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Philipp Melanchthon. Zum Gespräch geboren

20. März 2010

Der kleine große Grieche

„Nicht Türme oder Mauern sind so feste Bollwerke für die Städte, wie eine Bürgerschaft, die Bildung, Einsicht und andere Tugenden besitzt.“ Davon war Philipp Melanchthon zutiefst überzeugt. Ein Mensch ohne Bildung weiß nicht, wer er ist und wer er sein kann, hat keine Sitten und kann weder die Welt noch den Glauben erfassen. Glaube ohne Bildung? Unmöglich! würde er noch heute ausrufen. Darin unterschied er sich schon zu seinen Lebzeiten von einigen seiner Mitmenschen.

Als er im Sommer 1518 in Wittenberg vom Pferd stieg, war davon fast nichts zu erahnen. Er war sehr jung, gerade 21, ziemlich klein, nur 1,50 m groß, lispelte stark und gestikulierte beim Reden heftig. Für die Wittenberger Professorenschaft war er wohl in diesem Moment eine Enttäuschung. Der berühmte Hebraist Johannes Reuchlin hatte den jungen Mann für die neu eingerichtete Griechischprofessur empfohlen. Nun ja. Auch berühmte Männer können irren, dachte man sicher. Drei Tage später änderte sich die Lage schlagartig. Philipp Melanchthon sprach in seiner Antrittsvorlesung von seinen Plänen und Hoffnungen für die künftigen Studien: Zurück zu den Quellen, zu den Schriften im Urtext! Lest nicht mehr nur die oft schlechten Übersetzungen. Und: Bedient euch eures Verstandes! Genau das wollten viele auch in Wittenberg: Den Verstand gebrauchen und zu den Ursprüngen zurückkehren. Auch Luther wollte das: Eine Kirche, die das Evangelium ernst nimmt und nicht die Tradition über das Wort stellt. Melanchthon war hoch begabt, wenn auch äußerlich unscheinbar – und er hatte im Handumdrehen die Herzen seiner Zuhörer erreicht. Dieser Mann ist der richtige für uns, urteilte Luther nach der Vorlesung. Dass die Entscheidung für Wittenberg eine Lebensentscheidung war, ahnte jedoch niemand.

Martin Luther und Philipp Melanchthon waren von dieser Stunde an aufs engste verbunden. Es war damals durchaus üblich sowohl Lernender als auch Lehrender zu sein. Melanchthon hörte bei Luther theologische Vorlesungen, Luther ließ sich von Melanchthon in Griechisch und Hebräisch unterrichten. Bereits ein reichliches Jahr nach seiner Ankunft legte Melanchthon Baccalaureats-Thesen in der Theologie vor und erwarb damit zusätzlich seinen ersten und einzigen Abschluss in diesem Fach.

Der unbekannte Reformator

Melanchthon warf sich mit aller seiner Kraft in die neuen Aufgaben. Die Wirkung seiner theologischen und pädagogischen Arbeit im Sinne der Reformation und des Humanismus und ihrer Verbreitung kann kaum überschätzt werden. Er erarbeitete neue Schulbücher, mit denen – damals erstmals wieder – ein Zugang zum Griechischen möglich wurde. Er stellte Schul- und Universitätsordnungen zusammen. Besonders bekannt ist seine Schulgründung in Nürnberg. Neben einer gründlichen Sprachausbildung gehörten Musik und „Leibesübungen“ zum Stundenplan. Die Schüler sollten nicht mehr nur in einer, sondern in drei altersmäßig getrennten Klassen unterrichtet werden. Zu seinen Lebzeiten und darüber hinaus haben Schüler in den öffentlichen Schulen vor allem seine Werke gelesen. Das humanistische Gymnasium wäre ohne ihn ein anderes geworden.

Melanchthon legte bereits 1521, er war gerade vier Jahre in Wittenberg, erstmals eine systematische Zusammenfassung der neuen Lehre der Reformation vor, die sowohl in Latein als auch in Deutsch Verbreitung fand. Als engster Mitarbeiter Luthers war er an der Entstehung und Überarbeitung aller größeren Schriften des Reformation beteiligt oder hat sie in wesentlichen Teilen verfasst. Seine Verbindung von Humanismus und reformatorischem Christentum prägte die ersten Jahrzehnte der entstehenden Konfession. Sie war so genial wie umstritten. Sein Leben prägten Religionsgespräche und Wissenschaft, Gutachten und Ordnungen für Schulen und Universitäten, daneben immer wieder eigene Veröffentlichungen. Seine späten Lebensjahre waren überschatten von – aus heutiger Sicht schwer verständlichen – erbitterten Streitigkeiten.

Melanchthon. privat

Hatte dieser Mensch denn auch ein Privatleben, möchte man fragen. Er hatte. Auf Drängen der Freunde, vor allem Luthers, heiratete Melanchthon im Alter von 23 Jahren Katharina Krapp. Sie war, ebenfalls 23-jährig, eine vergleichsweise alte Braut. Er war von diesem Plan wenig begeistert und wäre gern nach der Verlobung von seinem Versprechen zurückgetreten. Die Ehe nannte er  „eine neue Knechtschaft“. Vor Katharina und Philipp Melanchthon lagen schwere Jahre: Katharina Melanchthon kämpfte bei den drei ersten Geburten mit dem Tod. Melanchthon litt mit ihr. Melanchthon selbst war gesundheitlich nicht stabil, brauchte einen sehr regelmäßigen Tagesablauf und war oft auf Schonkost angewiesen. Die schweren Zeiten schweißten das Ehepaar zusammen. Melanchthons große Freude waren die Kinder und Enkel. Ihnen galt seine Sorge, mit ihnen litt er, um sie trauerte er: 1529 starb sein Sohn Georg noch als kleines Kind, 1546 Tochter Anna im Altern von 24 Jahren nach 10-jähriger, sehr unglücklicher Ehe. Die Kinder der jüngsten Tochter spielten in Melanchthons Arbeitszimmer und brachten Freude in seine von Streitereien übschatteten

Das Jahr 2010 ist zum Jahr für Philipp Melanchthon bestimmt worden. Ein Jahr lang tritt der friedliebende Systematiker und Außenminister der Reformation in den Blick. Es ist eine Einladung zu einer Entdeckungsreise, spannend werden kann.

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3 Kommentare leave one →
  1. 21. März 2010 07:33

    Eine unglaublich spannende Biographie und eine neue Welt für mich.

    • 21. März 2010 19:40

      Im Melanchthonjahr wird man sicher an einigen Stellen etwas über ihn lesen können. Es ist auch für mich immer wieder eine sehr spannender Weg in diese Zeit, wenn ich auf seine Biographie schaue …

  2. 16. Februar 2013 19:14

    Anlässlich der Wiedereröffnung des Melanchthon-Hauses in Wittenberg habe ich einen Artikel über Melanchthon auf meinem Blog veröffentlicht: http://wp.me/p2YCuY-fo

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