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Des Menschen am besten begründete Hoffnung …

5. September 2009

Zum Tod des Leipziger Theologen Otto-Ernst Drephal II

Da sich leider (nach meinem bisherigen Kenntnisstand) keine Zeitung bereit gefunden hat, einen Nachruf für Otto-Ernst Drephal abzudrucken, veröffentliche ich den folgenden Artikel an dieser Stelle. Ich danke Pfr. Matthias Möbius (Leipzig-Grünau) für die Erlaubnis, sein Photo  in diesem Zusammenhang zu nutzen.

Otto-E. Drephal im Gespräch mit Fulbert Steffensky, November 2008

Otto-E. Drephal im Gespräch mit Fulbert Steffensky, November 2008

Er war eine Institution. Und er war eine Streitfigur. Er war genial und prägend – und für andere war er ein Ärgernis: der Leipziger Theologe Otto-Ernst Drephal. Wohl kaum eine Persönlichkeit des kirchlichen Lebens vereinte so viele Ambivalenzen in sich wie er. Er prägte 50 Jahre lang Schüler und Studierende in Leipzig. Und unzählige von ihnen sind ihm bis heute zutiefst dankbar, dass er in seiner eigenen, streitbaren Weise zum Lehrer und Begleiter, oft auch zur Vaterfigur wurde.

Otto-Ernst Drephal kam aus dem Norden nach Leipzig. In eine Stadt, in der man einige Stadtteilnamen, wie er sagte, nur niesen könne. Sie wurde ihm zur Heimat und zum Schicksal. Anfang der 60er Jahre übernahm er die Christenlehre für die Thomaner, dann das „Kirchliche Erziehungsamt“ – später das „Evangelische Jugend- und Erwachsenenseminar“ – und Religionsunterricht an Gymnasien. Darüber hinaus schickten viele Eltern ihre Kinder zu ihm, denn er war ein Vollbluttheologe, der zum eigenständigen Denken und zur Suche nach dem Lebenssinn Mut machte. Etliche seiner Schüler begründen ihre Entscheidung für das Theologiestudium mit seinem Namen. Und mit dem Ort, der neben Leipzig eng mit seinem Wirken verbunden war: Röbel/Müritz. Dort baute Otto-Ernst Drephal ab 1962, immer wieder von seinen Schülern und Freunden unterstützt, an einem kleinen Rüstzeitheim im Turm der Marienkirche. Für heutige Verhältnisse waren die Bedingungen zunächst mehr als bescheiden. Aber sie förderten die Gemeinschaft. Und diese Gemeinschaft trägt immer wieder neu, auch noch nach Jahrzehnten.

Die meisten seiner Schüler und sicher nicht wenige der Kollegen kamen gar nicht umhin, sich früher oder später mit Otto-Ernst Drephal zu streiten. Sein Wirken war genial, aber nie bequem. Doch dieser Streit war eher produktiv als destruktiv, denn er forderte heraus, die eigene Position zu reflektieren und zu verteidigen. „Nun aber, bitte, genau …“ war eine seiner häufigen Redewendung. Wer an der Oberfläche blieb oder vom Zeitgeist gefressen war, hatte es schwer mit ihm.

Der berufliche Erfolg war immer wieder überschattet. Otto-Ernst Drephal ist gesundheitlich und in der Auseinandersetzung um sein Wirken nichts erspart geblieben. Die Verletzungen haben ihn tief geprägt, aber nie davon abgehalten, weiter in seinem Sinn Theologie zu betreiben und zu lehren. Was er anderen vermitteln wollte, hatte er sich selbst in sein Leben hinein sagen lassen: Die Botschaft von der Wirklichkeit eines liebenden und treuen Gottes.

Am 20. August verstarb der große und streitbare Theologe im Alter von 70 Jahren. In einer seiner Andachten schrieb er Worte über das, was weiter trägt, als das Leben reicht: „Gottes Liebe ist wirklich des Menschen am besten begründetet Hoffnung; auf sie kann ich mich mitten im Leben auch dann noch verlassen, wenn ich alles loslassen muss. Ganz realistisch: Das ist wunderbar! Dieses Wort, das uns hilft, das können wir uns nicht selber sagen: Noch heute wirst du mit mir bei Gott sein, zu Gott zurückfinden. Aber wir können es uns sagen lassen.“

Zur Trauerfeier und Beisetzung am 28. August 2009 auf dem Friedhof in Leipzig-Gundorf wurde seine Familie von Hunderten Schülern und Freunden begleitet. Die Thomaner sangen, was er ein Leben lang geliebt und gepredigt hatte. Der Predigttext aus dem 51. Psalm formulierte den tiefsten Grund seines unermüdlichen Einsatzes: „Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund Deinen Ruhm verkündige.“

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3 Kommentare leave one →
  1. Ziegs, Rebecca permalink
    18. September 2009 08:38

    Liebe Frau Mesalina,
    mein Name ist rebecca Ziegs. Ich besuche derzeeiz die 12. Klasse der Thomasschule und forsche am Thema „Thomasschule zwischen 1945-1989“. Der Schwerpunkt meiner Arbeit beschäftigt sich mit den Repressalien des Staates gegen das humanistische und christliche Menschenbild im Thomanerchor und in der Thomasschule.
    Pfarrer Drephal war zweifelsfrei ein unumstößlicher Kämpfer für beide. Und nun deshalb meine Frage:
    Haben Sie weitergehend zum Pfarrer Drephal geforscht? Wenn ja könnten Sie sich vorstellen, mich mit ihren Informationen zu unterstützen? Wenn ja, so würde ich Ihnen einige meiner Fragen in einer weiteren mail gerne zusenden. Bis zu einer hoffentlich positiven Antwort verbleibe ich, mit den besten Wünschen für ein schönes Wochenende freundlich grüßend
    Rebecca Ziegs

    • schröder permalink
      2. Februar 2010 14:44

      hallo rebecca, ich habe otto drephal gut gekannt und gehörte zu den ersten teilnehmern an rüstzeiten in der marienkriche in röbel. ich habe es sehr bedauert, dass nach dem tod von otto drephal kein einziger „offizieller“ nachruf über ihn in der regionalen presse erschienen ist. sollten sie im zug ihrer arbeit an mehr infos zum tod von o.d. „herangekommen“ sein würde ich mich über eine kurze rückmeldung unter g.kurta@web.de sehr freuen. viel erfolg und beste grüße gabriele s.

  2. thino hönemann permalink
    7. März 2010 19:13

    es ist gelinde gesagt eine schweinerei, dass Ottos wirken von der stadt leipzig so wenig gewürdigt wird. stattdessen schmückt sich pfarrer führer mit der gründung der leipziger friedensgebete. mir jedenfalls war otto stets eine grosse hilfe im leben. ohne dass ich zu einem sog. Drephaljünger degradiert bin.

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