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Liljana, schwere Seide

10. März 2010


Istanbul, 2001, Reise in den Frühling, Reise mit Liljana aus Skopje quer durchs Land. Kennenlernen, erste Gespräche über Belanglosigkeiten in einem Kauderwelsch aus Geste und Wort. Ich bemerke mit Erschrecken, dass mein Russisch mittlerweile Kleinkindniveau erreicht hat, Mazedonisch ist mit völlig fremd, Englisch spricht Liljana nur einige Brocken. Erst ziemlich spät entdecken wir, dass es mit Französisch ganz gut geht – und dass wir beide die Literatur mehr als nur schätzen.

Liljana Dirjan gehört zu den bedeutenden dichtenden Mazedonierinnen, in einer Sprache, dem Mazedonischen, die vergleichsweise jung ist. In Deutschland ist sie nur wenigen bekannt. Ihr Name verrät, dass sie Armenierin ist. 1953 wurde sie in Skopje geboren, studierte an der Philosophischen Fakultät in Skopje. Ein Studienaufenthalt führte sie nach Paris. Eine wichtige Erfahurung. 2001 erschien ihr erster Gedichtband auf deutsch, übersetzt von Sabine Fahl, die sie erst nach der Übersetzung kennenlernt. Aber so sagt Sabine Fahl in der ihr eigenen herzlichen Art zur Begrüßung: „Ich kenne Sie schon, aus ihren wunderbaren Gedichten!“. Und spätestens von diesem Moment an war das Eis zwischen den beiden Frauen gebrochen.

Türkeireise 2001: Während wir als Gruppe fröhlich unseren Urlaub genießen, verdüstern sich die Verhältnisse in Mazedonien. Krieg, plötzlich hautnah. Liljana trägt schwer an den Sorgen. Wird ihr Mann noch zu Hause sein, wenn sie zurückkehrt oder …? Der Kontrast hätte schärfer nicht sein können zwischen sonnigen, sorglosen, freien Tagen und den Nachrichten, die uns erreichen.

In Leipzig, Frühjahr 2002, sehen wir uns wieder. In ihrem Land herrscht so etwas Ähnliches wie Frieden. Liljana kann wieder unbelasteter reisen und liest in Leipzig ihre Gedichte gemeinsam mit ihrer Übersetzerin. Ein harter Lyrikabend wird uns angekündigt, einen tief-schürfender Lyrikabend dürfen wir erleben. Aus den schweren Verhältnissen ihres Landes, aus dem eigenen Erleben, ihren Ängsten und Freuden schöpft Liljana Poesie. Im bürgerlichen Leben ist sie Chefin der unabhängigen Frauenzeitschrift „schena“, die ihre Beiträge nicht auf das typische Frauenklischee reduzieren lassen will, steht sie als Frau und Mutter im Schatten ihres berühmten Mannes Bogumil Djuzel, der Shakespeare übersetzt und Organisator des über die lokalen Grenzen hinaus bekannten Sommer-Literatentreffs in Struga ist. In der Stille, in der Tiefe entfaltet sie ihre Träume und Bilder und wird in Mazedonien gehört. Sie erzählt von schweren Zeiten, dem Jahr 89 zum Beispiel, und wir als Hörer spürten ihre Tränen hinter den Texten. Sie lenkt unsere Blicke auf die harmlosen Fragen der Kinder, die plötzlich einen doppelten Boden zeigen. Still und aufmerksam lauschte die kleine Schar der Besucher in der „Edition Erata“ den Worten und Bildern des weitgereisten Gastes. Und hätte ich Liljana nicht gekannt, ich wäre an diesem verregneten Abend auch zu Hause geblieben. So aber hatte ich das Glück sie einmal ganz anders zu erleben, eben als Dichterin, begleitet von ihrer Übersetzerin, die durch ihre wunderbar klare, ausdrucksvolle Art zu lesen den Zugang zu den Gedichten ebnen half.

Längst steht Liljana in Skopje wieder ihren Mann. Längst sind neue Gedichte entstanden, andere Auflagen der Zeitschrift erschienen. Aber der Abend wirkt nach. Immer einmal wieder nehme ich den Band in die Hand und lese die nun schon vertrauten Texte: Schwere Seide mit einem eigentümlich schillernd-verzaubernden Glanz.

Liljana Dirjan, Schwere Seide. Gedichte, Corvinus Presse Berlin 2000, in der Reihe: Welt statt Berlin Band 9, ISBN 3-910172-72-5

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One Comment leave one →
  1. 11. März 2010 14:43

    Bei diesem Bericht bekomme ich Gänsehaut. Meine Heimat ist so nahe an dem Geschehen und die Erinnerung holt mich ein trotz der Entfernung von 60 Jahren.

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