wie kann es möglich werden, dass sie ihre eigenen Verletzungen ansehen und sich sich selbst stellen? Werden nicht mehr und mehr Täter umso eher bereit sein, zu vertuschen, auf die Opfer zu projizieren, je mehr sie damit rechnen müssen, kriminalisiert und gebrandmarkt zu sein? Es schafft, ebenso wie das Tabu der letzten Jahrzehnte, ein Vermeiden des Stehens zur Wahrheit. Nützt uns also als Menschen im Miteinander die Art der Diskussion, wie sie derzeit geführt wird? Hilft sie den Opfern, ihr Leben, so wie es ist, mit den Verletzungen anzunehmen und einen ganz eigenen Weg zu finden? Hilft es den Tätern aus der Verflechtung in die Schuld heraus?
Es ist ein Missbrauch des Missbrauchs ihn als Vorwand für eine generelle Kirchenschelte zu nehmen, wie es derzeit geschieht. Die Aufgabe des Zölibats, der häufig als Ursache für den Missbrauch angesehen wird, würde Missbrauch nicht verhindern. Denn nicht die ehelose Lebensweise ist die Ursache, sondern der Mensch mit seinen psychischen Schädigungen. Ebenso gut könnte man fordern, keine Menschen mehr zu Künstlern werden zu lassen, oder könnte Lehrer unter einen Generalverdacht stellen.
Mir scheint an dieser Stelle die Feststellung Desmond Tutus wesentlich, die er immer einmal wieder im Zusammenhang mit der Apartheid in Südafrika äußerte: Wenn Menschen in eine solche Lage geraten, wenn auf der einen Seite Täter stehen und auf der anderen die Opfer, dann hilft zu neuer Gemeinschaft das Aufrechnen der Vorwürfe und das Zählen der Verletzungen nur wenig – so nötig es ist. Trauer und Verzweiflung, aber auch die Bitte um Entschuldigung sind zur Aufarbeitung nötig. Aber ebenso wesentlich ist die Erkenntnis, dass beide in ihrer Menschlichkeit verloren haben, das Opfer und auch der Täter. Und nur indem der eine um Entschuldigung bittet und der andere seinen Schmerz loslässt, also nur indem sie zu einer neuen Art von Beziehung finden, erhalten beide ihre Menschlichkeit zurück. Es ist ein anspruchsvoller und schwerer Weg jenseits der Vorwürfe. Aber er ist der einzige Weg, der wirklich zu Heilung führt.

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4 Kommentare leave one →
  1. 16. Mai 2010 06:50

    Ich stimme Dir aus vollem Herzen in dem Fazit zur Lösung des Problems zu. Trotzdem gibt es auch eine Mitschuld von „geschlossenen“ Gesellschaften, sei es religiösen, sportlichen oder kulturellen. Das ist immer dann der Fall, wenn um des eigenen Ansehens Willen Täter im Verborgenen bleiben können. Oft wurden die Opfer einfach als böswille Verleumder diskriminiert und zusätzlich zu tiefst in ihrer Menschenwürde verletzt. Nicht die Gerichte oder die Bestrafung ist der Weg aus der Schuld. Aber gefordert ist die Fürsorge und Bereitschaft des Staates. Er hätte die Macht und die Mittel Gesetze aufzuheben, die gewisse Sonderprivilegien zulassen – siehe Kirchenrecht. Hier wird den Tätern – vielleicht sollte man sie eher Zwangstäter nennen, da sie eventuell selbst Zwängen ausgeliefert sind – ein trügerischer Schutz gewährt, der in Wirklichkeit doch nur Institutionen schützen soll.
    Es ist doch weniger hilfreich nach Schuld und Sühne der Täter zu rufen als vielmehr durch offenen Umgang mit dem Geschehen, durch Aufklärung und „Sprache“ die Gesellschaft für die tatsächlichen Folgen der teils lebenslangen psychischen Verletzungen der Opfer zu sensibilisieren. Wenn man ihnen Verständnis entgegenbringt,ihnen wirklich glaubt, baut man ihnen die Brücke, die zum loslassen des Schmerzes führen kann.

    • 16. Mai 2010 13:39

      Es gibt diese Mitschuld. Das will ich gar nicht kleinreden. Dennoch ist es für mich die Frage, inwieweit der Staat mit Regelungen wirklich eine andere Lage schaffen kann, wenn nicht die Gesamtgesellschaft beiden, Opfern wie Tätern, das Sprechen darüber ermöglicht. Vielleicht sollte man dazu sagen, dass ich selbst auch als Opfer spreche. Und es ist mir sehr bewusst, dass bestimmte Voraussetzungen, beispielweise künstlerische Begabung, den Täter vor einer Auseinandersetzung mit sich selbst abhalten, gerade auch weil gesellschaftlich die Tat plötzlich nicht mehr so „tragisch“ gesehen wird.
      Zugleich nehme ich aber auch wahr, dass der Hang dazu, nun nichts mehr falsch zu machen, zum genauen Gegenteil führen kann. Es gibt schnell genug eine Hatz auf Menschen, denen Missbrauch unterstellt wird, die aber völlig unschuldig sind. Und der Schaden, der dabei angerichtet wird, steht dem anderen in nichts nach. Insofern scheint mir ein Teil der derzeitigen Diskussion das Kind mit dem Bade auszuschütten.

  2. 16. Mai 2010 15:06

    Das ist völlig korrekt. Ein sehr vielschichtiges und sensibles Thema, dem man nicht mit wenigen Worten gerecht werden kann. Und schon gar nicht mit überschießendem Aktionismus oder Generalverdacht. Es ist aber nach meiner Meinung schon viel gewonnen, dass man Dinge aussprechen kann. Die Tabus verlieren allmählich ihre Macht über das Schweigen.

    • 19. Mai 2010 20:11

      Das Aussprechen und das Zulassen dieses Themas überhaupt ist ein wichtiger Schritt. Und man kann so einem komplexen Thema natürlich nicht mit einem einzelnen Artikel wirklich gerecht werden. Es wird spannend bleiben, wie sich das Gespräch und der Umgang damit in Zukunft entwickeln. Ich hoffe sehr, dass Information und Aufklärung dazu führen, dass Mädchen und Jungen stark genug werden, sich den Übergriffen zu entziehen oder sich Hilfe holen zu können.

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