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Das Volk, das im Finstern wandelt – Versuch über das Licht

31. Dezember 2009

Dezember, Januar, Winterszeit. Es ist oft dunkel. Ich kann nicht weit sehen. Manchmal habe ich Angst. Wer kommt mir entgegen? Freund oder Feind? Die Dunkelheit verschluckt alles. Ich muss mich vorwärts tasten. Selbst in der Wohnung suche ich unbeholfen den Lichtschalter.

Es ist dunkel. Ich habe Angst, denn ich weiß nicht, was kommt. Ich kann es nicht sehen.

Wenn ich dann eine Kerze entzünde, wird es um mich hell. Ich nähere meine Hände dem Licht. Und sie werden warm. Die Wärme tut mir gut, erreicht mich wie ein schützender Mantel. Das Licht strahlt mir diese Wärme entgegen. Aber was ich fühle, ist nicht das Licht.

Was ist es, das Licht? Ist es einfach nur der Gegensatz von Dunkelheit? Ist es die Wärme? Was ist sein Geheimnis, dass mich immer aufs Neue berührt?

Aus der dunklen Zeit des Jahres ist das Licht nicht wegzudenken. Es würde unser Leben erschweren, könnten wir nicht wenigstens eine Kerze entzünden. Unvorstellbar, dass es einmal nicht so gewesen sein soll. Die Kerze wärmt den Tee, schenkt den Räumen einen eignen Glanz, wandert in Lampions als Leuchtkäfer durch die Nacht. Wie mögen unsere Vorväter und Vormütter es erlebt haben?

Sie saßen im Schein rauchender Öllampen und Fackeln am Feuer. Mit der noch jungen Kirche entstand ein Bedarf nach einer neuen Lichtquelle: der Kerze. Ihre Entwicklung ist eng mit der Entwicklung des Gottesdienstes und der Kirchen verbunden. Etwa im 2. Jahrhundert n. Chr. war die Entwicklung der Kerzen so weit fortgeschritten, dass man sie in geschlossenen Räumen verwenden konnte, ohne am Rauch zu ersticken oder vor dem Gestank fliehen zu müssen.

Für den Gebrauch im Gottesdienst entwickelte man die bis heute verbreiteste Form der Kerze: länglich und rund. Im 4. Jahrhundert gaben diese Lichter den Kirchen und Gottesdiensten den eignen feierlichen Rahmen. Dazu gehörte damals auch der Geruch nach Bienenwachs. Gerade in unserer Zeit wird das Geheimnis des Kerzenlichts in Verbindung mit angenehmen Gerüchen neu entdeckt. Es ist mehr als nur ein frommer Brauch.

Licht, auch das zarte Licht einer Kerze, hat Kraft. Es durchdringt die Dunkelheit. Vielleicht leuchtet es nicht weit. Aber in seinem direkten Umkreis werden die Schatten vertrieben. Neues tritt in den Gesichtskreis. Und Altes in neuem Schein.

Aus den Kirchen und Herrscherhäusern wanderte die Kerze im 15. Jahrhundert in die Wohnzimmer wohlhabender Bürger, in die gute Stube. Die Lichtlein waren sehr empfindlich und mussten gut gepflegt werden. Regelmäßig war der Docht zu „schneuzen“, zu putzen und zu kürzen. Bei Hofe und in den reichen Patrizierhäusern tat man das nicht selbst. Dafür wurde ein Wachsschneuzer angestellt.

Nach und nach wurde die Pflege des Lichtleins einfacher, besonders nach der Entdeckung des Stearins und des Parafins im 19. Jahrhundert. Etwa zur gleichen Zeit verbesserte man die Beschaffenheit des Dochtes, so dass die Kerzen nun ruhig und gleichmäßig brannten. Der Weg der Kerze in den Alltag, auf Tische und Balkons war geebnet.

Eine Geschichte der Weitung, die Geschichte der Kerze. Aber erklärt das allein schon das Geheimnis, das mit ihr verbunden ist? Ist das Licht nicht auch mehr? Ein Symbol, das sich nicht äußerlich erklären lässt, dessen Bedeutung mich aber so tief erreicht, das ich dafür nur schwer Worte finde? Die Kerze und ihr Licht gehört mittlerweile zu den Urerfahrungen wohl beinahe jeden Kindes in Mitteleuropa. Sie gibt ein Bild für Teile meines Lebens, hilft mir, mich selbst und die Welt um mich herum zu deuten, ohne dabei exaktes Wissen zu benötigen. Auch wenn das Wissen für das Verstehen hilfreich ist. Das Bild aber greift dennoch tiefer.

Licht ist kraftvoll. Licht ist heilsam. Wenn ich gesund bleiben will, brauche ich täglich Sonne, selbst wenn sie sich hinter Wolken verbirgt. Ständige Dunkelheit macht krank, Körper und Seele. Nicht ohne Grund gehört die Dunkelhaft zu den Foltermethoden. Wenn ich eine kleine, verletzliche Kerze entzünde, so kann mich das daran erinnern: Das ist jemand. Du bist da. Sie zeigt mir aber zugleich, wie empfindlich und klein ich in dieser weiten und bewegten Welt bin.  Doch wenn ich nicht mehr weiter weiß, wenn ich Freude oder Leid teilen will, bewege ich mich auf ein Licht, einen Menschen zu, der mich hoffentlich anhört.

Licht kann aber auch ein Zeichen der Warnung werden: Bis hierher und nicht weiter. Ab jetzt wird es gefährlich. Der Leuchtturm zeigt das Land an. Und zugleich warnt er vor den Untiefen, die mein Schiff im Umkreis des Landes stranden lassen.

Das Licht erweist seine eigene Kraft. Reinigend zerstört es das Dunkel, leuchtet alle Ecken aus. Auch die, die ich nicht sehen möchte. Die schmutzigen, unaufgeräumten, zerrt das Verborgene hervor. Will ich das? Möchte ich nicht gerade diese Ecken meiner Unvollkommenheit im Dunkel lassen? Zudecken? Aber das Licht kennt keine Grenzen. Und ich erkenne in seinem Schein, wo mein Tun beginnen muss.

Häufig ist gerade dieses Licht notwendig, um mich aus den festgefahrenen Bahnen herauszureißen. Heilend dringen die Strahlen der Sonne in mich ein. Im Licht atmet Gesundheit. Diese Kraft wird auch in der Medizin genutzt. Sei es der Laserstrahl, der die Operation erspart, seien es die „Ersatzsonnen“, die Menschen in der Winterdepression helfen.

Das Licht macht mich ruhig. Die Angst des Dunkel weicht. Weg ist zu erkennen. Jeder Stein, jeder Busch. Das gibt mir Sicherheit. Der Frieden des Lichts stellt sich ein. Als ob einer spräche: Friede sei mit dir.

Und so wurde das Licht auch zum Symbol für Gott. Und für Jesus. Im Evangelium des Johannes heißt es:  Er ist das Licht der Welt. Gott ist wie die Sonne: ein heilendes, lebensnotwendiges Licht. Und doch auch gefährlich. Die Alten wussten noch, was uns fast abhanden gekommen ist: An dem heiligen Gott kann man sich die Finger verbrennen. Nicht zuletzt deshalb wurden Gott und den Göttern seit Urzeiten gebändigte Feuer entzündet. Auch die Kerze ist ein solches Feuer.

Wenn ein solches Leuchten mich erreicht, dringt es merkwürdigerweise oft auch wieder aus mir heraus. Vielleicht hat dann ein Teil des großen Leuchtens mich entzündet. Unmerklich durchdringt und wandelt es mich. Vielleicht ist es so, wie es ein Rabbi beschrieb:

Er fragte einst seine Schüler: Wie bestimmt man die Stunde, in der die Nacht endet und der Tag beginnt? – Ist es dann, wenn man von Weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann? – Nein. – Ist es, wenn man von Weitem einen Dattel- von einem Feigenbaum unterscheiden kann? – Nein, sagte der Rabbi. Aber wann ist es dann?, fragten die Schüler. Es ist dann, antwortete der Rabbi, wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und deine Schwester oder deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.

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