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Im Labyrinth des Lebens …

28. Juli 2009

Fingerlabyrinth an einer armenischen Kirche (heutige Türkei)

Fingerlabyrinth an einer armenischen Kirche (heutige Türkei)

Auf dem Weg zu Gott – auf dem Weg zu mir

Das Labyrinth ist ein Rätsel, es ist Geheimnis, ein Symbol: Ein Weg führt, sich windend zur Mitte, die Ende des Weges und Anfang des Rückweges ist. Wer das Labyrinth betritt, hat seine Wahl getroffen. Er geht auf einem sich verschlingenden Weg zur Mitte. Erst dort endet der Weg und muss neu begonnen werden. Seit einigen Jahren erfreut sich dieses Symbol wieder neuer Beliebtheit. An vielen Orten entstanden und entstehen begehbare Labyrinthe. Neben den Maislabyrinthen, die meist Irrgärten sind, sind in fast allen größeren Städten Heckenlabyrinthe zu finden. Vor allem die esoterische Szene nutzt den Weg durch das Labyrinth als Erfahrungsraum. Dennoch hat gerade die Geschichte der Labyrinths in Europa vor allem christliche Wurzeln.

Ein Blick in die Geschichte

Im Gegensatz zum Irrgarten besteht das Labyrinth nur aus einem unverzweigten, sich gewissermaßen faltendem Weg , der sich zur Mitte schlängelt. In der Umgangssprache scheinen beide Worte das Gleiche zu beschreiben. Eine Verwirrung der Begriffe. Sie ist so alt wie das Labyrinth selbst. Die bekannteste Form ist noch immer das sagenumwobene Labyrinth von Knossos, das für den Minotaurus als Gefängnis dienen sollte. Allerdings begegnet bereits vor dieser Zeit der kreuzungsfreie, einlinige Weg. Die Ursprünge der Wegform liegen im Dunkeln. Sie reichen mit Sicherheit weit vor unserer Zeitrechnung zurück. Vermutlich entstanden sie nicht als ein Gebäude, sondern aus einem Tanz, dessen Schritte sich durch das Wiederholen in den Boden einprägten. Sie war einst so populär, dass sie, Tonscherbenfunden zufolge, niederen Beamten als Zeitvertreib dienten. Während das Labyrinth in vorchristlicher Zeit nur in profanen Kontexten, also nicht in der Verbindung mit der Verehrung der Götter begegnete, tauchte es zu Beginn des 4. Jahrhunderts nach Jahrhunderten der „Pause“ in Nordafrika, im Bereich einer orthodoxen Kirche, die bis heute den Priestertanz kennt, wieder auf – nun aber im Zusammenhang mit dem christlichen Glauben. Die ersten archäologischen Funde werden um das Jahr 324 datiert. Die Form begegnete vor allem als Bodenmosaik im Eingangsbereich von Kirchen oder als Fingerlabyrinth im Eingangsbereich. In alten Handschriften wird von einem Ostertanz durch das Labyrinth von Chartres berichtet, den Bischof Fulbert (+ 1028) einführte. Im Anschluss an die Ostervesper tanzten die Kleriker im Labyrinth. Dabei sei als Symbol für die Sonne ein Ball zwischen ihnen weitergegeben worden. Dieser Ball musste, nach einem Beschluss von 1412, so groß sein, dass er nicht mit einer Hand gehalten werden konnte. Der Ball wurde bis in die Mitte des Labyrinthes, dem Ort der Begegnung von Himmel und Erde, Tod und Leben, dem Ort des Kreuzes geworfen und dort symbolisch Teil der österlichen Befreiung der Welt. Dabei sei der Osterhymnus „Victime paschali laudes“ gesungen worden.

Bis ins 18. Jahrhundert fanden sich Labyrinthe in und an vielen Kirche, vor allem in Frankreich und Italien.

Labyrinth in Leipzig (Küchenholz)

Labyrinth in Leipzig (Küchenholz)

Ein altes Symbol neu lebendig

Das Labyrinth symbolisierte den Weg des Büßers nach Jerusalem, aber auch den Weg des Glaubenden in die Mitte der Welt, zu Gott, durch das Leben zu Tod in der Mitte zu neuem Leben. Es war ein Weg der Meditation und der Innerlichkeit, ein Weg des Gebets in besonderer Form. In der Renaissance vergaß man die alten, vor allem mystischen mittelalterlichen Deutungen. Auch wenn das Labyrinth wiederholt in der Kunst begegnete, war es nun eher Sinnbild einer – mehr oder weniger berechtigten – Flucht vor der Welt als ein religiöses Symbol. Dementsprechend verkamen die alten Kirchenlabyrinthe mehr und mehr zu „Kinderspielplätzen“. Der störende Lärm und der fehlende Zugang zu ihrer Symbolik führte zu ihrer Zerstörung.

Allerdings entdeckte man die bauliche Besonderheit und den Schatz den sie darstellte im Nachgang der französischen Revolution um 1789. Groteskerweise wurde gerade in dieser Zeit des Aufbruchs und der Neuentdeckung der alten Formen das einzigenoch erhaltene deutsche Kirchenlabyrinth entfernt.

Heute vollzieht sich auch im Blick auf das Labyrinth ein tiefgreifender Wandel. Die Wiederentdeckung alter Formen und Symbole belebt auch die Labyrinthtraditionen. Traditionell betritt man das Labyrinth von Westen her, der Richtung des Sonnenuntergangs, in der Symbolik der Richtung des Todes. Über sieben, neun oder elf Umgänge bewegt man sich auf die Mitte zu und schreitet so die Form eines Kreuzes ab.

Der Blick auf Wende und der Wiedergeburt begleitet die Deutungen des Labyrinths. Ebenso kann es aber auch als Symbol für den Lebensweg gelten. Es hält dem Menschen, der den Weg abgeht, bewusst, dass sein Leben von einer Mitte bestimmt ist, auf die wir zugehen, von der wir uns entfernen, die wir aber erreichen werden. Wer das Labyrinth betritt, wer den Weg zu Gott beginnt, kommt mit Sicherheit an, wie groß der Umweg auch immer sein mag. Wer den Weg beständig geht und die Mitte, das Ziel erreicht, hat alles erreicht.

Es geht in der Erfahrung des Symbols nie um eine moralische Qualität, um gut oder böse, ja oder nein, sondern im Zentrum steht die Begegnung: mit sich selbst und mit Gott.

Labyrinth – in der Praxis

Im Gehen des Weges wandle ich mich. Diese Erkenntnis öffnet dem Labyrinth zunehmend Türen auch in den therapeutischen Bereich: So fördert der Weg zur Mitte die Konzentration, das Wechseln der Richtung die Körperwahrnehmung. Mit Überraschung wurden die positiven Auswirkungen eines Labyrinthes im Hausgarten eines Seniorenwohnheimes registriert und mittlerweile gezielt genutzt.

Eine vergleichbare Wirkung kann das Anlegen eines Labyrinthes mit und durch Kinder hervorrufen. Das Labyrinth verbindet Arbeit und Fest, Fürsorge und Feier. Kinder übernehmen beim Anlegen des Labyrinthes für eine begrenzte Zeit und einen begrenzten Raum Verantwortung. Sie entscheiden sich, unterstützt durch Erzieher und/oder Eltern für eine Form. Das Labyrinth ist auf Pflege angewiesen und macht zugleich den Wechsel des Jahres erfahrbar. Immer wieder beschreitet man gemeinsam den Weg zur Mitte, zur Wandlung, aber auch zum Zentrum des Lebens.

Die Erfahrung im Labyrinth wird mich wandeln, egal ob ich ein angelegtes oder ein selbst gestaltetes Labyrinth betrete. Es kann mir helfen, den Blick neu auf mein Leben und auf Gott zu richten. In der Wiederentdeckung dieses alten Symbols liegt eine noch weitgehend unentdeckte Chance für die spirituelle, mystische Erfahrung und Vertiefung des eigenen Lebens.

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5 Kommentare leave one →
  1. 29. Juli 2009 18:49

    Herzlich willkommen in der Blogosphäre!
    Sehr schön, dieser Beitrag über das Labyrinth.

  2. 8. August 2009 19:10

    das war sehr interessant zu lesen! danke und liebe grüsse, giannina

    • 9. August 2009 20:01

      Herzlichen Dank für den Kommentar! Liebe Grüße zurück von
      Bettine

  3. ilse permalink
    16. August 2009 15:10

    … wie schön, immer wieder neue labyrinthbeiträge zu lesen 🙂
    was mich noch interessieren würde, wo genau diese armenische kirche
    mit dem fingerlabyrinth ist ….wo genau „bis heute den Priestertanz kennt“

    ilse

    • 16. August 2009 17:39

      Liebe Ilse, diese armenische Kirche ist im Grenzgebiet der Türkei zum Iran. Der Priestertanz ist bis heute in der Koptischen Kirche üblich. Dort ist auch die Predigt eine eigne Kunstform. Sie wird in Reimen vorgetragen.

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