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Spurensuche im Libanon, November 2008

26. Mai 2009

Beirut_16.11.08052Gelandet. Das Flugzeug ist nicht abgestürzt. Ich habe keinen Herzinfarkt. Ich habe nicht einmal den Sitz vor mir misshandelt. Es war ein netter sonniger Flug mit netten sonnigen Filmen. Abgesehen davon, dass das Flugzeug von Leipzig eine Stunde Verspätung hatte, ich in Roissy den falschen Flughafenbus genommen habe, von 2D nach 2F gehetzt bin, wegen einer Büroklammer die gesamte Tasche auspacken musste, verzweifelt nach Gate 56 gesucht habe und dann ratlos und allein und verloren irgendwo in Charles de Gaulle stand, bis ich mich doch zu einer Information durchgefunden habe, die mir dann auf Kosten der Air France ein Zimmer samt Abendessen und Frühstück organisierte. Aber jetzt bin ich hier. Draußen scheint die Sonne. Und man sagt, es seien 25 °C. Wenn ich bedenke, dass ich eben noch bei 2 °C durch den Pariser Nieselregen hätte stolpern dürfen, würde ich mich selber beneiden, wenn ich nicht gerade selbst hier wäre. Ich habe also tatsächlich den ersten Teil meines Abenteuers überlebt. Und stelle mich nun den nächsten Schritten. Es bleibt auf jeden Fall spannend.

Drei Wochen als Gast des Katholikosats der Armenisch-Apostolischen Kirche in Antelias bei Beirut liegen vor mir. Die Armenisch-Apostolische Kirche hat zwei Zentren, in Etschmiazin (Armenien) und in Antelias (Libanon). Das Oberhaupt wird „Katholikos“ (allgemein Oberhaupt) genannt, von daher kommt die Bezeichnung der Zentren als „Katholikosat“. Es ist der Sitz des Katholikos. Das Katholikosat von Kilikien hatte seinen Sitz ursprünglich in Sis in Kilikien (heute Türkei). Die Vertreibung und Ermordung der Armeniern führte zum Neuanfang zunächst Aleppo (heute Syrien), später in Antelias im heutigen Libanon. Die Kirchen und Klöster von Sis wurden zerstört.

Spurensuche im Libanon, in einem Land, das die Armenier gastlich aufnahm und als Perle des Nahen Ostens galt ‑ bis der Bürgerkrieg das Land zerstörte und an den Rand des Abgrunds brachte. Eine Spurensuche an Orten, die in den letzten Jahrzehnten mehr als andere die Schlagzeilen gefüllt haben. Und nur in den seltensten Fällen waren es erfreuliche Meldungen. Ich bin hier, weil ich mir selbst eine Aufgabe gesucht habe: nach den Wurzeln der Frauen zu suchen, die sich ganz dem Überleben der Opfer des Mordes an den Armeniern gewidmet haben. Und meine Wege werden mich zu den Kindern dieses Landes führen. Auch sie sind Überlebende, Überlebende der Kriege, auch des libanesischen Bürgerkrieges.

Das Katholikosat, besonders Vater Krikor, empfängt mich liebevoll. Ich habe ein wunderbares Zimmer im Gästehaus des Klosters. Und ich habe einen dichten Zeitplan: Besuch der Universitäten, Besuch verschiedener Hilfsorganisationen, Besuche in Schulen, Gespräche mit Verantwortlichen und Schülern. Jeden Tag ein neuer Punkt. Und fast jeden Tag ein anderer Begleiter oder eine andere Begleiterin. Sie nehmen sich die Tage für mich frei. Wo findet man das in Deutschland, dass einer seinen Urlaub opfert, um irgendeine Frau aus irgendeinem anderen Land durch das eigne Land zu begleiten? Ich bin nicht nur Gast des Klosters, ich bin auch Gast der Menschen dieses Landes. Und sie schließen mich in außergewöhnlicher Herzlichkeit in ihr Leben ein.

Vehan Etyemezian begleitet mich in die meisten Schulen. Sie koordiniert unter anderem die Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen wie World Vision für die bischöflichen (armenischen) Schulen in Beirut. Die Schulbildung insgesamt ist im Libanon durchaus gut, leidet aber unter den wiederholten Krisen. Die 40 Jahre dauernde unsichere Situation schuf eine neue Generation. Während die Regierungen kommen und gehen blieben die Lehrpläne bis heute erhalten. Auch die Schulbücher sind, so sagen mir einige Direktoren, hoffnungslos veraltet. Um mit den Entwicklungen mitzuhalten müssen die Lehrer vor Ort mit oft wenigen Mitteln ihre Ideen umsetzen.

Die Schwierigkeiten haben ihre Ursachen in den vielfältigen Problemen des Landes. Der Abstand zwischen arm und reich ist beträchtlich. Im Libanon leben Multimillionäre, die im Besitz ganzer Stadtteile sind. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt aber an oder unter der Armutsgrenze. Viele Gesprächspartner befürchten, dass die Mittelschicht, die auch im Libanon Träger der Traditionen und der Kultur ist, sich beträchtlich verkleinern wird oder ganz aufhört zu existieren. Das Land ist reich und arm zugleich. Und es ist geprägt von den vielen Traditionen, die gewachsen und entstanden oder eingewandert sind: der eher muslimisch geprägte Süden, in dem bis heute ein Großteil der libanesischen Palästinenser in Lagern leben, die Stadt Beirut, die Bekaa-Ebene, der Norden mit seinen Stränden. Neben den Muslimen gehört ein weiterer großer Teil der Bevölkerung gehört zu den verschiedenen Kirchen, die hier in Deutschland oft  kaum dem Namen nach bekannt sind. Neben der Armenisch-Apostolischen Kirche, die vor allem nach dem Völkermord an den Armeniern durch die in den Libanon ein gewanderten Armenier gewachsen ist, ist die Maronitischen Kirche zu nennen. Sie gehört zu den ältesten Kirchen der Welt. Die verschiedenen Traditionen, die wirtschaftlichen Diskrepanzen und die bedrohliche Lage in der Region machen es dem Land schwer zu einer friedlichen Entwicklung zu finden.

Erst im Frühjahr 2008 stand das Land vor einem erneuten Bürgerkrieg. Wochen der Angst. Und dann die Erlösung: Man fand zu einer neuen Regierung. Aber die Furcht vor einer erneuten Eskalation im Land ist überall zu spüren. Die Kinder und Jugendlichen vor allem der ärmeren Familien haben mit dieser Situation besonders zu kämpfen. Einerseits möchten sie, wie sie es im Fernsehen und auf Werbeplakaten sehen, mit der Welt über Handy, Computer etc. verbunden sein. Aber die westliche Prägung überfremdet die eignen Werte. Sie sind zerrissen zwischen dem, was ihre Eltern von ihnen erwarten und einer Scheinwelt, die für viele von ihnen unerreichbar und unbezahlbar ist. Die immer wieder aufflackernden Krisen belasten die Familien und lassen sie oft auseinander brechen. Da der Staat bisher nicht in der Lage war, die soziale und medizinische Absicherung über Krankenkassen etc. zu gewährleisten, erbringt die Familie auch die soziale Absicherung. Der Zusammenhalt in den Familien ist traditionell sehr groß. Man lebt miteinander, oft mehrere Generationen in einer Wohnung, man besucht sich. Die gegenseitige Wahrnehmung, die Art, wie man miteinander umgeht und der Wunsch, voneinander zu wissen, sind beeindruckend. In einer Familie, die durch einen guten Verdienst abgesichert ist, ist die finanzielle Unterstützung der Familienmitglieder eine Selbstverständlichkeit. Wie aber ist in einer Familie mit nur einem Verdiener, der vielleicht zudem eine schlecht bezahlte Anstellung hat, die Absicherung der Familie, insbesondere der Kinder zu gewährleisten?

Zu den Kosten für die Gesundheitsfürsorge kommen die Kosten für die Bildung. Auch der Schulbesuch muss bezahlt werden. Oft ist das für Eltern ärmerer Familien nicht möglich. Wer selbst eine schlechte Ausbildung hat, muss oft für einen geringen Lohn arbeiten. Eine kleine Wohnung kostet ca. 400 bis 500 Dollar, ein Arbeiter in einer schlecht bezahlten Stelle verdient in etwa 200 Dollar. Für ärmere Familien gilt deshalb: Nur wenn mehrere Familienmitglieder arbeiten, kann sich die Familie die Wohnung leisten. Oft werden deshalb vor allem Jungen früh aus der Schule genommen, um zum Lebensunterhalt beizutragen. Für sie beginnt der verheerende Kreislauf von Neuem.

Alle hoffnungsvollen Ansätze müssen sich mit der täglichen Gefahr auseinandersetzen. Sie ist überall spürbar. Immer wieder kommen wir in den Gesprächen auf die israelischen Angriffe zu sprechen. Und immer wieder spielen die 30 Jahre Bürgerkrieg eine Rolle. „Wenn du durch dein Land gehst, dann erinnerst du dich daran, wo Goethe gelebt hat, wo Bach geboren ist … Wenn wir durch unser Land gehen, so erinnern wir uns daran, wo wir gelitten haben und wo Menschen gestorben sind: dort in diesem Supermarkt habe ich einen Bombenangriff erlebt, an jener Ecke starb … Das ist das Haus an dem sie auf … geschossen haben.“, sagt Garo Aphrahamian, mein Begleiter durch die Archive und Universitäten, zu mir während wir im Garten der Amerikanischen Universität einen unvergleichlich schönen Blick auf das Mittelmeer haben. Die Spannung ist für mich, aus dem doch eher ruhigen Deutschland, schwer zu ertragen. Es macht mich hilflos. Und zugleich wächst meine Achtung vor allen, die gerade hier sich einsetzen wollen.

Denn auch das ist der Libanon: ein reiches Land, landschaftlich eine Perle am Mittelmeer. In 20 Minuten kann man vom Meer bis auf 1000 Meter Höhe fahren, ein Land, dass trotz allem von seinen Menschen geliebt wird und in dem sie gern bleiben würden – wenn es für sie eine Perspektive gäbe.

Gibt es sie? Vehan organisiert an einem der Tage ein Treffen mit ihrer Schwester, die in der bischöflichen Schule arbeitet. Voller Stolz führt sie mich unter anderem in eine der Vorschulklassen. Neben den „normalen“ Fertigkeiten kommt es vielen Schulen auch auf eine gute Sprachausbildung an. Die Kinder lernen an dieser Schule frühzeitig neben Armenisch, ihrer Muttersprache, und Arabisch, der Landessprache, auch Französisch. Und sie singen mir voller Begeisterung ein Lied in diesen drei Sprachen. Gibt es eine hoffnungsvolle Zukunft für diese Kinder? Es gibt sie, wenn nur der Frieden bleibt.

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4 Kommentare leave one →
  1. alanwallislloyd permalink
    26. Mai 2009 17:41

    Ein schöne Reisebeschreibung! Dabei sind weder die Geschichte noch die Gegenwart dieser Länder sonderlich erfreulich. Ich wäre aber gern mitgefahren!

  2. 26. Mai 2009 19:11

    Vielleicht beim nächsten Mal 😉

  3. LnddMiles permalink
    26. Juli 2009 21:13

    Pretty cool post. I just stumbled upon your blog and wanted to say
    that I have really liked reading your blog posts. Anyway
    I’ll be subscribing to your blog and I hope you post again soon!

  4. 29. Juli 2009 16:08

    Thank You! Sure next time I’ll write new blog-texts …

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