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Unter weißer Pracht – Winterweg im Labyrinth

3. Januar 2010

Gestern war ich gezwungen, mir neue Schuhe zu kaufen. Am zweiten Tag des Jahres. Was für eine symbolische Handlung. Dabei hatte ich nichts weniger als das geplant. Ich mochte meine alten. Sie waren warm und praktisch. Und außerdem mittlerweile ausgetreten. Mit ihnen würde ich mit Sicherheit keine Blasen mehr bekommen. Aber der Absatz war so nachhaltig demoliert, dass es keine Reparatur mehr gab. Der Schuster erklärte es mir mit einigem Bedauern. Und bei seinen Erklärungen ging mir die Geschichte vom alten Wein in den neuen Schläuchen durch den Sinn. Also gut: es mussten neue sein.

Und mit eben diesen neuen, entsprechend reibenden Schuhen machte ich mich dann auf den Weg durch den Winterwald, hin zum Labyrinth. Alles lag tief verschneit. Es war anzunehmen, dass auch das Labyrinth unter einer Schneedecke begraben sein würde. Aber der Weg war ja einigermaßen eingetreten. Man würde ihn schon erkennen können. Dachte ich. Dem war freilich nicht so. Die Schneedecke war dicht. Nur einige Erhebungen erinnerten daran, dass tief darunter noch etwas anderes sein musste. Der Weg. Ich war nun einmal hier und entschlossen, den Weg zu gehen. Ob er nun zu sehen war oder nicht.

Das Unternehmen stellte sich als schwierig heraus. Manchmal ahnte ich den nächsten Schritt, manchmal halfen mir eben jene Erhebungen und die Erinnerung an den Weg, wie ich ihn kannte. Aber oft genug sah ich im Gegenlicht nur eine Fläche aus weißer Watte vor mir, ohne jeglichen Anhaltspunkt. Einfach nur weiß. Ich hätte genauso gut im Dunkeln gehen können. Es wäre nicht einfacher gewesen. Und da hätte ich noch die Chance auf den Mond und die Sterne gehabt. Hier leitete mich nichts als die Erinnerung an einen alten Weg, von dem ich wusste. Jetzt aber musste ich ihn mir selber bahnen. Ein neuer Weg. Eben mein Weg mitten in der Einförmigkeit der weißen Schneedecke. Irgendwann ging mir der alte Goethe durch den Sinn: Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen. Ein Albumspruch, den man überblättert, den ich überblättern würde. So oft gehört. Banal. Abgetreten. Heute kam er mir in den Sinn. Das Zeichen, das ich suchte, der Weg im Labyrinth ist ein Erbe. Und ich habe es angenommen. Aber ist es ein Teil meines Lebens? Ist es wirklich mein Weg? Oder plappere ich verständnisfrei etwas nach, was Leute früherer Tage eben auch gesagt haben? Was ist das für ein Weg, den ich da suche? Will ich das überhaupt? Und was heißt es, wenn ich ihn zu meinem Weg mache? Wird er mich binden, versklaven oder neue Horizonte entdecken lassen?

Andererseits hatte das Zugedeckte, weiße, glatte, die Einförmigkeit, mich nicht nötig. Es bedeutete mir nichts und ich hatte keinen Raum darin. Es wäre bequem, sich in dieser Gleichförmigkeit aufzuhalten, ohne sie zu gestalten. Denn sie ist ja schon. Aber ich würde nichts über mich erfahren, nie wissen, wer ich selber bin. Und bin ich nicht deshalb aufgebrochen? Um wieder zu erfragen, wer ich bin? Wer ich in dieser Welt geworden bin und werden kann? Mein Weg stört das Einerlei. Er stört in gewisser Weise auch mich. Ich frage und suche. Selbst wenn es vielleicht keine Antwort geben sollte.

Es ist anstrengend. Der Schnee ist knöchelhoch. Ich bin auf einmal dankbar, dass ich irgendwann während meiner Zeit bei der Freiwilligen Feuerwehr gelernt habe, die Hosen über die Schuhe zu ziehen. So fällt nichts hinein. Keine Glut, damals. Und heute kein Schnee. Ich schwitze. Ich wate vorwärts. Aber ich bleibe trocken. Und weiter und weiter wird es mein Weg. Aber nicht nur mein Weg, sondern auch eine Fortsetzung des Weges unter dieser Decke. Ich schaufle ihn gewissermaßen frei. Ein Weg, von den Vorvätern gegeben, um zur Mitte zu finden. Vielleicht ist meiner etwas tramplig, holprig, unbeholfen. Aber mehr und mehr tritt er ans Licht, wird offenbar.

Natürlich: Auch der Weg, den die Vorväter getreten haben, kann ein Irrweg sein, kann mich abhängig machen oder sogar zerstören. Aber vielleicht ist ein Pfad vertrauenswürdiger, den nicht nur eine Familie, eine oder zwei Generationen gegangen sind, sondern der über Jahrhunderte und Jahrtausende von verschiedenen Menschen geebnet wurde? Vielleicht erweist sich in dieser ausgeloteten Weite eher das Wahrhaftige, Göttliche, das, was mich trägt und weiter weist?

Ich überwinde meine Unsicherheit und gehe einfach. Gehen, suchen, aufnehmen, weitergehen. Und da ist der Weg. Schon für mich da. Ich präge ihn. Und nehme ihn zugleich auf. Und indem ich mich hindurchpflüge, nehme ich den Weg auch als meinen Weg zur Mitte an. Der Weg, den mir andere vorgelebt haben, wird mein Weg. Und ist nun ein anderer und neuer. Wenn auch nicht völlig losgelöst aus alten Bindungen.

Als ich die Mitte erreiche, bin ich durchgeschwitzt und stolz. Ein altes Kirchenlied kommt mir in den Sinn: Weg hast du allerwegen, / an Mitteln fehlt dir’s nicht; / dein Tun ist lauter Segen, / dein Gang ist lauter Licht; / dein Werk kann niemand hindern, / dein Arbeit darf nicht ruhn, / wenn du, was deinen Kindern / ersprießlich ist, willst tun. Paul Gerhardt. Ich denke: Vielleicht hat er sein Leben auch oft so erlebt, als eine Wegsuche. Vor Gott. Der Weg ist ja da. Aber man kann ihn nicht entdecken. Man kann ihn nur selbst wieder herausarbeiten – mit all den Anstrengungen und Misserfolgen und Rückschlägen, die das in sich trägt.

Der Rückweg ist um vieles einfacher. Ich sehe, wo ich langgegangen bin. Und dennoch muss ich stehen bleiben und überlegen, mich orientieren. Die neuen Schuhe beginnen zu drücken und zu reiben, die Irrwege des Hinwegs irritieren mich wieder und wieder. Ich halte durch. Nicht weil ich müsste. Ich könnte gut und gern querfeldein nach Hause gehen. Und wäre schnell und unproblematisch daheim, im Warmen, könnte die Schuhe ablegen und die wunden Füße pflegen. Aber es ist der Weg, der mich bindet, den ich mir gewählt habe und den ich nicht verlassen möchte.

Am Ende wende ich mich zurück. Das Labyrinth ist im Schnee zu erkennen. Ein bisschen bucklig, aber wieder da. Das Kreuz, das ich abgegangen bin, wirkt durch meinen Holperweg wie ein Pfeil, ein Pfeil, der zu Mitte weist: Dort geht es hin, da ist dein Ziel. Es ist ermutigend, dieses Labyrinth zu sehen. Das Jahr, ungepflügt und wenig eingelaufen wie meine Schuhe erhält eine erste Prägung, eine Ahnung von Weg. Es ist der Rahmen, der mir gegeben ist, mich zu halten und zu führen.

Erfüllt von diesen Gedanken mache ich mich auf den Weg nach Hause. Vermutlich habe ich einige Blasen zu versorgen. Noch immer fällt leise der Schnee vom Himmel. Unaufhörlich. Vielleicht ist schon morgen von meinem Pfad kaum noch etwas zu entdecken. Vielleicht beginne ich morgen wieder neu mit der Suche nach meinem Weg. Aber er ist da. Heute weiß ich sicher, dass er da ist und da sein wird. Er wird darauf warten, dass ich ihn entdecke.

Für alle Interessierten: http://www.begehbare-labyrinthe.de/index.html?leipzig.htm

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4 Kommentare leave one →
  1. 6. Januar 2010 09:36

    Das klingt nach einem guten Ritual für den Jahresbeginn: sich durch Labyrinth finden. Dann kann doch an den restlichen Tagen nicht mehr viel schief gehen!

    • 6. Januar 2010 14:44

      Naja, es kann an den restlichen Tagen schon noch einiges schiefgehen. Aber es ist in der Tat ein sehr intensives und bewegendes Ritual am Anfang des Jahres …

  2. 10. Januar 2010 11:29

    Du bist der Weg.

    • 10. Januar 2010 12:24

      So weit würde ich nicht gehen. Aber ich denke schon auch: Der Weg ist in mir 😉

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