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Pokemon in Sachsen

30. September 2009

Pokemon_Karte

Es war irgendein trüber Tag im Frühling. Ich erinnere mich nicht mehr genau, ob es regnete oder einfach nur kalt war. Aber es war der Tag, den wohl alle Eltern irgendwann erleben: „Mama“, sagte mein Sohn, „ich will zur Pokemonliga gehen“. Nicht genug, dass er diese recht teuren und in meinen Augen wenig sinnvollen Karten sammelte. Jetzt wollte er auch noch irgendwohin. Und vielleicht noch mehr Geld in Karten investieren. Und vielleicht sollte ich ihn auch noch fahren und abholen! Ich war, vorsichtig gesagt, nicht eben begeistert. Und fuhr schwere Geschütze auf: „Ich kann dich unmöglich regelmäßig dorthin fahren.“ Das schwere Geschütz verpuffte und zerplatzte wie eine Seifenblase, denn mein Sohn lernte daraufhin, allein Straßenbahn zu fahren und fuhr ab sofort jeden Donnerstag zur Liga. Damals war er zehn.

Mittlerweile sind ein paar Jährchen ins Land gegangen. Noch immer ist die Liga am Donnerstag, noch immer fährt er fast jeden Donnerstag quer durch die Stadt nach Eutritzsch, um in einer kleinen Wohnung, die der Spielzeugladen Werner angemietet hat, Karten zu spielen, zu trainieren, Pokemonkarten zu tauschen und Freunde zu treffen. Verändert hat sich lediglich – neben seiner Körpergröße – meine Einstellung zu Pokemon.

Pokemon spielen in Leipzig-Eutritzsch

Pokemon spielen in Leipzig-Eutritzsch

Leipzig hat zwei Treffpunkte für Pokemonspieler. Eine Liga in Eutritzsch und eine in Schönefeld. Die Kinder und Jugendlichen treffen sich in jeweils vom Laden angemieteten kleinen Wohnungen zum Kartenspielen. Die Räume sind bescheiden und eher praktisch ausgestattet. Und: die Kinder sind nicht allein. Sie werden in der Regel von einem erwachsenen, ehrenamtlichen Leiter betreut. Leiter der Pokemonliga in Eutritzsch ist Andreas Müller, der seit Jahren mit großem persönlichem Engagement für die Liga da ist. Neben den wöchentlichen Treffs organisiert er Fahrten zu Tournieren aber auch mal einen Grillabend. Denn auch das gibt es für Pokemonkartenspieler: Kartenwettkämpfe bis zur Weltmeisterschaft (in diesem Jahr in Kalifornien). Dafür werden in den wöchentlichen Treffs die Decks zusammengestellt, testet man Spielstrategien, tauscht sich mit anderen Spielern über die neusten Entwicklungen auf dem Markt aus …

Der Leipziger Treffpunkt existiert seit ca. 10 Jahren. Er ist langsam gewachsen. Mittlerweile hat er einen Namen unter den Spielern, weit über Leipzig hinaus. Das liegt vor allem am Einsatz der ehrenamtlichen Helfer. Mittlerweile organisieren die Leipziger, vor allem Andreas Müller eigene Wettkämpfe, den Sachsencup, zu denen Teilnehmer aus verschiedenen Teilen Deutschlands anreisen. Sogar Spieler aus der Schweiz sind schon bis Leipzig gekommen, um an einem Turnier teilzunehmen.

Das oft belächelte Spiel und die Begleitung im Leipziger Treff haben überraschende Entwicklungen zur Folge: Kinder, die nicht verlieren konnten, lernen nach und nach die eigenen Fähigkeiten einzuschätzen und mit Niederlagen umzugehen. Die Mischung aus Strategie und Glück lässt den Spaß nicht auf der Strecke bleiben, fordert aber auch zu logischem Denken und zum berechnen der eigenen Chancen heraus. Neben dem nötigen mathematisch-logischen Denken ist Pokemon nicht zu spielen ohne sich mit dem Englischen auseinanderzusetzen. So lernen schon Kinder im Grundschulalter ganz natürlich mit der Sprache umzugehen. Andreas Müller sagt, er sei oft erstaunt, wie gut die kleinen Knirpse die englischen Karten verstehen.

Zugleich sind die Treffen eine Form der Gemeinschaft, die betreut und begleitet werden muss. Für Andreas Müller ist der achtungsvolle Umgang miteinander wichtig. Er achtet beispielsweise sehr darauf, dass beim Tauschen niemand über den Tisch gezogen wird. Wenn einer mal mehr gibt, dann bekommt er es vom anderen an einer anderen Stelle zurück: Auch wenn ich nicht immer genau auf den Wert der Karten komme, bin ich insgesamt nicht benachteiligt, denn ich habe die Chance meine Karte, die ich dringend für mein Deck brauche, zu ertauschen, auch wenn ich in diesem Augenblick nicht genügend zum Tausch anbieten kann. In kurzer Zeit kann sich das umdrehen und dann komme ich dem anderen entgegen. Das lernen die Kinder schnell. Und so kommt es kaum zu Konflikten unter den Spielern.

Deutschlanmeisterschaft 2009, Köln

Deutschlandmeisterschaft 2009, Köln

Besonderer Höhepunkt in diesem Jahr war die Teilnahme an der Deutschlandmeisterschaft in Köln. Eine große Gruppe der Spieler, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, machte sich auf dem Weg, die Betreuer engagierten sich als Preisrichter oder hinter den Kulissen für das große Turnier. Fast alle Leipziger Spieler schafften es in die Endrunden. Das Training der letzten Monate, die eigenen Tourniere, die Treffen mit anderen Ligen aus Sachsen, aus Freiberg oder Dresden beispielsweise, hatten sich auch an dieser Stelle gelohnt.

Am Donnerstag geht es  in Eutritzsch aber nicht in erster Linie um diese Erfolge oder Niederlagen, sondern um die Gemeinschaft und eine sinnvolle Beschäftigung in der Freizeit. Dass dieses Hobby durchaus in die Zukunft weist, zeigt sich an der Gewinnerin der Meisterschaft der Schweiz: Sie ist 62 Jahre alt.

Natürlich erwirtschaftet die Firma Amigo mit den Karten einiges an Umsatz. Und ihr Ziel ist es, die Spieler weiterhin zum Kauf der Karten anzuhalten. So sind z. B. in Abständen ältere Karten bei Tournieren nicht mehr erlaubt. Aber zugleich unterstützt die Firma die Organisatoren und die Turniere großzügig mit Preisen.

Dennoch wäre die Popularität des Spieles nicht zu erreichen, wenn es nicht viele wenig sichtbarer Helfer gäbe.  Das ehrenamtliche Engagement der Ligabetreuer in Eutritzsch und in den anderen Ligen nicht nur, aber gerade auch in Sachsen ist beachtlich. Und es gilt nicht der Firma, sondern den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die Pokemon spielen.

Pokemon2

Auch ich habe mittlerweile die Regeln gelernt und spiele ab und an. Zum Verlieren wird eigentlich immer jemand gebraucht …

http://www.tcg-leipzig.de/

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4 Kommentare leave one →
  1. 30. September 2009 12:23

    Klingt interessant, ich habe das immer für einen MArketinggag gehalten, um den Elern Geld aus der Tasche zu ziehen…Das gute alte Romméspiel ist halt preisgünstiger und kommt nicht dauernd mit neuen Figuren. Aber da winken die Kids heutzutage ab, oder?

    • 30. September 2009 12:33

      Das kann man so nicht sagen. Meine Söhne spielen beide auch ganz gern Rommé. Aber die Strategiemöglichkeiten sind bei Pokemon (und wohl bei den meisten der besseren „modernen“ Kartenspiele) schon etwas reichhaltiger und man muss sich immer neue Wege und Deckkombinationen ausdenken. Da kann Rommé nicht ganz mithalten. Aber preisgünstiger ist es natürlich. Ich würde es nicht gegeneinander ausspielen.

  2. Tupolew Tu-154 permalink
    21. August 2017 22:04

    Hallo
    Existieren die Pokemon-Ligen in Leipzig und Dresden denn noch? Ich habe nämlich Interesse, vielleicht wieder einzusteigen.

    Lieben Gruß
    Tu-154

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