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Verzweifelt – versoffen – wohnungslos? – Friedensgebet in Leipzig

10. Mai 2010

„Verzweifelt versoffen wohnungslos?“ – ist das die Zukunft der Menschen, die an den Rand der Gesellschaft geraten? Und ist man erst „versoffen“ und dann wohnungslos oder ist verliert man die Wohnung und fängt dann an zu trinken? Diesen schwierigen Fragen stellte sich das Friedensgebet in der Nikolaikirche am 29. März 2010. Es sind Fragen, auf die es keine eindeutige Antwort gibt. Alles ist möglich. Und alles kann auch ganz anders sein.

Die ungesagten Vorwürfe, die hinter den Formulierungen stehen, geben ein Gefälle vor, das einem Menschen, der in Krisen dieser Art gerät, zusätzlich ins Rutschen kommen lässt. Die AG „Recht auf Wohnen“, eine Arbeitsgruppe aus Engagierten der Diakonie, des „Blauen Kreuzes“, des „TeeKellers Quelle“ sowie der Stadtratsfraktion B90/Die Grünen, die das Friedensgebet vorbereitete, machte deutlich, wie sehr wir alle in Vorurteile, Ängste und Unwissenheit verflochten sind. Wer würde nicht in der Straßenbahn auf Abstand gehen, wenn einer unangenehm riecht? Wer reagiert nicht mit Angst, wenn ein Betrunkener bedrohlich wird? Selbst die schlichte Feststellung „Du machst Arbeit“ kann zur Abwertung führen. Nötiger und sinnvoller Selbstschutz mischt sich mit Vorurteilen und Abwertungen.
Wie schnell es den Einzelnen treffen kann – selbst wenn er keines der „eigentlichen“ Kriterien erfüllt – wurde in der Andacht deutlich. Manchmal reichen Ungereimtheiten im Bauablauf, dass eine Familie auf der Straße steht. Und was dann? Wohin geht die Post? Wo verbringt man die nächste Nacht? Wer kann mir jetzt weiterhelfen? Die Sorgen wachsen. Wie schnell wächst daraus Verzweiflung. Für Menschen, die nicht in tragfähigen sozialen Bindungen stehen, können diese Sorgen das Aus bedeuten. Die Grenze der Belastung ist erreicht. Der Absturz beginnt durch banale Kleinigkeiten.


Was ist zu tun? Die Lösung ist einfach und zugleich schwer umzusetzen: Dableiben, nicht aufgeben. Das Beispiel der Andacht zeigte den schweren und zugleich wesentlichen Weg eindrücklich: Ein junges Paar hatte Kontakt zu einem ganz offensichtlich alkoholkranken Mann. Sie hätten ihn ohne Weiteres in seiner Wohnung liegen lassen können. Der Notarzt, den sie gerufen hatten, ging, weil man da eben nichts machen kann. Aber die beiden gaben sich nicht damit zufrieden, sondern suchten nach Lösungen, nach einer Unterstützung. Auch wenn das dem Alkoholiker die eigene Entscheidung und die Pflicht zur Selbstfürsorge nicht abnimmt, so erkennt ein solches Verhalten ihn doch als das an, was er ist: Ein kranker Mensch, der Hilfe braucht. Ob er die Hilfe für sich nutzen und umsetzen kann, ob sie ihm dazu helfen wird, sein Leben in bessere, glücklichere Bahnen zu lenken, bleibt offen. Denn er bleibt ein freier Mensch. Und doch: Es kommt darauf an, an allen Orten, einander nicht aufzugeben, zuzuhören, geduldig zu bleiben. Das gilt für beide Seiten: für Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind ebenso, wie für Menschen, die helfen können und wollen. Nur dann wird es möglich sein, miteinander einen anderen, besseren Weg einzuschlagen.

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One Comment leave one →
  1. Mike permalink
    10. Mai 2010 17:25

    Der Artikel enthält wichtige Fragen. Für mich die wichtigste Konsequenz aus den Erfahrungen bei der Begleitung von Menschen am Rande der Gesellschaft: Alles stärken, was tragfähige soziale Bindungen schafft. Leider besteht gerade dort ein großes Defizit, das meiner Meinung nach nicht durch noch mehr Fürsorge ausgeglichen wird, sondern durch Bildung, Familienbildung, Erziehungs-Bildung, Herzens-Bildung. Zwischen notwendiger Hilfe und Über-Betreuung gibt es oft nur einen schmalen Grat. Wenn Menschen anderen ihre Verantwortung nehmen, nehmen sie auch ihre Würde. Das Thema bleibt wichtig.

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