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DER VERGESSENE KRIEG

8. Januar 2010

Vor einigen Jahren entstand dieser Text, der mittlerweile an einigen Stellen auch veröffentlicht wurde. Die Krise in Afghanistan und die unselige Diskussion hier in Deutschland macht mir wieder einmal deutlich, wie aktuell der Text noch immer ist. (Bettine Reichelt)

Einmal entstand ein Brand in der Welt. Der drohte die Welt zu versengen. Lange ignorierten die Menschen auf der einen Seite alles, was sie hätten sehen können.  Und die anderen? Sie konnten nicht wegsehen, sie waren mittendrin. Das Geschrei der Bomben zerriss ihnen das Trommelfell. Ganz still war es dagegen auf der anderen Seite. Ganz still.

Die in der Stille dachten sich weise: Dort wo es brennt, ist keine Stille. Frieden muss bleiben, hier wo er ist. Frieden kann man nicht teilen. Verunsichernd war nur kriegerische Flamme, die von dort herüber zu lodern drohte. Wir müssen den Frieden, die Freiheit schützen, sagten die Menschen. Und ließen keinen mehr in ihr Land. Jetzt war wieder alles in seiner Ordnung.

Nach langem Zögern wurde ein Sicherheitstrupp entsandt. Die Stille war endlich wieder sicher. Der Sturm blieb draußen. Das Leben ging in den gewohnten Bahnen weiter. Man konnte sich dem Eigenen zuwenden. Dass später gelegentlich aus der Nachbarschaft ein Junge dorthin entschwand, gehörte fast zum guten Ton. Jeder Stille hat ihren Preis. Und dieser Frieden auch. Und immerhin wollen wir doch etwas dafür tun, sagten die Menschen. Sie sagten wirklich fast durchgängig wir, auch wenn ihnen kaum bewusst war, wohin die halben Kinder und die wenigen freiwilligen Älteren entschwanden.

Als dann die ersten Särge nach Hause zurückkehrten und mit fahnenreicher Ehre in der Erde versanken, war das erstmals wirklich beunruhigend. Was sollte man denn nur der Nachbarin sagen, der Frau mit den kleinen Kindern, den Freunden? Aber im Herzen stand ihnen: Für einen Frieden ist das  notwendig.

Ganz entfernt hörte man gelegentlich etwas über den Hunger oder das ungleiche Leben hier und dort, von Machtvorteilen und Geldnachteilen, auch vom Kampf der Kulturen um die Vorherrschaft in der Welt sprachen einige. (Jedoch nur gelegentlich und hinter vorgehaltener Hand; unter dem Banner der Freiheit sah man das nicht sehr gern.) Die Gutwillig-Edlen spendeten. Sie gaben Kleider, Spielsachen, lieber noch Geld aus dem eigenen Überfluss. Die Gestrengen hielten die Unterschiede für die unabwendbare Folge der eigenen Bemühungen. Die meisten interessierte das Leben jenseits der Blickgrenze ganz und gar nicht. Die Einlinigen hielten alles nur für den verwerflichen Einfluss der Fremden, die so mirnichts dirnichts ins Land durften – die strengen Gesetze, die denen außen das Kommen verboten, hielten sie nicht für ausreichend.

Leicht zerstritten lebte jeder für sich seinen Frieden, jedenfalls dort, wo noch welcher war. An die fernsehreichen Bilder waren sie mittlerweile gewöhnt. Fast war es prickelnd im Lehnstuhl, Nüsse knackend das ferne, fremde, leidvolle Leben zu sehen. Danach ließ sich ruhig schlafen.

Ein paar wenige machten sich auf, um zu sehen und zu helfen, wo sie nötig waren. Sie brachten Gespendetes, Brot, Milch, Kleidung und Decken zu denen, die den Lärm hören mussten. Und sie hörten und weinten. Waren sie doch selbst Hilflose unter Verzweifelten, Ängstlichen, und gerade darum Aggressiveren. Wer konnte, so wussten sie, suchte dem Leben hier zu entfliehen, gutgestellte Fremden taten das auf ihre Weise. Selbst die höchste Mauer kann einer überspringen, selbst das dichte Netz hat ein Loch. Aber alle, die sich zur Stille begaben, trugen eine Flamme im Herzen, die brannte lichterloh. Sie nährte sich aus der Liebe zum Eigenen. Und bei manchem aus dem Hass gegen alle, die im Geringsten anders als sie zu leben gewillt waren. Denn kam nicht aus dem Streit um die Andersheit eben dieser Krieg? Wäre da nicht eine andere Seite, gäbe es keinen Feuer, keinen Lärm, keinen Krieg. Um die Flamme wussten die wenigsten. Aber die sie erkannten, hatten Angst vor ihrer Gewalt. Sie war zu jeder Art Brand befähigt. Aber wen die Aufmerksamen auch warnten, sie wurden nicht gehört.

Als diese Flamme auch vor der Tür der Unbeteiligten zu züngeln begann, wuchs unter ihnen die Angst. Also schickten sie Männer aus, ihr zu begegnen. Es wären die Letzten, meinten die Großen, die den Frieden noch retten könnten. Zwischen dem wirklichen Brand und den Wohnorten im Frieden lagen noch hunderte Kilometer. Die Vögel sangen, Blumen blühten, nur gestern gab es keinen geräucherten Schinken. Wie überaus ärgerlich.

Später brauchte sie keinen Schinken mehr.

Das Erstaunlichste folgte darauf: In Schutt und Asche, an allen Ecken regte sich weiter Leben. Ein paar waren weiser geworden und fragten, was wohl wirklich geschehen war. Sie betrachteten die alte Freiheit und entdeckten eine Ideologie, sie fragten nach Essen und Trinken und entdeckten Abgründe aus Gier. Sie ahnten zwischen ihren Entdeckungen und den alten Entwicklungen Zusammenhänge. Sie hätte gern anders zu leben begonnen und setzten sich gegen die vielen doch nicht durch.

Jahre später waren Schutt und Asche überbaut und fast vergessen. Überlebende von damals gab es kaum noch. Sehr weit weg brannte das erste Haus. Wir müssen den Frieden, die Freiheit schützen, sagten die Menschen.

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3 Kommentare leave one →
  1. 8. Januar 2010 16:05

    Danke für diese sehr tiefen Gedanken. Der Weg zum Frieden geht nur über die Herzen der Menschen. Wer kann sie so berühren, dass sie bereit sind zu lieben?

    • 24. Januar 2010 17:32

      Ich denke, das schwere ist, in einer Konfliktsituation auszuhalten, dass man so unglaublich angreifbar wird. Martin Luther King jun. sagte irgendwann einmal, der Weg der Gewaltlosigkeit sei nichts für Feiglinge. Ich glaube, weil wir so wenig Mut haben, gibt es so viel Gewalt und so wenig wirkliche Liebe unter uns.

  2. 9. Januar 2010 13:24

    So oder anders kann es sein.

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