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Karen Jeppe. Mutter der Armenier

11. April 2010

»Zerstörung kann nicht immer ungeschehen gemacht werden, aber Beziehungen können wieder aufgebaut werden. Das gilt nicht nur für Nationen, sondern auch für Individuen, und es ist die einzig mögliche Grundlegung für Frieden.« (Erika Brooks, ASF-Freiwillige aus den USA in Berlin)

An einem sonnigen Tag, irgendwann Anfang 1916: Karen Jeppe steht auf dem Hof des Waisenhauses in Urfa und kann das Leid um sich herum nicht mehr ertragen. Neben ihr liegt eine Frau, die ein Kind zur Welt bringt, eine andere klammert sich an ihr totes Kind und wiegt es, andere sind kraftlos zusammengesunken. Kaum eine der Frauen, kaum eines der Kinder trägt Kleidung, die diesen Namen verdient. Durch das Tor fährt der Leichenwagen. Er wird die Verstorbenen der vergangenen Nacht abholen. Aber ist es der Leichenwagen? Ist es nicht die Hochzeitskutsche für ihre Kinder, für Misak und Lucia? Wird nicht gesungen und gelacht? Ist nicht alles geschmückt? Ein frohes Fest?

Eine Illusion. Wie lang dauert sie? Ein paar Sekunden? Minuten? Dann ist es vorbei. Und dort steht wieder der Wagen. Kein Schmuck, kein Gesang. Nur das Stöhnen der Leidenden. Und der Wagen, der die Toten wegbringen wird. Karen Jeppe verlässt den Hof. Sie ist am Ende ihrer Kraft. Sie kann nicht mehr helfen. Alles, was sie tut, ist ja doch viel zu wenig. Bei wem soll sie anfangen? Und wenn sie der einen hilft, wird die andere sterben. Welches Recht hat sie zu einer solchen Entscheidung? Es ist sinnlos. Und überhaupt: Wie soll sie all den Tod tragen und ertragen?

Maria Sick erzählt diese Szene in ihrem Buch über Karen Jeppe, das Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts entstand. Seit ich das Buch von Maria Sick gelesen habe, geht mir diese Geschichte nicht mehr aus dem Kopf. Ob sie historisch so je geschehen ist, weiß ich nicht. Vielleicht hat es sich so zugetragen. Vielleicht auch nicht. Wahr ist die Geschichte dennoch, wahr in einer anderen Weise: Sie erzählt von dem unmenschlichen Leiden der Deportationszüge, die ab dem frühen Sommer 1915 erst ab und an, dann in nicht abreißender Folge nach Urfa kamen. Von der Konfrontation mit einer brutalen und unverständlichen Gewalt, einer Phantomwelt, die zur einzig wahren Welt wird und dem Leben, das normal war oder nach den Massakern unter Sultan Hamid wieder normal geworden schien, keinen Raum mehr lässt.

Viele von Ihnen sind mit diesen Erfahrungen persönlich durch ihre Familien verbunden. Sie haben Erinnerungen gesammelt oder erzählt bekommen. Sie waren der Geschichte ausgeliefert, sind bis heute eingebunden. Aber auch wir, die wir als Deutsche oder Menschen anderer Nationen quasi von außen in die Geschichten treten, sind betroffen. Die Deutschen mit ihrer sehr persönlichen und ambivalenten Geschichte zwischen den Helfenden und Mitleidenden wie Johannes Lepsius oder Armin T. Wegner, um nur zwei der vielen wichtigen Namen zu nennen, und auf der anderen Seite den Menschen der Macht, die daneben standen, zusahen, wegsahen, mittaten, schwiegen und so das Grauen ermöglichten.

Aber Maria Sick erzählt auch von anderem: Sie erzählt von der Kraft einer dänischen Frau, die aus freiem Willen und mit dem einzigen Ziel, sinnvoll zu helfen, in die Katastrophe geriet. Wenn ich Ihnen jetzt von dieser Frau erzähle, so möchte ich nicht in erster Linie von dem Mord sprechen, über den Sie als Nachkommen ohnehin mehr wissen als ich. Ich möchte Ihnen von meinem Weg zu Karen Jeppe erzählen und von meiner Beziehung zu dieser ungewöhnlichen und mutigen Kämpferin für die Rechte der Leidenden. Ich möchte Ihnen von dem Mut zum Leben, Überleben und Sich-nicht-geschlagen-Geben erzählen. Von einem Mut, der uns heute vielleicht helfen kann, zu gedenken und gleichzeitig uns dem Leben zu stellen.

Ende des 19. Jahrhunderts, etwa 1896/97, erfuhr Karen Jeppe von den Morden an dem armenischen Volk. Sie war zu dieser Zeit Lehrerin in Dänemark. Ihre schwache Gesundheit hatte sie früh gezwungen nachzudenken. Die viele erzwungenen ruhigen Zeiten hatte sie mit Lernen verbracht. Sie war frei. Sie hatte keine eigene Familie, war nicht verheiratet, hatte keine eignen Kinder. Und sie war von den Berichten erschüttert. Ihre Überlegungen waren in etwa Folgende: Ich lebe hier allein und friedlich, während andere leiden. Ich habe keine eigne Familie, keine Menschen, denen ich auf diese Weise verpflichtet wäre. Andere können nur schwer ihr Land verlassen. Ich habe die Freiheit, dies zu tun.

Im Auftrag des Hilfswerks von Dr. Johannes Lepsius ging sie Anfang des 20. Jh. nach Urfa, um dort die Leitung des armenischen Waisenhauses zu übernehmen. Zunächst lernte sie die armenische Sprache, dann organisierte sie die Betreuung der Waisenkinder neu. Sie verstand sich selbst nicht als Missionarin im damaligen Sinn. Sie wollte die Menschen nicht aus ihrer Kultur lösen, nicht zu ihrem eigenen ev. Glauben bekehren, sondern ihnen zur Seite stehen, mit den Gaben, die ihr gegeben waren. Ihr christlicher Glaube war eher praktischer Natur. So adoptiert sie zwei der Waisenkinder, einen Jungen, Misak,  und ein Mädchen, Lucia, und arrangiert, so wie es in armenischen Familien üblich ist, nachdem sie herangewachsen sind, ihre Hochzeit.

Schon zu dieser Zeit waren die Verhältnisse aufgrund der vergangenen Übergriffe angespannt, aber keiner ahnte, was kommen würde. Noch als die ersten Trecks ankamen, konnte keiner überschauen, welche Lawine im Rollen war. Geradezu zeichenhaft wird ihr in dieser ersten Zeit der Bruder Misaks, Alexan, als persönliches Geschenk zugesandt. Wie befremdlich das auch in unseren heutigen Augen klingen mag. Damals hieß es vor allem eines: er wurde ihrer Fürsorge anvertraut. Diese Fürsorge wird für Karen Jeppe zur Lebensaufgabe.

Zunächst versuchte Karen Jeppe wie die Armenier aus Urfa, wie Jakob Künzler, der Leiter der Schweizer Hospitals …  zu helfen. Die schon vorher nicht einfachen finanziellen Verhältnisse verwandelten sich in ein Debakel. Die durch den Weltkrieg veränderte Lage verhinderte die Zustellung der Gelder, die notwendigen zusätzlichen Hilfen verringern die Finanzen zusätzlich. Und die Menschen, die Urfa erreichen, sind in einem immer schlechteren Zustand. Mittlerweile wird klar, dass auch die Armenier aus Urfa früher oder später abtransportiert werden. Karen Jeppe gehört zu denen, die in ihrem Haus Menschen verstecken. Das Waisenhaus ist aufgelöst, die Ankommenden brauchen den Raum. Und in Karen Jeppes Haus wohnen bereits mehr Menschen als gewöhnlich. Aber es ist nicht ausreichend. So wird ein zweiter Keller gegraben, damit sich wenigstens einige dort verstecken können. Karen Jeppe sieht die aussichtslose Lage. Als sich die Armenier von Urfa erheben wollen, ist sie eine Verfechterin dieser Notwehr. Und sie lehnt eine Kapitulation ab. Aber die Türken überreden die Aufständischen zum Aufgeben – ohne die Versprechungen zu halten. Natürlich werden alle Aufständischen hingerichtet.

Neben der Sorge um die Ankommenden und um die Freunde in Urfa, sorgt sich Karen Jeppe um ihre beiden Adoptivkinder. Ihr Sohn ist mit einigen anderen auf dem Grundstück, das Karen Jeppe zu ihrer eigenen Versorgung gekauft hat. Die Tochter kann sie nicht auf Dauer schützen. Aber es gelingt ihr, sie vor dem Abtransport mit Geld zu versehen. So kann Lucia nach Urfa zurückkehren. Sie ist schwer krank. Aber sie lebt.

Irgendwann sind Karen Jeppes Kräfte erschöpft und sie bricht zusammen. Die überstürzenden Ereignisse und die brennenden Sorgen bringen sie an die Grenzen. Die ihr Anvertrauten sorgen sich um ihr Überleben und fürchten zeitweise ihren Tod. Jakob Künzler begleitet sie bis Aleppo. Von dort aus reist sie nach Dänemark zurück.

Jetzt könnte die Geschichte von Karen Jeppe und den Armeniern enden. Jetzt könnte der Wagen des Todes gesiegt haben. Aber ein neuer Wagen tritt in das Leben von Karen Jeppe. Er ist rot. Wie das Leben.

Nach dem Ende des Krieges kehrte Karen Jeppe nach Aleppo zurück. Es gibt Überlebende. Und man kann und muss ihnen zur Seite stehen. Und ihre Familie ist in Aleppo: Misak und Lucia, Alexan und seine Lucia. Im Auftrag des Völkerbundes organisiert sie mit mutigen Helfern eine Unterstützung der Überlebenden. Es gilt, den meist alleinstehenden, verwitweten und oft vergewaltigten Frauen Mut zu machen und ihnen eine Möglichkeit zur Arbeit zu geben. Viele armenische Kinder wurde verkauft und oft wie Sklaven gehalten. Karen Jeppe setzt sich dafür ein, dass sie freigekauft werden oder ihre Flucht unterstützt wird. Sie möchte mit den Arabern zusammenarbeiten. Und wenn es möglich ist, versucht sie gemeinsam mit den Helfern mit ihnen eine Lösung für die Frauen und die Kinder zu finden. Aber ein lebenswertes Leben steht für sie über den politischen Erwägungen. Der rote Wagen ist im Land unterwegs. Und immer wieder erzählen Menschen armenischen Kindern, zwangsverheirateten armenischen Frauen von der Hoffnung. Wer fliehen kann und in Aleppo ankommt, bekommt ein Dach über den Kopf und etwas zu essen. Und Karen Jeppe sammelt mit ihren Mitarbeitern die Geschichten der Frauen, fotografiert sie, um das Leid, das diese Frauen erlebt haben, zu dokumentieren. Sogar ein Werbefilm wird gedreht, der in Dänemark zu sehen ist, und um Spenden wirbt. Bis 1927 wird ihre Arbeit vom Völkerbund unterstützt, danach ist sie noch dringender auf Spenden aus aller Welt angewiesen. Die Weltwirtschaftskrise macht die Arbeit zusätzlich schwierig. Trotz ihrer immer wieder angegriffenen Gesundheit kämpft Karen Jeppe in Aleppo. Sie ermutigt zu einem neuen Anfang, den die Leidenden selbst, in ihrer katastrophalen Lage nicht finden können. Sie verhandelt um Land und baut mit an den neuen Siedlungen, die sich die Armenier damals in der Nähe Aleppos schaffen. Heute sind diese Gebiete ein Teil der Millionenstadt.

Als Karen Jeppe 1935 in Aleppo stirbt, erhält sie ein armenisches Staatsbegräbnis. Sie ist zur fremden Mutter der Armenier geworden.

Karen Jeppe ist, wie viele Frauen, die sich an die Seite der Armenier gestellt haben, fast vergessen. Vielleicht nicht in Aleppo, aber doch in Deutschland. Der letzte Roman über sie erschien in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Dabei sind ihre Arbeit und ihr Mut gerade heute wieder wichtig. »Zerstörung kann nicht immer ungeschehen gemacht werden, aber Beziehungen können wieder aufgebaut werden. Das gilt nicht nur für Nationen, sondern auch für Individuen, und es ist die einzig mögliche Grundlegung für Frieden.«, sagt Erika Brooks.

Karen Jeppe ist eine Frau, die gelebt hat, wie man leben könnte. Und die mich ermutigt, nicht aufzugeben, sondern mich dem Leben zu stellen, wie es mir begegnet. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns. Die Zerstörung, die unsagbare und so sinnlose Gewalt macht sprachlos und wütend. Das erzwungene Schweigen, die Nichtanerkennung des Völkermordes durch die türkische Regierung sind eine offene Wunde. Die die notwendigen Verarbeitung der Trauer auf beiden Seiten verhindert. Und das schadet nicht nur den Armeniern, es schadet auch den Türken und es schadet der Gemeinschaft in dieser Welt. Es ist nicht hinzunehmen. Gerade darum ist das Gedenken an Karen Jeppe heute wichtig. Sie stand mit ihrem Leben und ihrer Person für den Aufbau von Beziehungen, für eine Gemeinschaft TROTZ allem, was geschehen war. Nicht um jeden Preis. Aber doch im Sinne des Lebens und einer gemeinsamen Zukunft in der einen Welt. So versuchte sie zuerst zu verhandeln und eine Einsicht zu erzielen. Aber sie ließ sich von der ausbleibenden Einsicht wiederum auch nicht abhalten. Das Leben und die Zukunft derer, die ihre Hilfe brauchten, zählte mehr als alles andere. Ihre Haltung, ihr Leben ermutigt zu einem Mitleiden, das Zukunft eröffnet. Es erschöpft sich nicht in billigem Mitleid. Damit schafft sie eine Grundlage für Frieden, die mich mehr als nur beeindruckt. Viele dienen wie sie diesem Ziel. Wenn wir heute hier wie an vielen anderen Orten gedenken, so sollte die Achtung vor den Toten, Verzweiflung und Trauer sich paaren mit dem Wunsch der Hoffnung und dem Engagement für einen Frieden dieser Art.

»Zerstörung kann nicht immer ungeschehen gemacht werden, aber Beziehungen können wieder aufgebaut werden. Das gilt nicht nur für Nationen, sondern auch für Individuen, und es ist die einzig mögliche Grundlegung für Frieden.«

Bettine Reichelt

(Vortrag zum Gedenktag an den Völkermord an den Armeniern 2009)

Sendung zum Thema: http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/aghet/295227?datum=2010-04-13

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