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Spurensuche im Libanon 2 – In der Bekaa-Ebene

28. Mai 2009

Mahnmal und Grabstätte für die Opfer am Musa Dagh in Ainjar

Der Libanon: ein reiches Land, eine Perle am Mittelmeer. In 20 Minuten kann man vom Meer bis auf 1000 Meter Höhe fahren. Die Berge sind fast zum Greifen nah. Und hinter den Bergen? Sebouh begleitet mich einen Tag durch die Bekaa-Ebene in seine Heimat, nach Anjar. Die Ebene erstreckt sich weit und karg vor uns. Wir fahren durch Dörfer und kleinere Städte, vorbei an einem kleinen Kloster, in dem Kühe gehalten und Käse hergestellt wird, bis nach Anjar, nahe der syrischen, aber auch nur wenige Kilometer von der israelischen Grenze entfernt. Die Stille und die Weite sind überwältigend. Während man in der Nähe Beiruts unvermeidlich im nächste Stau landet, begegnen uns hier eher gelegentlich Autos, gehen wir auf der Straße spazieren. Aber nicht nur die Still macht das Dorf einzigartig. Fast alle Bewohner sind Armenier. Und fast alle sind Nachfahren der sogenannten Musa-Dagh-Armenier. Die Geschichte des armenischen Widerstands am Musa Dagh wurde vor allem durch den eng an die historischen Ereignisse angelehnten Roman von Franz Werfel bekannt. An fünf Orten des damaligen Osmanischen Reiches leisteten die Armenier 1915 gegen die Deportation ihres Volkes Widerstand. Nur die meisten Flüchtlinge am Musa Dagh wurden gerettet. 6811 Menschen lebten in den sieben Dörfern rund um den Musa Dagh, 4231 widersetzten sich der Deportation. 18 Menschen starben bei der Verteidigung. Französische Kriegsschiffe wurden nach Tagen auf die beschriftete Rote-Kreuz-Flagge aufmerksam, nahmen die Flüchtlinge auf und brachten sie nach Port-Sa’yid in Ägypten. Am Ende des Krieges wurden sie in ihre Dörfer zurückgebracht. Doch damit endeten die Irrfahrten und Unsicherheiten der Familien nicht. Im Schatten des drohenden Zweiten Weltkriegs wurde die Region um den Musa Dagh von der französischen Mandatsmacht in die Hände des Türkischen Staates übergeben. Damit war die Zukunft der Armenier am Musa Dagh noch einmal völlig offen. 1068 Famlien wurden in die Bekaa-Ebene umgesiedelt, nach Anjar. Yetvart Boyadjian berichtet in seinem „Buch des Exils“ über die schweren Anfänge in der neuen Heimat, den Kampf gegen die Witterungsbedingungen und vor allem auch gegen Krankheiten. Von den Franzosen wurde für jede Familie ein Haus mit einem Raum errichtet, im oberen Teil lebte die Familie, im unteren die Kinder. Neben dam Haus befand sich die Toilette. Der Ort hat bis heute sechs Teile die die Namen der Dörfer um den Musa Dagh tragen: Kabusia, Vakif, Haji Hababli, Khdr Bek, Bitias und Yoghun Oluk. Sonst erinnert nur weniges an die schweren Anfänge. Da und dort sieht man eines der „Franzosenhäuser“ und die ehemaligen Wasserstellen. Aus dem armen Dorf ist eine Oase geworden. Eine Oase, die dennoch mit den alltäglichen Problemen des Libanon konfrontiert ist: Arbeit gibt es z. B., vor allem für höher Gebildete in der Region kaum. Die Schulbildung muss sich auch hier mit den veralteten Lehrplänen und Lehrbüchern auseinandersetzen … Organisationen wie das Armenian Relief Cross, die Karaghousian-Stiftung aber auch der Christliche Hilfsbund engagieren sich, um die Lebensbedingungen zu erhalten und wenn möglich zu verbessern. Der Hilfsbund bemüht sich im Augenblick darum, für die Waisenkinder und die Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen, die ihm Waisenhaus in Anjar leben, Computerarbeitsplätze zur Verfügung zu stellen, die ihnen einen Zugang zu modernen Medien eröffnet und ihre Chancen, nach der Schule einen Ausbildungsplatz zu finden, erhöht. Anjar ist es eine Oase. Sie fängt die Stille ein und sie ist für die Menschen und ihre Familie, die trotz der schweren Anfänge eine sympathische Stadt geschaffen haben, zur Heimat geworden. In friedlichen Zeiten zieht der Ort zahlreiche Touristen an. Denn der Ort, den in Deutschland kaum ein Mensch kennt, findet sich unter dem Weltkulturerbe. Das verdankt er den Ausgrabungen der Ruinen aus der Zeit der Ummayyden. Schweren Herzens verlasse ich nach einem viel zu kurzem Tag Anjar. „We keep in touch“, sagt Sebouh zum Abschied. Ja, wir bleiben in Verbindung.

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