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Vom Kreuz mit dem Gebet

1. Oktober 2009

1. November 2007: Der Schüler Y. verrichtet gemeinsam mit sieben Mitschülern das islamische Mittagsgebet auf dem Schulgang. Daraufhin geht den Eltern ein Brief der Schulleitung zu, der mit Hinweis auf die Neutralität der Schule dieses Verhalten untersagt. Ein Stein kommt ins Rollen. Nach dem Beschluss am Dienstag erlaubt das Verwaltungsgericht in Berlin dem Berliner Schüler Y. in der Schule zu beten. Und zum ersten und einzigen Mal in meinem immerhin schon 42-jährigen Leben schließe ich mich der Frage der Bild-Zeitung an, die – wenn auch verkürzt – es auf den Punkt bringt: Kuschen wir vor dem Islam? Sind andere Religionen nicht ebenso zum Gebet aufgerufen? Was bedeutet es, dass die Schule einem Schüler einem Gebetsraum einräumt, weil er nach dem Recht des Islams beten muss?

Vor nur wenigen Jahre her wurden in Bayern auf richterlichen Beschluss die Kreuze aus den Schulen verbannt – als religiöses Zeichen. Begründung war die Neutralität der Schule in religiösen Fragen. Es betont die „negative Religionsfreiheit“ der Anders- oder Nicht-Gläubigen. Die Karlsruher Richter verwiesen damals auf die Gefahren, die entstehen könnten, wenn dem Recht auf  Religionsfreiheit aus Artikel 4 (Grundgesetz) Vorrang eingeräumt würde. Gilt dieses Recht zu negativen Religionsfreiheit in Berlin weniger als in Bayern? Ist den sich deutlicher Äußernden mehr Recht einzuräumen als anderen Gläubigen?

Angesichts der voranschreitenden Fundamentalismen in vielen religiösen Richtungen halte ich die Entscheidung des Berliner Gerichts für ein fatales Signal. Sie entspringt einer naiven Toleranzsicht auf den Islam. Welche Sprengkraft in der Aufgabe dieser Trennung liegen kann, ist weltweit zu beobachten. Ist eine solche Entwicklung perspektivisch wirklich wünschenswert? Zudem untergräbt die Entscheidung die kulturell gewachsene und für den europäischen Kulturkreis mittlerweile prägende Trennung zwischen Kirche und Staat. Özcan Mutlu, Politiker der Grünen, nennt diese Entscheidung „ein falsches Signal“ für die Integrationspolitik: „Die Schule ist ein Raum der Pädagogik und nicht des Gebets, egal welcher Religion. Wenn Sie einmal damit beginnen, sich auf betende Schüler einzustellen, ist das Ende nicht absehbar: Soll am Ende der Stundenplan auf die sich täglich ändernden Gebetszeiten eingetaktet werden? Das ist absurd und völlig unnötig. Im Koran steht ausdrücklich, dass Gebete nachgeholt werden können. Schüler, die dem Unterricht folgen müssen, sind eben ungewollt verhindert, Punkt.“ Und: „Kreuze und Kopftücher haben dort ebenso wenig etwas zu suchen wie Beichtstühle oder Gebetsräume. Dass die Berliner sich die Schule als religionsfreien Ort wünschen, hat in diesem Jahr erst das gescheiterte Volksbegehren für die Einführung des Religionsunterrichts als Wahlpflichtfach bewiesen.“ (im Interview mit der FR, http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wissen_und_bildung/aktuell/1970331_oezcan-Mutlu-im-FR-Interview-Die-Schule-muss-neutral-bleiben.html, Abruf 1.10.09).

Andere, wie der Journalist Ralph Giordano und der Autor Henrik M. Broder, werden noch deutlicher (ich zitiere nach den Zitaten in der Bildzeitung …): „Ich bin entsetzt. Wenn das Schule macht, müssen demnächst ganze Turnhallen dafür leer geräumt werden. […] Für mich ist die Nachgiebigkeit der deutschen Justiz der eigentliche Skandal. Denn der Grundsatz der Trennung von Kirche und Staat wurde hier aufgehoben“ (Ralph Giordano). „Das Berliner Verwaltungsgericht hat sich strikt an die islamische Sharia gehalten – für eine säkulare Demokratie ist das selbstmörderisch!“ (Henrik M. Broder)

Eine für alle geltende Religionsfreiheit wird durch dieses Urteil meiner Meinung nach eher untergraben als geschützt. Es bleibt abzuwarten, ob diese Entscheidung dauerhaft gültig ist.

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3 Kommentare leave one →
  1. 1. Oktober 2009 12:46

    Jedes Wort kann ich unterstreicehn, ich sehe es ganz genau so!

  2. 1. Oktober 2009 14:26

    Ich sehe das auch so. In anderen Ländern wird das wesentlich strenger gehandhabt. In den USA oder in Frankreich wird sehr streng auf die Trennung von Schule und Kirchen geachtet. Meiner Meinung nach sollte Deutschland das auch klarer regeln.

  3. 24. Oktober 2009 20:36

    hello,

    thanks for the great quality of your blog, every time i come here, i’m amazed.

    black hattitude.

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