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Von Sehnsucht und Würde

27. November 2009

Vogtländische Weihnacht / Falk Herrmann (http://www.falkfoto.de/startseite.html)

„Es gehört zu unserer Würde, dass wir uns nicht über alles hinwegtrösten lassen müssen“, sagt Fulbert Steffensky. Ich lese diesen Satz immer einmal wieder. Und fast regelmäßig protestiere ich dagegen: Ich will mich doch trösten lassen! Ich möchte doch, dass das Schwere nicht bleibt. Aber ist der Trost, den ich suche, das Gleiche wie ein Darüber-Hinwegtrösten?

Vieles, was uns umgibt, ist mit Mitleid oder guten Worten nicht zu heilen. Ich mache mir selbst etwas vor, wenn ich es einfach mit ein paar netten Worten abtue. Schwamm drüber. Und ab zum nächsten Tagesordnungspunkt. Dann ist es gut, dass wir empfinden, dass wir untröstlich traurig sein können über die Zustände dieser Welt. Dass wir uns nicht einfach damit zufrieden geben, nicht einfach auf den nächsten Sender umschalten. Es gibt eine Form von Verzweiflung über das Leid in der Welt, die ist heilsam und ermutigend. Es gehört zu unserer Würde, untröstlich sein zu können.

Auch von dem Glauben an den lebensspendenden Gott erwarte ich, sich nicht zufrieden zu geben, dass die Welt, dass das Leben vieler Menschen zerrissen ist von Leid. Glauben, ja Gott selbst kann es nicht genügen, dass es Menschen ganz offensichtlich nicht gelingt, gute Gaben und seine barmherzige Weisungen zu nutzen und umzusetzen. Das ist für mich das Geheimnis des Advent: Gott gibt sich selbst der Welt, riskiert das göttliche Scheitern, das allein ein Sieg anderer Art werden kann. Er wird angreifbar und missverständlich. Ein Kind. Ungewollt, jedenfalls so nicht gewollt. Ein Gott, der nicht mächtig ist. Der auf den Palast und die Dienerschaft verzichtet. Einer, den man ohne Weiteres mit Du ansprechen kann. Eine Provokation für jeden der auch nur einen Hauch für Prioritäten und Machtgefälle übrig hat.

Und dieser zerbrechliche Gott gibt uns Teil an seinem Wunder, nimmt uns in seinen Weg mit der Welt hinein. Es ist ein Weg voller Sehnsucht und Würde, voller offener Erwartungen und Hoffnung. Ein offener Weg, der keinen vereinnahmt. Es ist auch ein Weg, der Schmerzen, Missverständnissen, Anfeindungen und Tod nicht ausweicht.

Wenn wir in die Zeit des Advent eintreten und in einigen Wochen Weihnachten feiern, treten wir ein in den Kreis dieses Geheimnisses. Das Licht spiegelt sich in unseren Augen. Auch wenn das neue Jahr nicht alle unsere Wünsche erfüllten wird: Wir betreten es  – mit der Erfahrung von Advent und Weihnachten – dennoch als Gewandelte, als Menschen, die aus der Geborgenheit in Gott neue Schritte der Güte wagen werden.

Bettine Reichelt

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2 Kommentare leave one →
  1. 1. Dezember 2009 10:40

    Advent bedeutet Aufbruch. Sich auf den Weg machen. Anfangen Mensch zu werden. Das wäre dann Weihnachten.

Trackbacks

  1. Und dennoch… | Seelengrund

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